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PRÄ|POSITION
TEXTUREN Karosh Taha
Karosh Taha

16. März, 1988

Während des Iran-Irak-Krieges, dem Ersten Golfkrieg, wurde die hauptsächlich von Kurd+innen bewohnte irakische Grenzstadt Halabja am 16. März 1988 vom irakischen Baath-Regime mit Giftgas attackiert, das von europäischen Firmen, unter diesen die deutsche Firma Karl Kolb GmbH, geliefert wurde. 5.000 Kurd+innen starben an diesem Tag, 10.000 erlitten Verletzungen. Nach dem Massaker treten Krankheiten wie Krebs und Missbildungen in dieser Region überdurchschnittlich häufig auf. Noch heute.


Wir wissen: Das Ende des Krieges ist nicht
das Ende des Krieges


er geht im Körper weiter.


Wortwörtlich übersetzt bedeutet es: ihr+sein Kopf brachte uns keine Güte. Wenn jemand auf die Welt kommt, zum Beispiel 1987 und im Jahr 1988 wird eine Stadt vergast, dann sagt man, ihr Kopf brachte uns keine Güte, als verkündete die Geburt eines Menschen den Tod eines anderen.


Ein Angriff auf eine Stadt reiht die Leichen wie zehn Zeilen eines Gedichts in geblümten Decken mit Seilen festgebunden zehn Leichen an Apfelduft erstickt in einem Vers angeordnet es waren nur keine zehn Leichen aber so viele Leichen passen nicht in einen Text bring sie nicht durcheinander in Halabja lagen die Leichen in der Verrenkung der Flucht aus der vergifteten Stadt in den Decken gehüllt lagen die Menschen in Roboski.


Der 16. März ist im Fernsehen verwaschen, die Farben zurückhaltend, die Leichen über die Stadt verteilt, an den Mauern liegen sie, zum Schutz,


An den Mauern der Stadt


an Häuserfassaden liegen Leichen an Häuserfassaden


liegen Kinder in den Armen der Väter


an den Häuserfassaden sitzen zwei Schwestern


An den Mauern überwache ich die Stadt.


Der Nachthimmel sieht aus wie der Nachthimmel im Sommer.


sie glaubten, sie werden noch beschossen, deswegen rannten sie an den Mauern entlang, deswegen liegen sie an den Mauern.


Sprache wurde erfunden, um unsere Vernichtung zu beschreiben, entlang der Mauern

Ich   kann  mir

all                die

Städtenamen

nicht   merken

so  viele   sind

es.

Wovon redest

du?

Das Alphabet

der Massaker.

Merk dir

Halabja.

Buchstabier

Dersim.

Schreib

Sivas.

Erinnere

Shingal.


Attackieren und bombardieren, eliminieren und enthaupten, vergasen und vergaßen, in Klammern:


Der Text würde nicht enden, stünde jedes Wort für einen Getöteten. Aber dieser Text hat nicht genug Wörter. Der Text verweigert sich mir. Ich vergase eine Stadt, wenn ich schreibe: Eine Stadt wird vergast. Ich teile den Text in Feldern; hoffend, die Hierarchie der Sätze zu brechen.


Iraqi Kurdish housewife: »We do have a complaint regarding the fact that a family with one martyr receives the same salary as another family with seven martyrs. We think that it should not be this way. There has to be equity, for those families with seven martyrs are not the same as those with one martyr.«


Der Grund, warum das Regime erst die Stadt bombardiert hatte, war die Menschen zum Verstecken zu zwingen und sie an einer Flucht zu hindern:


Denn in ihren Verstecken sollte das Gas sickern, in den Löchern sollten sie sterben.

Das Loch als Versteck wird in der irakischen Geschichte noch eine Rolle spielen.


Halabja war ein Kollateralschaden – das Ziel war andere Menschen zu töten, der Pilot hatte sich verflogen, er wollte andere Menschen vergasen, das Senfgas, das Saddam von einer deutschen Firma gekauft hatte, kaufte er, um andere Menschen zu töten, die deutsche Firma, die das Senfgas verkaufte, wollte andere Menschen töten. Halabja war ein Kollateralschaden. 


William Turner hat 1829 Halabja gemalt und es wurde betitelt mit: A Skeleton Falling Off a Horse in Mid-Air. Hinter der Figur eine senfgelbe Wolke.


Hätten wir nur keine Wände, hätten wir nur keine Mauern, hätten wir nur keine Fassaden. Hätte es nur keine Maurer gegeben, hätten wir doch nie gebaut, hätten wir doch nur zerstört.


Halabja ist die Geographie einer Narbe.


Karosh Taha
wird 1987 in Zaxo geboren. 1997 zieht sie mit ihrer Familie ins Ruhr­gebiet. Sie nimmt ein Studium an der Uni­ver­sität Duis­burg-Essen und in Kansas City/USA auf. 2018 erscheint ihr Debüt­roman, Be­schrei­bung einer Krab­ben­wan­derung. Ihr zweiter Roman, Im Bauch der Königin, folgt 2020.


Produktion: Konstantin Schönfelder, Holm Burgemann

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