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VORZEICHEN

Dies sind Gespräche zur Gegen­wart. Die Prota­go­nist:innen arbeiten an einem Text, der eine andere Ordnung vor­spricht. So haben sie sich ver­gemein­schaftet.

#14 Senthuran Varatharajah
#14 Senthuran Varatharajah
Aber wenn wir wirklich das Ebenbild Gottes sein sollten, wenn sein Wort tatsächlich in Christus Fleisch geworden ist – müsste die Vorsicht, und die Demut, unsere Haltung des Sprechens über Gott nicht auch für uns Menschen gelten? Müssten wir dann nicht auch von uns nur in dieser Form sprechen können: in der negativen, apopha­tischen Rede? Du bist kein Stein. Du bist kein Wolf. Du bist kein Schatten.
#13 Isabelle Graw
#13 Isabelle Graw
Ich fantasiere immer, dass ich mit dem Wert der Kunst jetzt ein Grundlagenwerk zur Wertfrage vorlegen werde. Darin versuche ich ein für alle Mal zu klären, für alle nochmal zum Mitschreiben, worin der besondere Wert der Kunst, den eigentlich niemand nachvollziehen kann, eigentlich besteht. Ich habe das alles auch schon halbwegs im Kopf und denke: Jetzt muss ich sie »nur noch« aufschreiben.
#12 Jan Wenzel
#12 Jan Wenzel
Es gibt ein kleines Frag­ment von Marx: »Gesetzt, wir hätten als Menschen produziert. Jeder von uns hätte in seiner Pro­duk­tion sich selbst und den anderen doppelt bejaht«. Ich denke, dass ein solches Ver­ständ­nis von Arbeit den Begriff der Freund­schaft, der noch anderes umfasst, gar nicht braucht. Die Marxsche Beschrei­bung bietet ein Modell mensch­lichen Produ­zierens, eines, das nicht von den an der Produk­tion Beteiligten nur den Arm haben will oder eine bestimmte Leistung, sondern sie in ihrem Eigen­sinn und ihren jeweiligen Bedürf­nissen wahr­nimmt.
#11 Joshua Groß
#11 Joshua Groß
Was steht in den Schul­büchern am Anfang des 22. Jahr­hun­derts? Und warum sollten es die Ge­schich­ten von Joshua Groß sein werden? Das fragen wir uns, während wir an jenem Morgen unseres Gespräches die ersten mittel­deut­schen Tannen­wälder pass­ieren. Die zurück­liegende Moderne, hören wir Insa sagen, und ihre Stimme knistert aus den schmalen Handy­laut­sprechern, habe drei große Um­brüche gekannt und ihre Namen gehabt: Freud, Ford und Marx. Dann spricht sie von Joshua.
#10 Monika Rinck
#10 Monika Rinck
Ich glaube an das Lesen von Fuß­noten. Als könnte man sich rein­wühlen in die Vorrats­kammer, aus der die Person ge­schöpft hat. Ob da noch etwas für mich zu holen ist? Mein Blick ist anders: Jemand erkennt einen Kanarien­vogel und ich eine tolle Meise.
#9 Joseph Vogl
#9 Joseph Vogl
Meine eigene Tätigkeit würde ich darin er­kennen wollen, dass ich selbst nicht immer Lösungen für Probleme oder Ant­worten auf Fragen, sondern umge­kehrt zu be­steh­enden Ant­worten und Lösungen die ent­sprech­enden Probleme zusammen­suchen möchte. Wir sind von sehr vielen Ant­worten umgeben und haben oft die dazu­gehörigen Probleme ver­gessen.
#8 Marlene Streeruwitz
#8 Marlene Streeruwitz
Ich glaube, viele Personen haben Angst, über eine Re-Auf­klärung ihrer Person und ihrer Empfin­dungen, Empfind­lichkeiten und Gesinnung in ein grelles Licht zu gelangen, in dem sie ver­derben. Das stimmt nicht. Das ist alles ganz wunder­bar. Erkenntnis ist schön.
#7 Kerstin Preiwuss
#7 Kerstin Preiwuss
»Aber wohin ich in Wahr­heit ge­höre, das ist die dicht um­waldete Seen­platte Mecklen­burgs von Plau bis Templin, entlang der Eide und der Havel, und dort hoffe ich mich in meiner näch­sten Arbeit aufzu­halten, ich weiß schon in welcher Eigen­schaft, aber ich ver­rate sie nicht.« Das ist mein Satz.
#6 Juliane Rebentisch
#6 Juliane Rebentisch
Ich glaube, das ist über­haupt nichts, was sich von selber ver­steht – gegen­wärtig zu sein. In der Gegen­wart zu sein ist unheim­lich voraus­setzungs­reich. Denn der Jetzt-Punkt springt immer weg. Sich die Gegen­wart zu ver­gegen­wärtlichen, dazu braucht es Geschichts­verständnis. Sodass das Ge­gebene als Ge­wor­denes erscheint und sich gegen jeden Ein­druck von Still­stand durch­setzt.
#5 Insa Wilke
#5 Insa Wilke
Ich habe gelernt zu sehen, was passiert und es in Worte fassen zu können. Vieles spielt zusam­men, vieles changiert. Wie in der Litera­tur. Fest­legungen sind ungenau. Weil vieles gleich­zeitig eine Rolle spielt für die »Fest­setzung« der Funktion der Kritikerin.
#4 Sebastian Guggolz
#4 Sebastian Guggolz
Ich kann meinen Verlag als Er­folgs­ge­schichte erzählen. Mittler­weile bin ich ange­kommen. Ich kann weite­rhin Bücher machen. Die Leute erkennen heute, was ich mache. Es hat gedau­ert, bis ich von jenen, die ich bewun­dere, als das ange­sprochen wurde, was ich bin. Wenn sich die Leute nun heute immer noch wun­dern, kümmert mich das nicht. Sie können sich ja wundern.
#3 Peter Trawny
#3 Peter Trawny
Philo­sophie kann nie ein Beruf sein. Ich kann nicht Urlaub von der Philo­sophie machen. Ich muss mein Verhält­nis zu dem Anderen und zum Welt­leben auch philo­sophisch reflek­tieren und mit meinem Leben in einen Zu­sam­men­hang bringen. Es gibt nichts, was von der Philo­sophie nicht berührt würde. Es gibt nichts außerhalb der Philo­sophie.
#2 Fabian Saul
#2 Fabian Saul
Die Abwesen­heit muss benannt werden. Dinge, die nicht sichtbar sind, werden es in der Benen­nung. Es geht um eine An­häufung von Material. Ich bin wie ein Bild­hauer, der zunächst das Material zu­sam­men­fügt und dann nur noch weg­nimmt. Es geht also um das Ver­schwinden. Wir enden immer wieder an den Enden der Stadt, in ihren Kerben, in ihren Falten.
#1 Senthuran Varatharajah
#1 Senthuran Varatharajah
Der Vers ist nicht nur der Bruch, er ist auch das Brechende, das Ge­brochene, die Zer­brech­lich­keit selbst. Ich glaube, wenn man schreibt, wenn man wirklich schreibt, wird man zu einem Vers. Wenn man philoso­phiert, wenn man wirk­lich philosophiert, ist man zu einem Vers geworden. Man muss diese Zer­brech­lichkeit sein. Sie ist unerträglich.