von Kurt Drawert inszeniert von PRÄ|POSITION

Denn es gibt
keine Heimat

Wer also war ich, als ich es dach­te und sah? Bei Hegel fand ich den Satz: Ich schrei­be, um ein­mal zu wis­sen, was ich schon wuss­te. So ähn­lich le­se ich mich auch, denn ich füh­le, was ich fühl­te, als es ge­schah. Da­von nun hand­elt alle Lit­era­tur: eine Arch­äolo­gie des in­ne­ren Le­bens zu hin­ter­las­sen, eine kur­ze Spur der Er­kennt­nis in der lan­gen Ge­schich­te der Un­wis­sen­heit.
Der Stoff ist da­bei nicht von Be­lang – ob­gleich er ge­wiss auch nicht aus­tausch­bar ist, denn wir ha­ben kei­nen an­der­en als eben den, den wir ha­ben. Nur ist der Stoff nicht der Sinn, son­dern die Fo­lie, auf der er sich öff­net. Oder wie Flau­bert es no­tier­te: »Was mir schön er­scheint und was ich ma­chen möch­te, ist ein Buch über nichts, ein Buch ohne äu­ßere Bin­dung, das sich selbst durch die inn­ere Kraft sei­nes Stils trägt, so wie die Erde sich in der Luft hält, ohne ge­stützt zu werden.«
Und dann schrieb er eine der schön­sten Lie­bes­ge­schichten der Welt­litera­tur. Denn na­tür­lich, bei aller Ver­tei­di­gung der Li­tera­tur vor den Zu­mutungen ihrer Realitäts­zu­weisung und anek­dotischen Ersatz­be­friedi­gung, sagt sie eben auch et­was, und eben nicht nur als Form. Wir kön­nen uns die­sem »Sie sagt es« aber erst dann zu­wenden, wenn wir den Um­weg über ihr »Wie sagt sie was« durch­laufen haben.
Spiegel­land ist mir auch heute noch – oder viel­leicht gerade erst heute, wo der zeit­liche Ab­stand so vie­les auch be­stätigt hat, was in den 1990er Jah­ren noch trau­rige Voraus­schau war – ein be­sonderes, wich­tiges, per­sönliches Buch, durch das ich mich wahr­schein­lich mehr ver­ändert habe als durch alle anderen Bü­cher. Ich habe ge­litten, als ich es schrieb. Ich habe ge­litten, als es er­schienen war. Und ich leide, wenn ich es lese oder gar vor­lesen soll. Denn außer in mei­nen Ge­dichten ist kein Text­körper so sehr durch­drungen von exist­entiel­ler Ver­zweif­lung wie die­ser. Und es ist nicht nur die Ver­zweif­lung ei­nes puber­tierenden Joseph Gieben­rath der DDR, der gleich­sam dort »Unt­erm Rad« ge­lebt hat, sondern eines Ichs in sei­nem einzig­artigen Recht auf sich selbst.
Das macht den Stoff zur All­egorie und die Per­son zur Figur; so hoffe ich es; so wün­sche ich es. Und tat­säch­lich haben ja Leser im Wes­ten (eigent­lich fast nur im Wes­ten, weil das Buch für Leser im Os­ten zu früh kam) die­sen Ro­man einer Kind­heit und Ju­gend im Kor­sett der Dik­tatur ver­standen, so als wäre es auch ihre Ge­schichte ge­wesen.

Im Sinne einer Anleitung

»Denn es gibt keine Hei­mat« ist ein Mo­no­log aus zwei Tex­ten und einem Gespräch, das ich mit Kurt Drawert über die­se ge­führt habe. In einem be­schreibt Drawert die eigene Bio­graphie, die je­de andere sein könn­te, als die Ge­schichte sei­nes unter­ge­gangenen Her­kunfts­landes. Im an­deren geht er knapp drei Jahr­zehnte später in einen Osten zu­rück, den es nicht mehr gibt. Bei­de Texte sprechen zu­einander, hier tun sie es zum ers­ten Mal.

Sie lesen:
I Dresden. Die Zweite Zeit (2020)
II Spiegelland. Ein deutscher Monolog (1992)
III Kurt Drawert im Gespräch mit Konstantin Schönfelder,

mit mir.

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Sonnenstadt
verlassen

imIch su­che et­was, von dem ich nur weiß, dass es mir fehlt. So bin ich zur­ück nach Dres­den ge­komm­en, ein hal­bes Jahr­hun­dert dan­ach. Aber auch, wenn ich meine Kof­fer aus­packe, kom­me ich nicht an. Viel­leicht ger­ade auch des­halb nicht, weil ich die Stadt noch aus den Sieb­ziger- und Acht­ziger­jah­ren kenne, da­von heu­te aber nichts mehr wie­der­fin­den kann. Die glei­chen Stra­ßen sind an­dere Stra­ßen, die glei­chen Häu­ser andere Häu­ser. Al­les ist an­ders, auch wenn es, sei­ner Form, sei­ner Hül­le, sei­ner Haut nach, über­haupt nicht an­ders ist. Doch es geht eine Be­weg­ung durch die Din­ge hin­durch, die noch die al­ten Din­ge sind, durch die sie an­dere wer­den, frem­de, rät­sel­hafte We­sen. Es sind die Men­schen, durch die sich al­les, auch das Un­ver­än­derte, än­dert. Und man sel­bst ist ja auch un­ent­wegt ein an­derer. Nur der Fluss ist mir ver­traut, sein ruh­iges Glei­ten in wei­chen, mä­andern­den Bö­gen, von Wie­sen­land­schaft ge­rahmt und an den Hän­gen der Losch­witzer Hö­he vor­bei, heute wie ges­tern oder wie vor ein­hund­ert Jah­ren. Der Dres­dener Dich­ter Heinz Czechowski, den sei­ne Freun­de, so er am En­de noch wel­che hatte, liebe­voll Czecho nann­ten, schrieb ein­en der schön­sten Ver­se da­zu: Sanft geh­en wie Tie­re die Ber­ge ne­ben dem Fluss.
Die Woh­nung im Stadt­teil Pie­schen, Ar­beiter­vier­tel, Pre­kar­iat statt Pro­minenz (was mir bes­ser ge­fällt), ein Ein­kaufs­center schräg gegen­über, Dis­counter, ein klei­nes Obst- und Gemüse­gesch­äft, das einem Viet­namesen ge­hört, der aus der D.D.R. nicht mehr rech­tzeitig weg­kam (oder sind es schon des­sen Kin­der oder Enkel­kin­der?), die Straßen­bahn gleich vor dem Haus­ein­gang, der im­mer mit irgen­detwas voll­ge­stellt ist und ver­weht von Laub oder Fet­zen Zeit­ungs­papier, das be­rühmt/be­rüchtigte Brau­haus Watzke zwei Stra­ßen wei­ter (»Wo Sie viel­leicht nicht so gern hin­gehen möch­ten?« – »Nein, und wa­rum nicht?«), Ein-Zimmer–Apartment im vier­ten Stock, Kunst­stoff­fuß­boden, der mich an Plaste & Elaste aus Schkopau er­innert, un­ter mir ein IT-Manage­ment, eine Arzt­pra­xis, die Spar­kas­se. Funk­tional, aus­drucks­los, aber mit hel­ler Fen­ster­front und ei­nem (aller­dings ver­wucher­ten) Dach­gar­ten, der mich ver­söhnt. Die Vor­stell­ung, nicht aus einer Woh­nung ins Freie tre­ten zu kön­nen, und sei es nur auf ei­nen Bal­kon, jetzt, im Som­mer, war mir fast un­erträg­lich. Bin ich verwöhnt?

… ge­wiss hätten wir auf die Fra­ge, wo­her wir denn kä­men, kurz und ver­bind­lich ant­worten kön­nen, aber es muss in uns bei­den in dem­selben Augen­blick das Ge­fühl ge­herrscht ha­ben, heimat­los zu sein, so dass sie »aus Sonnen­stadt« ant­wortete und ich, »aus Uto­pia«. Wir lach­ten, wäh­rend der Mann et­was ver­wirrt war und sein freund­liches Inter­esse an uns lächer­lich ge­macht sah, ohne in­des ver­stehen zu können, dass wir nicht seine Fra­ge, son­dern die Ant­wort ins Lächer­liche brach­ten, denn wir müssen sehr genau emp­funden haben, dass die Stadt unserer Her­kunft nicht die Stadt unserer Hei­mat ist, und dass wir nicht der Stadt uns­erer Her­kunft ent­sprechen und mit ihr nichts zu tun haben wollen und nach ihr nicht ge­fragt werden und gleich gar nicht mit ihr in einem Zu­sammen­hang er­schei­nen wollen, der nur ein äuß­erer Zu­sammen­hang sein kann.
Und wie es we­der eine Sonnen­stadt gibt noch ein Uto­pia, so gibt es keine Hei­mat, sondern immer nur Her­kunft, am ehes­ten noch, dach­ten wir, als wir vor einiger Zeit in einem pol­nischen Kranken­haus lagen, ver­leiht die ge­meinsame Sprache dem Wort Hei­mat eine Be­deutung, aber die gem­einsame Spra­che ist auch nur äußer­lich eine ge­meinsame Sprache und kann im tief­eren Sinn einer Ver­ständig­ung eine ganz und gar un­verständ­liche Sprache sein, denn es gibt keine Hei­mat, wenn es sie in einem selbst nicht gibt, und ich kann jede Stadt und jede Land­schaft und jede Her­kunft ent­schieden ver­lassen, denn ich ver­lasse immer eine Frem­de und tausche sie aus gegen eine andere, un­bekanntere Fremde, ich ver­lasse eine Stadt oder eine Land­schaft oder eine Her­kunft in dem Gefühl, einen Zusammen­hang mit ihr leugnen zu müssen und nach ihr ge­fragt zu werden als lästig zu emp­finden.
Man müsste, denke ich, in ge­regelten Ab­ständen eine Stadt und eine Land­schaft und eine Her­kunft ver­lassen. Man müsste immer wieder die Din­ge ver­lassen, die man um sich auf­gebaut hat. Man müsste das Bild ver­lassen, das sich die an­deren von einem machen und dem man aus Ge­wohn­heit ent­spricht. Sei­nen Namen und seine Worte müsste man ent­schieden ver­lassen von Zeit zu Zeit. Die Ro­mane im Kopf müsste man ver­lassen und die Ge­schichte des Kör­pers. Die Se­mantik der Sprache müsste man ver­lassen, ver­gessen und ver­lassen.

Der Kleider­schrank im Vor­raum ist sch­mal, mehr ein Spind in zwei Rei­hen, zur Hälf­te mit Hand­tüchern, Bett­wäsche und den ver­gessenen Sachen früh­erer Gäste ge­füllt. Ich hänge ein paar Hem­den und Jack­etts auf die schon ver­bogenen Bü­gel aus Draht, wie man sie von der Rei­nigung be­kommt, und lasse alles an­dere im Kof­fer. Ich habe keine Lust, mir wei­tere Fächer zu suchen oder sie durch Um­schicht­ung der Innen­abl­agen frei zu räu­men; es kommt mir plötz­lich so ab­surd vor, dieses Hier­sein, die­ses An­kommen und Aus­packen und Ein­räumen der Din­ge des täg­lichen Be­darfs, im Grunde ge­übt und er­fahren durch viele andere Sti­pendien an allen mög­lichen Or­ten der Welt, die bes­ser oder schlech­ter, grö­ßer oder klei­ner, vor­nehmer oder ein­facher war­en; dieses »Zurück­-in­-der­-Heimat­-sein­-Wollen«, das ich mir als ein mög­liches Mo­tiv so kon­kret bis zu die­sem Mo­ment gar nicht vor­ge­stellt habe und das ich, in einer anderen Ver­fassung, ent­schieden be­stritten und mit einem Zitat aus Spie­gel­land (von vor fast dreiß­ig Jah­ren) fort­folgend wi­der­legt hätte:

Die Ge­schichte des Kör­pers ist hin­länglich bes­chrieben, und man muss sie ver­lassen, man muss seine Her­kunft ver­lassen und deren Bil­der und alles, was an sie er­innert. Und man ver­lässt sie, indem man sie aus­spricht, wir müssen alles erst ein­mal spre­chen, um es dann zu ver­lassen, wir sagen uns­eren Na­men, und wir haben uns­eren Na­men ver­lassen, wir sagen un­sere Liebe, und wir haben un­sere Liebe ver­lassen, wir ha­ben eine Sprache, um die Sprache zu ver­lassen, und so ver­lassen wir uns selbst, um uns selbst zu er­reichen, ich kann eine Stadt und eine Land­schaft und eine Her­kunft, ob es die­ser hol­stein­ische Ort ist oder das Sach­sen oder das Märk­ische mei­ner Kind­heit, ohne Trauer ver­lassen, ich kann mich ins Auto set­zen und los­fahren und ohne Mühe alles und für immer ver­lassen, denn es gibt keine Hei­mat, wenn es sie in uns selbst nicht gibt.

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Ein blinder
Spiegel

Es war kein Zu­fall, dass ich gleich nach der Wen­de mei­nen Ro­man Spie­gel­land schrieb, schrei­ben muss­te, und ich muss­te ihn von »au­ßen« schrei­ben, von ei­nem frem­den Ort her, der Ab­stand schaff­te und mich ra­di­kal schrei­ben ließ, rück­sichts­los auch mir selbst ge­gen­ü­ber. Auch das Weg­ge­hen von L. in Sach­sen nach Nie­der­sach­sen war kein Zu­fall, son­dern Be­din­gung die­ses Schrei­bens, wie ich es zu die­ser Zeit selbst nicht wis­sen und nicht sa­gen konn­te. Und eben­so war es kein Zu­fall, dass ich in ge­nau dem Mo­ment über mei­nen Va­ter und Groß­va­ter schrei­ben muss­te, in dem die D.D.R. zu­sam­men­brach, denn bei­des, Staat und Fa­mi­lie, wa­ren so stark in­ei­nan­der ver­wo­ben – der au­to­ri­tä­re, stren­ge Ton, die Ge­walt in der Spra­che, das Nie­der­hal­ten des An­spruchs ei­nes Ein­zel­nen auf sich selbst –, dass das ei­ne vom an­de­ren, der Va­ter von der Macht und die Macht vom Va­ter, gar nicht zu tren­nen sein konn­te, auch wenn mein Va­ter (als so­zi­a­le Per­son) in Wahr­heit völ­lig ohn­mäch­tig war, er war der Ohn­mäch­tigs­te über­haupt, wenn ich heu­te da­ran den­ke. Spie­gel­land war mein Va­ter­mord, um es sym­bo­lisch zu sa­gen, und ich bin mir gar nicht si­cher, ob ich mei­nen Va­ter über­haupt mein­te, als ich ihn, Satz für Satz und Sei­te für Sei­te, zu tö­ten be­gann, oder nicht doch nur ein Sys­tem, in dem er ein­ge­sperrt war, ganz so, wie er an­de­re ein­sper­ren ließ.

… aber wie mein Va­ter (oder mein Groß­va­ter, bei­spiels­wei­se) woll­te ich nicht spre­chen. Es muss ein frü­hes und viel­leicht ge­ra­de noch recht­zei­ti­ges Ge­fühl von ent­lie­he­ner, wert­lo­ser Spra­che ge­we­sen sein, der ich mit ge­ra­de­zu kör­per­li­cher Ab­wehr be­geg­net bin, so dass ich sie, denn über den Wör­tern lag der Schat­ten em­pfun­de­ner Un­gül­tig­keit und der Herr­schafts­an­spruch des Va­ters (oder des Groß­va­ters, bei­spiels­wei­se), und die­se Spra­che zu be­nut­zen wä­re zu­gleich ei­ne Form der Un­ter­wer­fung ge­we­sen, wie­der ver­lern­te. Ich ver­lern­te das Spre­chen und stürz­te vor al­len mei­nen Va­ter in Sor­gen, in ei­ne von mir be­zweck­te Krän­kung: der Sohn, ein Eben­bild sei­ner selbst oh­ne Spra­che, ein blin­der Spie­gel, ei­ne Was­ser­flä­che, die kein Bild­nis zu­rück­wirft ..., und es muss ein frü­hes und viel­leicht ge­ra­de noch recht­zei­ti­ges Ge­fühl da­für ge­we­sen sein, dass das Spre­chen ein von au­ßen be­o­bach­te­tes, be­ein­fluss­tes und be­herrsch­tes Spre­chen war.
Ich spür­te, so­bald Va­ter (oder Groß­va­ter, bei­spiels­wei­se) sprach, dass nicht tat­säch­lich Va­ter (oder bei­spiels­wei­se Groß­va­ter) sprach, son­dern dass et­was Fer­nes, Frem­des, Äu­ße­res ge­spro­chen hat­te, et­was, das sich le­dig­lich sei­ner (oder ih­rer) Stim­me be­dien­te. Ich hör­te, viel­leicht ge­ra­de noch recht­zei­tig, ei­nen je­weils an­de­ren he­raus, so­bald (bei­spiels­wei­se) Va­ter zu spre­chen be­gann, und das Mit­ge­teil­te, hör­te ich he­raus, ist et­was an­de­res als die Mit­tei­lung, die mich (oder ei­nen an­de­ren) er­rei­chen soll­te, und ge­le­gent­lich war das Mit­ge­teil­te der Mit­tei­lung so eng ver­wandt, dass sie sich an­nä­hernd rich­tig er­ah­nen ließ, dann aber war das Mit­ge­teil­te der Mit­tei­lung wie­der voll­kom­men un­ähn­lich, so dass ich (oder ein an­de­rer) das Mit­ge­teil­te falsch ge­deu­tet hat­te und falsch ant­wor­te­te, wo­bei nicht sel­ten das Falsch­ge­deu­te­te und Falsch­ge­ant­wor­te­te sei­ner­seits noch ein­mal in die ent­schie­de­ne Un­ähn­lich­keit von Mit­ge­teil­tem und Mit­tei­lung stürz­te, was zu ei­nem voll­kom­me­nen Ver­stän­di­gungs­zu­sam­men­bruch führ­te und ganz und gar un­er­war­te­te Re­ak­ti­o­nen be­wirk­te, ei­ne plötz­li­che Ohr­fei­ge viel­leicht oder ein: Du gehst mir so­fort und oh­ne Abend­brot ins Bett.
Die Spra­che, denn nie­mals ha­be ich das Mit­ge­teil­te und die Mit­tei­lung als iden­tisch er­lebt ..., die Spra­che ist doch nichts als ei­ne üb­le Ge­mein­heit des Va­ters (oder des Groß­va­ters, bei­spiels­wei­se), em­pfand ich. So kon­zen­trier­te ich mich bald schon nicht mehr auf das Mit­ge­teil­te, son­dern auf das, was das Mit­ge­teil­te mit­tei­len woll­te, das es zu er­ah­nen und zu deu­ten und rich­tig he­raus­zu­hö­ren galt und im­mer et­was an­de­res ge­we­sen ist, et­was ein we­nig an­de­res oder et­was sehr an­de­res oder et­was Ge­gen­tei­li­ges so­gar. Ich hat­te, em­pfand ich, im­mer die­ses An­de­re zu ver­ste­hen, das sich auf eine mir un­ver­ständ­li­che Wei­se den Wör­tern ent­zog, und in die­ser Si­tu­a­ti­on ei­nes be­schä­dig­ten Spre­chens, das ein un­be­nenn­ba­rer Krieg zwi­schen den Sät­zen ge­we­sen ist, konn­te, wie aus ei­ner Per­spek­ti­ve der Herr­schaft be­ab­sich­tigt war, nie­mand je­man­den er­rei­chen und muss­te je­der al­lein sein und hat­te nur An­deu­tun­gen zu ge­ben und konn­te nur Ver­wir­run­gen stif­ten und un­ge­wollt Lü­gen ver­brei­ten, um Lü­gen oder Ver­wir­run­gen oder blo­ße An­deu­tun­gen zu er­hal­ten und sie als tat­säch­li­che Mit­tei­lun­gen zu be­nut­zen und be­lo­gen und ver­wirrt zu wer­den und schließ­lich ver­zwei­felt, ein­sam und ent­täuscht zu ver­stum­men ..., und die­ses Ver­stum­men ist die Lee­re ge­we­sen, die das Spre­chen an­ge­rich­tet hat­te, es ist die an­de­re Sei­te des Spre­chens ge­we­sen, oh­ne des­sen Ge­gen­teil zu sein, und das Spre­chen ist die laut­ge­wor­de­ne Stumm­heit ge­we­sen, es hat rings­um nur Stumm­heit ge­ge­ben und Lee­re, und die Wör­ter wa­ren un­über­setz­ba­re Kom­bi­na­ti­o­nen von Lau­ten, so­bald Va­ter (oder auch Groß­va­ter, bei­spiels­wei­se) zu spre­chen be­gann. Es war, als hät­te mich je­mand in frem­der Spra­che ge­stört, und ich hat­te an Ge­stik und Ton­fall den Sinn der Stö­rung he­raus­zu­fin­den.
Das Spre­chen wie auch das Hö­ren wur­de mir zum Er­leb­nis der Angst, denn hat­te Va­ter ge­spro­chen, so schien es zu­nächst ein ver­trau­tes, ver­bind­li­ches und be­kann­tes Spre­chen ge­we­sen zu sein, denn es war ein aus ver­trau­ten, ver­bind­li­chen und be­kann­ten Wör­tern zu­sam­men­ge­setz­tes Spre­chen, das vor­gab, iden­ti­sche In­hal­te zu ver­mit­teln, um schließ­lich nichts als Täu­schung und Lee­re zu hin­ter­las­sen und zu zei­gen, dass das Spre­chen kei­nen ge­si­cher­ten Sinn gibt. So war es schlim­mer und ver­un­si­chern­der noch, wenn Va­ter (oder auch Groß­va­ter, bei­spiels­wei­se) ge­spro­chen hat­te, als wenn je­mand in frem­der Spra­che mit un­ver­trau­ten und un­be­kann­ten Wör­tern, die nur durch Ges­tik und Ton­fall ih­ren Sinn hin­ter­las­sen hät­ten, ge­spro­chen ha­ben wür­de. Ei­ne von vorn­he­rein als frem­de Spra­che er­kann­te Spra­che mit frem­den, un­ver­trau­ten und un­be­kann­ten Wör­tern hät­te ei­ne zu über­set­zen­de Ent­spre­chung ge­habt in ei­ner als be­kannt er­fah­re­nen Spra­che mit ver­trau­ten und be­kann­ten Wör­tern, so dass es nichts Ver­un­si­chern­des be­deu­tet hät­te, ihr zu be­geg­nen, und ih­re Fremd­heit wä­re nicht zum Be­stand­teil ei­ner Angst ge­wor­den, auch die durch sie ab­ver­lang­te Ar­beit des Er­ah­nens der Mit­tei­lung, die man leis­tet, wenn man in­ter­es­siert ist, und die man nicht leis­tet, wenn man nicht in­ter­es­siert ist, wä­re nicht Be­stand­teil ei­ner Angst ge­we­sen …
Aber die frem­de Spra­che des Va­ters (oder des Groß­va­ters usw.), die sich als ver­trau­te und be­kann­te Spra­che mit ver­trau­ten und be­kann­ten Wör­tern ver­stell­te und für die es kei­ne Über­set­zun­gen, son­dern nur Ah­nun­gen gab, die kei­nen ver­bind­li­chen Sinn und kei­ne iden­ti­schen In­hal­te auf­neh­men konn­te und nur Täu­schung und Ver­wir­rung und Lee­re hin­ter­ließ und das Spre­chen be­schä­dig­te und das Mit­ge­teil­te von der Mit­tei­lung trenn­te und al­so ein un­be­nenn­ba­rer Krieg zwi­schen den Sät­zen war, konn­te nur Angst her­vor­brin­gen. Also blieb nur, zu spre­chen und da­mit dem Miss­ver­ständ­nis oder der Lü­ge zu ver­fal­len und im Spre­chen sich be­o­bach­tet, be­ein­flusst und be­herrscht zu wis­sen von et­was Fer­nem, Frem­den und Äu­ße­ren, dem die je­wei­li­ge Stim­me ein le­dig­li­ches In­stru­ment da­für ge­we­sen ist, sich selbst aus­zu­sa­gen und den Spre­chen­den zu un­ter­wer­fen oder zu ver­stum­men, und ich war das Kind, das plötz­lich ver­stumm­te, das schon so gut spre­chen konn­te und das Spre­chen wie­der ver­lern­te.
Das Kind sprach nicht. Das Kind soll­te nach­spre­chen, ganz lang­sam, Sil­be für Sil­be, aber das Kind sprach nicht nach, auch nicht ganz lang­sam und Sil­be für Sil­be. Am An­fang der Krank­heit, soll mein Va­ter sei­nem Va­ter er­zählt ha­ben, sprach es we­nigs­tens noch ver­ein­zel­te Wör­ter nach, wenn man sie ihm ganz lang­sam und Sil­be für Sil­be vor­ge­spro­chen hat­te. Es sprach kei­ne Wort­ver­bin­dun­gen nach und erst recht kei­ne Sät­ze, aber es sprach ver­ein­zel­te Wör­ter nach, Baum, Wolke, Weg, Stra­ße, auch Baum­kro­ne, Wol­ken­spiel, Weg­bie­gung, Stra­ßen­kreu­zung noch, dann nicht mehr, soll mein Vater sei­nem Va­ter er­zählt ha­ben, Dann kei­ne Wort­ver­bin­dun­gen mehr, soll er ge­sagt ha­ben, Dann nur noch ver­ein­zel­te Wör­ter wie Baum, Wol­ke, Weg, Stra­ße usw. Man sprach es ihm ganz lang­sam vor, aber es sprach nicht hin­ter­her, es press­te nur die Lip­pen fest auf­ei­nan­der und schwieg, so mein Va­ter zu sei­nem Va­ter. Das ist ein Baum, nichts, Ein Baum, nichts, Frü­her, so mein Va­ter, Hät­te es: ein Baum noch nach­ge­spro­chen ge­habt, es hät­te: Das ist ein Baum nicht mehr nach­ge­spro­chen ge­habt, aber: ein Baum, das hät­te es ge­sagt, aber dann sag­te es nur noch le­dig­lich Baum, wenn man: Das ist ein Baum, oder: ein Baum vor­ge­sagt hat­te. Bald schon sag­te es gar nichts mehr, wenn man ihm ei­nen voll­stän­di­gen Satz, so kurz und ein­fach auch im­mer er war, vor­sprach.
Mein Va­ter soll sich ge­fragt ha­ben, er­zähl­te mei­ne Mut­ter, wa­rum das Kind ei­nen Halb­satz auf ein Wort re­du­ziert nach­sprach und wa­rum das Kind ei­nen voll­stän­di­gen Satz nun gänz­lich ver­wei­ger­te und nicht, wie Va­ter es lo­gisch ge­fun­den hät­te, aus dem voll­stän­di­gen Satz ei­nen Halb­satz wer­den ließ oder, mei­net­we­gen, so Va­ter, auch nur ein Wort. Es ist die Be­schaf­fen­heit des voll­stän­di­gen Sat­zes, soll Va­ter nach­träg­lich her­aus­ge­fun­den ha­ben, er­zähl­te mei­ne Mut­ter, Die das Kind ver­stum­men lässt, aber, so soll mein Vater sei­nen Va­ter ge­fragt ha­ben, Was hat das Kind, das doch ganz or­dent­lich ge­re­det hat­te, im­mer in voll­stän­di­gen, rich­ti­gen Sät­zen, plötz­lich ge­gen voll­stän­di­ge, rich­ti­ge Sät­ze? Am An­fang der Krank­heit, soll mein Va­ter sei­nem Va­ter er­zählt ha­ben, Ganz am An­fang, ehe das Kind die voll­stän­di­gen Sät­ze auf Halb­sät­ze und die Halb­sät­ze auf ein­zel­ne Wör­ter re­du­zier­te, hat­te das Kind die rich­ti­gen, voll­stän­di­gen Sät­ze nur in Un­ord­nung ge­bracht. Sag­te man: Es weht ein kal­ter Wind, sag­te es: Ein kal­ter Wind es weht, oder: Es ein kal­ter Wind weht, oder: Ein es weht kal­ter Wind. Spä­ter brach­te es die Ab­fol­ge voll­kom­men durch­ei­nan­der, soll mein Va­ter er­zählt ha­ben, Weht kal­ter Wind ein es, hieß es da, oder: Es Wind ein kal­ter weht usw., völ­li­ger Blöd­sinn, ich dach­te, soll mein Va­ter sei­nem Va­ter er­zählt ha­ben, Das Kind ist voll­kom­men blöd­sin­nig ge­wor­den. Er­zäh­le die­sen Blöd­sinn den Mäu­sen, hat­te mein Va­ter zu dem Kind ge­sagt und es in die Dun­kel­heit des Kel­lers ge­sperrt, und es schien, so mein Va­ter zu sei­nem Va­ter, er­zähl­te mei­ne Mut­ter, et­was ge­hol­fen zu ha­ben, zeit­wei­lig je­den­falls. Das Kind ist aus der Dun­kel­heit wie­der her­aus­ge­holt wor­den und hat, wenn man ihm: Es weht ein kal­ter Wind vor­ge­sagt hat­te, Es, weht, ein, kal­ter, Wind nach­ge­sagt.

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Im Gespräch mit Kurt Drawert, Pt. 1

Die bei­den Tex­te Spie­gel­land und Dres­den. Die zwei­te Zeit lie­gen 30 Jah­re aus­ei­nan­der. Was sind das für Zeit­punk­te, an de­nen du die Tex­te ge­schrie­ben hast?
Der ers­te Zeit­punkt ist na­tür­lich die Wen­de. Das Buch, also Spie­gel­land, ha­be ich 1990 ge­schrie­ben, bis 1991 und es war ei­ne un­mit­tel­ba­re Re­ak­ti­on auf die Wen­de. Und ich ha­be es im Wes­ten ge­schrie­ben. Ich konn­te oder hät­te das im Os­ten so gar nicht ge­schrie­ben. Aus der Per­spek­ti­ve von Schles­wig-Hol­stein guck­te ich nach Leip­zig, wo ich her­kam und dann bin ich um­ge­zo­gen und in den Wes­ten ge­gan­gen. Spä­ter war mir dann auch klar, das Weg­ge­hen war ei­ne Be­din­gung zum Schrei­ben. Ich muss­te die Si­tu­a­ti­on des Os­tens aus dem Ab­stand se­hen kön­nen und aus der West­per­spek­ti­ve se­hen. Ich hät­te wahr­schein­lich das so nicht ge­schrie­ben, wenn ich nicht weg­ge­gan­gen wä­re. Das Weg­ge­hen war ei­ne Schreib­be­din­gung, die mir aber im Schreib­akt sel­ber noch nicht klar war. Das wur­de mir spä­ter klar, dass das al­les mit­ei­nan­der so ver­wo­gen ge­we­sen ist und ei­ne Ab­hän­gig­keit hat­te. Die­se Re­fle­xi­on auf den Ein­sturz Ost, den Um­bruch, das war ein Pa­ra­dig­men­wech­sel der al­ler­größ­ten Art, für je­den, für die gan­ze Ge­sell­schaft na­tür­lich und für die Ge­sell­schaf­ten des Os­tens ins­ge­samt. Das war der ei­ne Punkt der Ini­ti­a­ti­on und der af­fek­ti­ven Über­schnei­dung mit Re­a­li­tät. Der zwei­te war halt 30 Jah­re spä­ter und der An­lass war, dass ich Stadt­schrei­ber war in Dres­den und die­ses Stadt­schrei­ber­amt aber auch an­ge­nom­men ha­be, vor dem Hin­ter­grund des Ge­dan­kens: »Wie ist es, wenn man zu­rück­kommt? Gibt es über­haupt so et­was wie ein Wie­der­kom­men? Oder ist das Wie­der­kom­men über­schrie­ben von der Zeit­dif­fe­renz die es von ei­nem Au­gen­blick und dem an­de­ren Au­gen­blick gibt?«
Und das Su­chen nach Fra­gen, die un­ge­löst sind und die vi­ru­lent auch in der Ge­gen­wart sind: »Wie ist die po­li­ti­sche Be­we­gung auf den Stra­ßen von Dres­den mit der Ver­gan­gen­heit zu deu­ten? Gibt es Li­ni­en, die in die Ver­gan­gen­heit füh­ren oder ist das ei­ne apo­re­ti­sche Si­tu­a­tion, die aus­schließ­lich aus der Ge­gen­wart ent­steht?«, das wa­ren so na­tür­lich auch die Fra­gen, die sich mir dem an­ge­schlos­sen ha­ben und die ich mir be­ant­wor­ten woll­te, oder auf die ei­ne Ant­wort zu fin­den ich nach Dres­den ging. Und da war dann die­se In­ter­fe­renz, oder die­se mich im­mer wie­der ini­ti­ie­ren­de Ko­exis­tenz von in­ne­rer und äu­ße­rer Wirk­lich­keit der Aus­gangs­punkt. Al­so in­wie­weit dringt Macht in den Kör­per und wie re­a­giert die­ser Kör­per auf die Macht. Die­ses in­ei­nan­der ver­wo­ben sein von struk­tu­rel­ler, in­ne­rer Wirk­lich­keit und äu­ße­rer, ge­sell­schaft­li­cher Si­tu­a­ti­on, das ist die­ses Mö­bi­us­band der ge­gen­ei­nan­der wir­ken­den Ver­schie­bung von Kräf­ten. Das hat mich im­mer in­ter­es­siert, in all mei­nen Ar­bei­ten und das war dann der Aus­gangs­punkt für Dres­den letzt­end­lich.

Schweigens
verabredung

Wenn ich an mei­nen Vater den­ke, dann gibt es ihn zwei­mal; es gibt den Vor­wen­de- und den Nach­wen­de­va­ter, den D.D.R.- und den Deutsch­land-­ei­nig-­Va­ter­land-­Va­ter; den au­to­ri­tä­ren und den de­men­ten Va­ter, der so hilf­los und weich war am En­de, dass ich fast glaub­te, er wä­re mein Sohn. Ich weiß nicht, wel­chen Kampf wir mit­ei­nan­der führ­ten, aber es war kein nur pri­va­ter, fa­mi­li­ä­rer, ödi­pa­ler Kon­flikt – es war ein Zer­würf­nis, das dem Sys­tem in­ne­wohn­te und un­se­re Kör­per zu Sys­tem­kör­pern mach­te. Un­se­re gan­ze Fa­mi­lie war ei­ne Sys­tem­fa­mi­lie, so ha­be ich es im­mer em­pfun­den und em­pfin­de es noch heu­te, und al­lein des­halb se­he ich ei­nen Sinn, von ihr zu er­zäh­len. Die­ses Zer­schnei­den von Bin­dung und Zu­ge­hö­rig­keit in der Gram­ma­tik der Ide­o­lo­gie, sei­tens mei­nes Va­ters durch sei­nen Be­ruf, sei­tens mei­nes Groß­va­ters durch ei­ne po­li­ti­sche Un­ver­söhn­lich­keit, die fa­na­tisch und an­de­re aus­gren­zend war.
Mein Groß­va­ter, der an­geb­li­che An­ti­fa­schist und Wi­der­stands­käm­pfer – je­den­falls hat­te es sich mir so dar­ge­stellt –, der ein ge­wöhn­li­cher Mit­läu­fer ge­we­sen ist, ein Sol­dat un­ter Sol­da­ten im Zwei­ten Welt­krieg und in den Fünf­zi­ger­jah­ren aus ameri­kani­scher Kriegs­ge­fan­gen­schaft zu­rück nach Deutsch­land ge­kom­men. Für Füh­rer, Volk und Vater­land, so steht es auf der Rück­sei­te ei­ner Foto­gra­fie, die mir zu­fäl­lig in die Hän­de fiel, als ich noch an Groß­va­ters Hel­den­vi­ta glaub­te, und da­run­ter: Weih­nachten.

… aber ich soll­te, bat Va­ter, nicht da­rü­ber re­den oder gar schrei­ben, zu­min­dest nicht, so­lan­ge Groß­va­ter noch leb­te, und ich schau­te an die De­cke, wäh­rend er sprach, und zähl­te die Ris­se im Putz. Ich ver­stand die Ge­schich­te nicht, die er er­zähl­te, ihr Sinn war mir nur ein ein­ge­bil­de­ter Sinn und kei­ne Of­fen­ba­rung, wie es Va­ter wohl glaub­te und wes­we­gen er ein Schwei­gen ver­ab­re­den woll­te, er, Va­ter, nahm doch tat­säch­lich an, ich wür­de noch im­mer Groß­va­ter für das hal­ten, was die­ser die Hälf­te sei­nes Le­bens hin­durch von sich be­haup­tet hat­te, wie lä­cher­lich, dach­te ich, wie ig­no­rant. Al­lein die­se Auf­for­de­rung, in ge­wis­ser Wei­se kon­spi­ra­tiv, sei­ne kal­te, herz­lich ge­mein­te Hand lag auf mei­ner von ihm ab­ge­wandten Schul­ter, im Hin­ter­grund flim­mer­te das Bild des lei­se-, aber nicht aus­ge­stell­ten Fern­seh­ap­pa­ra­tes, Mut­ter klap­per­te mit dem Ge­schirr, die Son­ne schien matt durch das Fens­ter und kün­dig­te die käl­te­re Jah­res­zeit an, ein leich­ter Schat­ten zog sich von den Din­gen ins In­ne­re des Rau­mes, Va­ter, re­gis­trier­te ich, war mo­disch ge­klei­det, ... al­lein die­se Auf­for­de­rung zu schwei­gen, die ein Re­de­be­dürf­nis erst rich­tig in Gang setzt und die, in die­sem Fall, ei­ne plötz­lich er­war­te­te Kom­pli­zen­schaft vo­raus­setz­te, er­schien mir wie ei­ne Krän­kung.
Aber nicht des­halb woll­te ich sei­ner Bit­te nicht ent­spre­chen, schließ­lich wür­de ich nie, nicht ein­mal von mir an mich selbst ge­rich­tet, ei­ner sol­chen Bit­te ent­spre­chen und die Nar­ben ver­schwei­gen, die ich er­hielt und die ich zu­ge­fügt ha­be, die­ses Ge­ben und Neh­men von Lie­be, Ver­let­zung und Tod, wie es mich als The­ma be­glei­tet und zum Spre­chen zwingt, je­nes zwang­haf­te Aus­spre­chen­müs­sen, ir­gend­wie ob­ses­siv, ich er­wähn­te es an an­de­rer Stel­le schon oder wer­de es noch tun, spä­ter, viel­leicht am En­de mei­ner Über­le­gun­gen, viel­leicht in ei­nem an­de­ren Buch.
Es war, dass die Epi­so­de, die Va­ter er­zähl­te, durch die dop­pel­te Na­tur ih­res Sinns, denn es ging um die Aus­lö­schung von Spu­ren ei­ner­seits und um das Sicht­bar­wer­den ge­ra­de da­durch, dass man den Ver­such der Aus­lö­schung un­ter­nahm, gar nicht ver­schwie­gen wer­den konn­te, was mei­nem Va­ter nur wie ei­ne kom­pli­ziert for­mu­lier­te Aus­re­de klin­gen mag, denn er wird, wie ge­wöhn­lich je­der, den­ken, dass man schließ­lich nur über das zu spre­chen braucht, über das man spre­chen möch­te, und dass je­ne Re­a­li­tät, die nicht in die Re­de ge­rät, qua­si un­ge­sche­hen ist. Wie ein­fach, aber es zwingt sich e­ben ge­ra­de das zur Ver­laut­ba­rung auf, was in die Welt des Schwei­gens he­rab­sin­ken soll, und es sinkt in die Welt des Schwei­gens he­rab, was je­der mit­tei­len darf, wes­halb es mit dem Schwei­gen in ei­ner Zeit der nun­mehr er­laub­ten Re­de, wie die Jour­na­le und Ver­ei­ne des Os­tens sieg­reich ver­mel­den (Zi­tat: »Nun, wo das Wort von der Dik­ta­tur be­freit wor­den ist und es ei­ne freie Li­te­ra­tur ge­ben kann« [Her­vor­he­bung von mir und En­de des Kom­men­tars]), erst ein­mal be­gin­nen wird, je­nes lär­men­de Schwei­gen, wir ken­nen es, wir lei­den da­run­ter.
Und schließ­lich spre­chen die Din­ge sich selbst aus, ob sie nun un­se­re Spra­che be­kom­men oder nicht, ar­mer, hilf­lo­ser Va­ter, dach­te ich und konn­te ihn se­hen, wie er, es soll ein hei­ßer Som­mer­tag nach Kriegs­en­de ge­we­sen sein, mit ei­ner Zaun­lat­te im Was­ser he­rum­fuch­telt und die Bü­cher, Be­le­ge und Do­ku­men­te wie­der an Land brin­gen möch­te, die er, ein früh­zei­tig er­wach­sen ge­wor­de­nes Kind, auf An­wei­sung der Mut­ter zu ver­nich­ten ge­habt hat. Das al­les muss weg, soll sei­ne Mut­ter ge­sagt ha­ben, schnells­tens und auf bes­te Wei­se, und dann ha­ben sie al­les, was an die Ver­gan­gen­heit vor al­lem mei­nes Groß­va­ters er­in­ner­te, von des­sen Ver­bleib man zu der Zeit noch nichts wuss­te, in ei­ne Kis­te ge­packt, und mit die­ser Kis­te im Arm ist mein Va­ter an den Fluss hi­nun­ter­ge­lau­fen und hat al­les, Buch für Buch und Stück für Stück und Sei­te für Sei­te, ins Was­ser ge­wor­fen. Die Bü­cher, die Na­zi­bü­cher wa­ren, und die Do­ku­men­te, die Mit­glied­schaf­ten be­zeug­ten, und all die Brie­fe, Kar­ten und Fo­to­gra­fi­en, die da­von er­zähl­ten, dass man da­zu­ge­hört hat usw., all das soll­te ver­nich­tet und al­le Spu­ren soll­ten aus­ge­löscht wer­den, und Va­ter war von sei­ner ver­zwei­fel­ten und ängst­li­chen Mut­ter be­auf­tragt wor­den, das und in al­ler Ge­wis­sen­haf­tig­keit für sie zu tun, al­les ver­nich­ten und al­les aus­lö­schen, jetzt, in die­sem Au­gen­blick und für al­le Zei­ten, und er nahm die bis zum Rand an­ge­füll­te Kis­te un­ter den Arm, lief hi­nun­ter zum Fluss und dach­te sich, am bes­ten al­les zu ver­sen­ken.
Sei­ne Bit­te, nicht da­rü­ber zu re­den oder gar zu schrei­ben, war sehr ein­dring­lich, doch dann ist Fol­gen­des ge­sche­hen: Va­ter warf zwar Buch für Buch und Do­ku­ment für Do­ku­ment und Be­leg für Be­leg usw. in den Fluss, doch das Pa­pier ver­sank nicht, es schwamm in die Mit­te des Stro­mes, ge­riet in Wir­bel und Schnel­len, wur­de wie­der ans Ufer ge­trie­ben und vom Ufer in die Fluss­mit­te zu­rück­ge­zo­gen, wo es durch ei­ne Wel­len­be­we­gung kurz­zei­tig ver­schwand, um an an­de­rer, un­ver­mu­te­ter Stel­le wie­der auf­zu­tau­chen, Buch für Buch und Do­ku­ment für Do­ku­ment und Be­leg für Be­leg, und die Bü­cher wa­ren auf­ge­quol­len vom Was­ser und ver­lo­ren ih­ren Ein­band und schlecht ge­bun­de­ne Sei­ten­tei­le, und die Do­ku­men­te büß­ten ih­re mit Tin­te ge­schrie­be­ne Schrift ein, die teil­we­ise oder ganz ver­wisch­te, die Be­le­ge wa­ren be­schä­digt oder bis zur Un­kennt­lich­keit zer­stört, aber nichts war ver­schwun­den und aus­ge­löscht und für al­le Zeit ver­ges­sen, und Va­ter lief dem auf der Ober­flä­che des Flus­ses da­hin­trei­ben­dem Pa­pier, das le­dig­lich in Un­ord­nung und Auf­lö­sung ge­ra­ten, aber nicht ver­nich­tet war, wei­nend hin­ter­her.
Er hat­te ei­nen Auf­trag, und die­ser Auf­trag hieß, al­les zu ver­nich­ten und die Spu­ren der Ver­gan­gen­heit aus­zu­lö­schen, und er hat­te ge­glaubt, es rich­tig zu tun, wenn er an den Fluss hi­nun­ter­gin­ge und al­les hi­nein­wür­fe, und nun han­tier­te er ver­zwei­felt mit ei­ner Zaun­lat­te vom Ufer aus und ver­such­te, die Schrift­stü­cke zu­rück­zu­ho­len, ehe sie, was nicht mehr zu ver­hin­dern ge­we­sen war, Spa­zier­gän­gern, die nun auch al­le von an­de­rer Ge­sin­nung wa­ren, auf der an­de­ren Ufer­sei­te in die Hän­de fie­len oder von ei­ner na­hen­den Brü­cke aus, auf der Pas­san­ten stan­den und aufs Was­ser he­rab­blick­ten, zu se­hen sein wür­den, die Zei­chen, die zu se­hen sein wür­den und die ein­mal eine Zu­ge­hö­rig­keit be­deu­tet ha­ben und die jetzt aus­ge­löscht wer­den muss­ten. Und Va­ter hat­te die­se Zei­chen nicht nur nicht aus­ge­löscht, er hat­te sie auf die­se Art des Ver­su­ches, sich ih­rer zu ent­le­di­gen, fast könn­te man sa­gen: ver­öf­fent­licht, er hat öf­fent­lich und für je­den, der in der Nä­he war, den Vor­gang des Ver­nich­tens und Spu­ren­aus­lö­schens ge­zeigt, ganz so, wie er mit mir ein Schwei­gen da­rü­ber ver­ab­re­den woll­te, so­lan­ge Groß­va­ter noch leb­te, und er konn­te gar nicht ver­ste­hen, dass er ge­ra­de da­durch un­ab­läs­sig von der Ver­gan­gen­heit sprach.
Je­den­falls sei sei­ne Mut­ter, die von ei­nem Nach­barn den vom Fahr­rad he­run­ter­ge­ru­fe­nen Satz zu hö­ren be­kam: Was macht denn ihr Sohn dort un­ten am Fluss!, so­fort zu mei­nem ar­men, hilf­lo­sen Va­ter ge­rannt und ha­be schon aus der Fer­ne vol­ler ängst­li­cher Ver­zweif­lung ge­ru­fen: Ver­nich­ten, ha­be ich dir ge­sagt, ver­nich­ten!, ver­bren­nen oder ver­gra­ben!, aber doch nicht dies da ...!, und sie zeig­te auf all die­se über die Ober­flä­che des Flus­ses ver­teil­ten Bü­cher, Sei­ten und Do­ku­men­te, oh­ne da­ran ge­dacht zu ha­ben, dass ver­bren­nen­des Pa­pier eben­so sicht­bar ge­we­sen wä­re und Asche hin­ter­las­sen hät­te und dass viel­leicht die­ses, viel­leicht je­nes Teil un­ter der Asche hät­te er­hal­ten ge­blie­ben sein kön­nen oder dass die ver­gra­be­ne Kis­te zum Bei­spiel von Kin­dern beim Spiel zu fin­den ge­we­sen wä­re usw., man kann kei­ne Zei­chen, die in der Welt sind, ver­nich­ten, dach­te ich und sah an die De­cke und zähl­te die Ris­se im Putz.

In dem Jahr, als ich Spie­gel­land schrieb, vom Som­mer in Schles­wig-­Hol­stein bis zum Herbst am Starn­ber­ger See, war ich krank, krank am Stoff, den ich mir auf­ge­la­den hat­te, oh­ne zu wis­sen, zu ah­nen, wie sehr er mich, nein, nicht nur be­schäf­ti­gen, son­dern quä­len wür­de. Die ers­ten Sät­ze wa­ren mit leich­ter Hand ge­schrie­ben, ich saß an ei­nem See hoch im Nor­den des Wes­tens, in ei­nem Ca­fé mit Blick über Schles­wig, froh, weg aus Leip­zig zu sein, weg aus dem Os­ten, in dem ich, so fühl­te, dach­te ich es, nur noch Zeit ver­lie­ren wür­de, Zeit, die mir für die Ge­gen­wart, die über uns kam wie ein Ge­wit­ter oh­ne An­kün­di­gung, nun fehl­te, Zeit, die um­so kost­ba­rer wur­de, des­to schnel­ler sie in ih­ren Ab­läu­fen war, in ih­ren täg­li­chen Ver­rich­tun­gen, die bei uns ei­ne an­de­re Ge­schwin­dig­keit hat­ten, ei­ne an­de­re Gang­art, bis hin zum Still­stand. Ich woll­te schon da sein, wo­hin al­les ge­hen wür­de und al­le ge­hen müss­ten, von nun an. Es war mir ei­ne un­er­träg­li­che Vor­stel­lung, fest­zu­sit­zen wie ei­ne Assel un­ter dem Stein und ab­zu­war­ten, wo­rauf und auf wen?
Weg sein – um da­rüber schrei­ben zu kön­nen; doch des­to tie­fer ich der Stim­me mei­nes Zor­nes, mei­ner Ver­zweif­lung und Ent­täu­schung folg­te, die auch ei­ne Ent­täu­schung da­rü­ber war, dass es kei­nen Weg gab, der am sich nun hem­mungs­los ra­di­ka­li­sie­ren­den Ka­pi­ta­lis­mus vor­bei­füh­ren wür­de, denn die Lin­ke war gran­di­os ge­schei­tert, da­ran ge­schei­tert, der Uto­pie ei­ne Pra­xis zu ge­ben, ei­ne Form, ein Pa­ra­dig­ma, des­to grö­ßer wur­de die Wut auf mei­nen Va­ter, die in Hass über­ging; ich sah auf al­le Stra­fen und Dis­zi­pli­nie­run­gen und Ab­rich­tun­gen im Na­men ei­ner schä­bi­gen Vor­stel­lung vom so­zi­a­lis­ti­schen Men­schen­bild und hass­te mei­nen Va­ter stell­ver­tre­tend für ein gan­zes Sys­tem.
Das Sys­tem war der Krebs in un­se­rer Fa­mi­lie, es zer­schnitt und trenn­te die Brü­der und die El­tern und die Kin­der, und manch­mal den­ke ich, dass es die­sen Krebs nach wie vor gibt, und er zer­schnei­det und trennt wei­ter­hin – nur sind die Ob­jek­te heu­te an­de­re und hei­ßen AfD und Pe­gi­da an­statt SED oder Sta­si. Es sind Ab­wei­sun­gen, Aus­gren­zun­gen und Dif­fa­mie­run­gen mit den­sel­ben Af­fek­ten; denn drei­ßig Jah­re sind we­nig Zeit, in der Ge­schich­te, auch wenn sie, für ein ein­zel­nes Le­ben, viel Zeit sind. So ha­be ich mir Spie­gel­land auch nichts vor­ge­nom­men, es brach aus mir he­raus, es schrieb sich, Satz für Satz und Ka­pi­tel für Ka­pi­tel, selbst.

… nun aber, es war pu­rer Zu­fall, ich such­te im Ge­rä­te­schup­pen der Lau­be nach Werk­zeug, um das Fahr­rad mei­nes Soh­nes zu re­pa­rie­ren, nun ent­deck­te ich die­se durch Näs­se halb ver­schim­mel­te Papp­schach­tel, de­ren De­ckel of­fen und et­was ver­rutscht war und den In­halt zu er­ken­nen gab, hob sie zwi­schen den Bret­tern her­vor, und das ers­te, was mir ent­ge­gen­fiel, war je­ne Fo­to­gra­fie: Groß­va­ter in der Mit­te sei­ner jun­gen, blon­den Fa­mi­lie un­ter dem Christ­baum, stol­ze Ges­te, Mo­de­bart, in Uni­form, he­raus­ge­putz­te, zum sieg­rei­chen Va­ter em­por­schau­en­de Söh­ne, und auf der Rück­sei­te die No­tiz: »Für Füh­rer, Volk und Va­ter­land – Weih­nach­ten 1941«. Al­les, aber auch al­les Lü­ge, dach­te ich, nicht nur die zur Fa­mi­li­en­chro­nik ge­wor­de­ne Ge­schich­te der Ehe war blo­ße Er­fin­dung, son­dern auch die ge­sam­te Bi­o­gra­fie war ei­ne zur Wahr­heit er­nann­te Wunsch­bi­o­gra­fie und blo­ße Er­fin­dung, de­ren trau­ri­ger Schat­ten auf sie­ben mal zehn Zen­ti­me­tern zu se­hen war. Wie ha­be ich ihn mir, an­ge­spannt sei­nen Er­zäh­lun­gen lau­schend, vor­ge­stellt, als ich Kind war, wel­che Bil­der von ei­nem Wi­der­stands­käm­pfer hat­te ich, und wa­rum er im Krieg war, nun, man muss­te, man hat­te Fa­mi­lie und muss­te, um sie zu schüt­zen, auch dies war ver­ständ­lich, dann De­ser­ti­on und früh­zei­ti­ge Kriegs­ge­fan­gen­schaft als Form der Ver­wei­ge­rung, dann Heim­kehr und Wie­der­auf­bau, Par­tei­ar­beit, ein un­ge­bro­che­ner Mar­xist.
Aber jetzt die­ses Fo­to: da steht ein ge­sun­der, jun­ger Sol­dat in der Be­wusst­seins­po­se, zu den Sie­gern des Krie­ges und der Ge­schich­te zu ge­hö­ren. Al­les auf die­sem Bild­nis deu­tet auf An­er­ken­nung der Si­tu­a­ti­on hin, nichts auf die­sem Bild­nis deu­tet auf ak­ti­ve oder pas­si­ve Ver­wei­ge­rung hin, alle Wahr­heit ge­hört dem Füh­rer, dem Volk und dem Va­ter­land, kei­ne Wahr­heit ge­hört dem Wi­der­stand, al­les Lü­ge, al­les Er­fin­dung, ich hal­te das Fo­to in der Hand und zweif­le, dass mein Groß­va­ter über­haupt exis­tiert, dass er leib­haf­tig un­ter Leib­haf­ti­gen ist. Er ist so sehr zu sei­ner Er­fin­dung ge­wor­den, dass es ihn selbst nicht mehr gibt, dach­te ich, nicht oh­ne Selbst­ge­fäl­lig­keit ha­ben sie alle die kol­lek­ti­ve Er­fah­rung des Sie­gens zu ih­ren per­sön­li­chen Sie­gen ge­macht, sie ha­ben ih­re blin­de Ge­folg­schaft mit dem tra­gi­schen Ge­setz des Aus­ge­lie­fert­seins er­klärt und ins­ge­heim oder gar nicht ins­ge­heim da­von pro­fi­tiert, ei­ner Ge­folg­schaft an­zu­ge­hö­ren, die Stär­ke, Er­fol­ge und Sie­ge fei­ert, um sich von dem Mo­ment an, wo die Stär­ke ei­ne ge­bro­che­ne Stär­ke und die Er­fol­ge und Sie­ge Nie­der­la­gen wur­den, von die­ser Ge­folg­schaft zu lö­sen und die Zu­ge­hö­rig­keit zu un­ter­bre­chen und die Bi­o­gra­fie zu er­fin­den, die die Spu­ren die­ser Ge­folg­schaft und Zu­ge­hö­rig­keit aus­lö­schen soll­te.
Und viel­leicht hat sich die gan­ze Ge­ne­ra­ti­on mei­nes Groß­va­ters oder doch ein gro­ßer Teil die­ser Ge­ne­ra­ti­on da­durch, dass sie sich er­fand, ab­we­send ge­macht, viel­leicht wa­ren sie in Wahr­heit alle Ge­fal­le­ne des Krie­ges, die ge­stor­ben wei­ter­zu­le­ben hat­ten bis zum Tod und un­ter­wegs al­le Äm­ter und al­le Funk­ti­o­nen über­nah­men, um sich selbst und ih­re Ab­we­sen­heit zu ver­ges­sen. Aber nicht ein­mal die­se in­ne­re Tra­gö­die war es, die mir mei­nen Groß­va­ter end­gül­tig nahm, es war der Um­gang mit ihr, und zu die­sem Um­gang ge­hör­te schließ­lich nicht nur das Ver­ges­sen und Ver­leug­nen von Tat­sa­chen und das Er­fin­den von an­de­ren Tat­sa­chen, son­dern zu die­sem Um­gang ge­hör­te vor al­lem die be­ding­ungs­lo­se und ent­schie­de­ne Zer­stö­rung all des­sen und all de­rer, die die er­fun­de­nen Tat­sa­chen nicht über­nah­men und das pa­ra­no­ische Be­wusst­sein auf­zu­bre­chen be­gan­nen.
So muss­te Groß­va­ters Den­ken ein to­ta­li­tä­res Den­ken blei­ben und ein Ver­haf­tet­sein an ei­ne Au­to­ri­tät ver­kör­pern­de Ide­o­lo­gie, so dass ich mich hät­te aus­lö­schen müs­sen, woll­te ich ihn wei­ter­hin, in des­sen Den­ken ich be­reits aus­ge­löscht war, to­le­rie­ren, und ich hielt noch im­mer die­ses Fo­to zwi­schen den Fin­gern, die­ses klei­ne, zu zer­fal­len be­rei­te und von der Zeit be­schä­dig­te In­diz, ein Stück be­lich­te­tes Pa­pier, das auf un­acht­sa­me Wei­se ver­legt oder wil­lent­lich ver­steckt und dann ver­ges­sen wor­den war.

Es war et­was in Be­we­gung ge­ra­ten und zur Spra­che ge­kom­men, das eben­so un­ab­weis­lich, un­ab­än­der­lich, un­hin­ter­geh­bar war wie der Zu­sam­men­bruch des Lan­des und die Öff­nung der Mau­er mit ih­ren Fol­gen und glei­cher­ma­ßen be­rau­schen­den wie ver­stö­ren­den Un­durch­sich­tig­kei­ten und Pa­ra­do­xi­en. Glück im Dau­er­be­trieb ist et­was für Voll­i­di­o­ten, da war ich mir si­cher, aber es ging (mir) nicht um Glück, son­dern um ei­ne Vor­stel­lung von frei ge­wor­de­nem Sinn, oh­ne dass ich jetzt und hier sa­gen könn­te, was ge­nau für ei­nen Sinn ich ge­meint ha­ben kann, da­mals, vor drei­ßig Jah­ren. Es war auf je­den Fall das Ge­gen­teil von hys­te­ri­schem Kon­sum, von Ba­na­nen an je­der Ecke und flot­ten, tief ge­leg­ten Au­tos. Es war et­was, das viel­leicht nur vor dem Hin­ter­grund ei­nes sol­chen Va­ters, wie ich ei­nen hat­te, der ein Po­li­zei­va­ter war, ein Staats­va­ter und Ge­schöpf der wech­seln­den Ver­hält­nis­se, ein Pro­dukt­va­ter, sich selbst ge­gen­ü­ber im­mer ein Frem­der mit pa­nischer Angst vor Ge­füh­len und Kon­troll­ver­lust, mög­lich war; das sich wie ei­ne Fi­gur aus form­loser Mas­se nur auf die­sem Grund bil­den, sich he­raus-/bil­den konn­te; das, kurz ge­sagt, ei­ne Ant­wort war. Auf ei­nen an­de­ren Va­ter hät­te ich viel­leicht nicht ant­wor­ten kön­nen, weil er mich nicht ge­zwun­gen hät­te, das Ge­gen­teil zu sein, denn ich woll­te, nach ei­ner kur­zen kind­li­chen Pha­se der Iden­ti­fi­ka­ti­on – mein Va­ter ist Po­li­zist: ich wer­de auch Po­li­zist –, ein an­de­rer wer­den, als der, den ich für mei­nen Va­ter hielt, mei­nen in­tro­spek­ti­ven Va­ter, nicht mei­nen bi­o­lo­gi­schen, das war klar und stand au­ßer Fra­ge. Und die­ses: Ich wer­de ein An­de­rer, hat­te noch kein Sys­tem, kei­ne Form, kei­nen Be­griff von sich selbst, son­dern war nur leere Ne­ga­ti­vi­tät, oder, mit He­gel, Ne­ga­ti­on der Ne­ga­ti­on, denn ich ne­gier­te, was mein Va­ter war.
Was aber war Va­ter an­de­res als ei­ne Sum­me von Be­din­gun­gen, Be­feh­len, Ge­setz und Ge­hor­sam, ei­ner Spra­che ohne Spra­che und ei­nem Kör­per oh­ne Kör­per; mein Va­ter, bis er, ir­gend­wann im mitt­le­ren Al­ter, ei­nen Herz­in­farkt be­kam, war, so­weit ich den­ken kann, nie krank ge­wor­den, das heißt, er ver­leug­ne­te es, wenn er es war, und das mei­ne ich mit ein Kör­per oh­ne Kör­per sein; was mein Va­ter war, möch­te ich heu­te gern wis­sen, da­mals war er ei­ne Leer­stel­le in mei­nem Le­ben, die ich selbst zu fül­len be­gann mit et­was, das es wohl gab, in mir, in mei­ner in­ne­ren Welt, aber wohl­weis­lich noch im­mer ver­bor­gen, als ei­ne Chiff­re, ein Satz, der noch un­ge­schrie­ben war. Va­ter und Va­ter­land wa­ren für mich kei­ne Me­ta­pher, son­dern ein Fakt. Es gab ei­nen Schat­ten vom Va­ter weg auf das Va­ter­land hin, wie es ei­nen Schat­ten vom Va­ter­land weg auf den Va­ter hin gab, der auch noch ein Schat­ten des Va­ters des Va­ters war und des Va­ters des Va­ters auf das Va­ter­land hin und wie­der zu­rück, und in die­sem Schat­ten­reich stand ich – »ich« im­mer klein ge­schrie­ben.

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Im Gespräch mit Kurt Drawert, Pt. 2

Was be­deu­tet es 1990/91/92, un­mit­tel­bar nach Wen­de und Dik­ta­tur, ei­nen Mo­no­log zu schrei­ben? Der deut­sche Mo­no­log. Und ei­nen Ro­man zu schrei­ben, der viel­leicht auch et­was Mo­no­lo­gi­sches hat, Dre­sden. Die zwei­te Zeit, jetzt, in un­se­rer de­mo­kra­ti­schen Zeit?
Ja, das ist jetzt ei­ne sehr gu­te Fra­ge, auf die ich jetzt nicht gleich ei­ne Ant­wort ha­be. Al­so ich glau­be, dass das Spie­gel­land stär­ker mo­no­lo­gisch ist als das Dres­den-Buch. Spie­gel­land ist in ei­nem Atem ge­schrie­ben, in ei­nem in­ne­ren Mo­no­log, in ei­nem Voll­zug, der ei­ne Ab­wen­dung von au­ßen ist. Mo­no­lo­ge sind Ab­wen­dun­gen. Aber Ab­wen­dun­gen, im Sin­ne sich auf ei­ne an­de­re Art und Wei­se zu­ge­wandt zu ha­ben und sie neh­men den Di­a­log erst­mal zu­rück, um zu re­a­gie­ren und um ihn dann wie­der auf­zu­neh­men. Aber in die­ser Zu­rück­nah­me vom di­a­lo­gi­schen Prin­zip ha­ben sie ei­ne Ra­di­ka­li­tät des em­pfind­sa­men und re­a­gie­ren­den Sub­jek­tes und das hat­te ich im Spie­gel­land-Buch si­cher­lich so auch un­be­wusst, oder im äs­the­ti­schen Sin­ne vor. Das Dres­den-Buch ist ei­gent­lich we­ni­ger Mo­no­log als das Spie­gel­land-­Buch. Es ist viel di­a­lo­gi­scher und es ist viel po­rö­ser nach au­ßen, das heißt al­so, es nimmt viel mehr auf. Es hat die­se schein­bar ab­ge­schlos­se­ne Hal­tung des Ur­tei­lens nicht, wie ich das in Spie­gel­land si­cher­lich ha­be. Auch das ra­sche Ver­ur­tei­len, was ich heu­te so nicht mehr rich­tig fin­de, was ich aber da­mals nö­tig hat­te und das war dem an­ge­mes­sen, was ich af­fek­tiv em­pfun­den ha­be.
Aber ich ha­be schon auch sehr harsch ge­ur­teilt und sehr ra­di­kal. Und die Ra­di­ka­li­tät, die ich jetzt em­pfin­de, hat ei­ne an­de­re Form be­kom­men. Ich bin nicht we­ni­ger ra­di­kal in mei­ner Ur­teils­fä­hig­keit, aber die­se Ra­di­ka­li­tät hat mehr Zu­gän­ge zu dem Ge­gen­teil von dem, was man will, dass es ist. Al­so das Am­bi­va­len­te, die Welt der Ge­gen­sät­ze wird stär­ker ein­be­zo­gen, in die Ma­trix des An­schau­ens.

Nein, ich hät­te, seit ich zu den­ken be­gann, die D.D.R. nicht ge­wollt ha­ben kön­nen, da­zu war sie mir zu ab­wei­send ge­wor­den, zu feind­lich, zu kalt, an­de­rer­seits wa­ren die­se Feind­lich­keit, die­se Ab­wei­sung und Käl­te auch Fi­gu­ren in ei­nem Spie­gel, denn ich hat­te ja je­de Op­ti­on, wie mein Va­ter zu wer­den, um in der­sel­ben Stumm­heit den­sel­ben stum­men Dienst im Na­men des Staa­tes und sei­ner Macht zu ver­rich­ten. Aber die­se Op­ti­on stieß ich weg, und da­mit stieß ich gleich al­les von mir weg, mei­ne Zu­kunft ein­ge­schlos­sen. Das wer­de ich spä­ter noch wei­ter er­zäh­len, wenn die Zeit in der Er­zäh­lung he­ran ist. Hier möch­te ich die Grün­de fin­den, wa­rum es die­sen Hass ge­ge­ben hat und die­sen Ekel vor ei­nem Land, das sich am En­de selbst nicht mehr kann­te, denn nicht der Hass, den ich fühl­te, der Ekel, der Schmerz, ist von ir­gend­ei­nem In­ter­es­se (und am we­nigs­ten für mich selbst); al­lein der Grund für den Hass, den Ekel, den Schmerz, der tie­fe und ver­zweig­te Zu­sam­men­hang, der in die Struk­tu­ren der Ge­sell­schaft vor­dringt und sich letzt­end­lich als Du­blet­te er­weist, als Ko­pie der Ord­nungs­prin­zi­pi­en, nur in um­ge­kehr­ter Form, als pri­va­ter oder pseu­do-/pri­va­ter Ab­druck, als Fa­mi­li­en­dra­ma und sub­jek­ti­ve Ein­schrei­bung, al­lein die­ser Grund ist zu­gleich auch die Be­grün­dung, da­rü­ber zu spre­chen, auf der Su­che nach ei­ner Wahr­heit (hin­ter der Wahr­heit). Denn es gibt ei­ne Wahr­heit, auch wenn ich es sehr schwie­rig fin­de, sie für et­was Fes­tes zu hal­ten, für et­was, das man be­sit­zen und in einen Safe le­gen und si­cher dort auf­be­wah­ren kann; und wo es um Sub­jekt­wahr­heit geht, um Ge­fühls-, Er­in­ne­rungs- und Glau­bens­wahr­heit, ist sie ein Ef­fekt in der Spra­che und ab­ge­grenzt zur Wahr­heit ei­nes an­de­ren Sub­jekts; sie ist flu­i­de und kon­sti­tu­tiv und da­mit auch le­gi­tim; aber sie ist nicht le­gi­ti­miert, au­ßer­halb ih­rer selbst ei­nen An­spruch auf Gel­tung zu er­he­ben, und in­ner­halb ihrer selbst nur in Kor­res­pon­denz mit der Per­son des Sub­jekts; sie ist rei­ne au­to­poi­esis. Das auch macht Sub­jekt­wahr­hei­ten so an­fäl­lig für so­zi­a­le Kon­flik­te, weil sie sich selbst nicht von au­ßen zu se­hen be­kom­men und die Dif­fe­renz nicht er­fas­sen, die sie ganz na­tür­lich von ei­nem an­de­ren trennt.
Ich wür­de heu­te mei­nem Va­ter an­ders be­geg­nen, ich wür­de kei­nen Wert da­rauf le­gen, dass er mich ver­steht, ich wür­de nur Wert da­rauf le­gen, dass er sich be­müht, mich zu ver­ste­hen, um in die­sem Be­mü­hen auch die Er­fah­rung zu ma­chen, dass es ein Ver­ste­hen nur auf der Ober­flä­che der Er­eig­nis­se gibt, dort, wo das Be­geh­ren von sich selbst spre­chen kann. Je dif­fe­ren­zier­ter wir aber wer­den, des­to we­ni­ger kön­nen wir uns ver­ständ­lich sein, und das sa­ge ich oh­ne je­de Dra­ma­tik. Aber al­les das ist von der Bil­dungs­re­a­li­tät mei­nes Po­li­zis­ten­va­ters in einem Po­li­zis­ten­staat so weit ent­fernt, dass es lä­cher­lich wird, es über­haupt aus­zu­spre­chen; und da­bei war mein Va­ter in­tel­li­gent und be­gabt, wenn er zeich­ne­te oder Kla­vier spiel­te.
Aber sei­ne In­tel­li­genz war ei­ne rein tech­ni­sche, de­vot und an­ge­passt zu re­a­gie­ren, und sei­ne Be­ga­bung ver­lor sich im Kitsch. Es wa­ren Ges­ten durch ein Git­ter hin­durch, Ver­su­che der Frei­heit oh­ne Frei­heit, ein Ge­hen mit Ket­ten am Bein. Und ich soll­te die­se Ket­ten von ihm er­ben, ich soll­te mich sel­ber in Hand­schel­len le­gen und da­bei sa­gen, wie gut es mir geht. Da war ich drei­zehn und fing an, mich ab­zu­wen­den ... von sei­ner Po­li­zis­ten­welt. Ein Buch, das ei­nen nicht in Ge­fahr ge­bracht hat, ist un­nütz und braucht nicht ge­schrie­ben zu wer­den. Ich las das ir­gend­wo und zi­tie­re es blind. Aber Spie­gel­land war so ein Buch, in das ich nun ein­ge­drun­gen war wie der Berg­mann in sei­nen Berg und nur noch vor­wärts konn­te, wei­ter und tie­fer hi­nein. Die Schwer­mut wur­de so hef­tig in die­sem Jahr des Schrei­bens an die­sem Buch, dass ich ei­nen The­ra­peu­ten auf­such­te und zu ana­ly­sie­ren be­gann, was ich ge­ra­de im Text vor mir hat­te und ana­ly­sier­te.
Es war, wenn man so will, ei­ne dop­pel­te Re­fle­xi­on, ei­ne Re­fle­xi­on der Re­fle­xi­on, und das ist ei­ne Me­tho­de, die mir bis heu­te wich­tig ge­blie­ben ist – näm­lich zu se­hen, von wo aus man sieht. Mag sein, dass sie mein Werk be­schädigt, dass sie dem ko­hä­ren­ten Fluss des Er­zäh­lens ent­ge­gen­läuft und da­mit un­ver­traut bleibt, zer­ris­sen, wie das (wirk­li­che) Le­ben. An­de­rer­seits ist es mir im­mer um Er­kennt­nis ge­gan­gen, wenn ich ir­gend­et­was schrieb, und letzt­end­lich um po­e­ti­sche Er­kennt­nis, die auch das zur Spra­che bringt, was im Dun­keln aller Wör­ter bleibt. So ist Spie­gel­land na­tür­lich auch Essay ge­wor­den, Bild und Deu­tung zu­gleich, aber man hat auch da, wo die Form ih­ren Stoff und der Stoff sei­ne Form sucht, im Grun­de gar kei­ne Wahl; es ist Ein­bil­dung, sich den Schrift­stel­ler vor­zu­stel­len als ei­nen, der ei­ne Wahl hat. Viel­leicht hat er noch die Wahl, et­was an­zu­fan­gen oder nicht an­zu­fan­gen (wenn­gleich ich auch das schon be­zwei­feln möch­te), aber dann, wenn er im Berg­werk ist, herrscht der Berg mit al­len Ge­set­zen sei­ner Natur. Al­les an­de­re wird Kunst­ge­wer­be, ein fal­sches Pro­dukt.
Ich weiß heu­te nicht, wer ich war, als ich Spie­gel­land schrieb. Ich weiß, wenn ich es ge­nau be­den­ke, nie, wer es war, der et­was ge­schrie­ben hat, das na­tür­lich und zwei­fel­los ich ge­schrie­ben ha­be. Im­mer wie­der bin ich er­staunt, wenn plötz­lich ein Buch ent­stan­den ist, wo vor­her nichts ge­we­sen war, nur wei­ßes, lee­res Pa­pier. Ich schaue es an wie ein Wun­der, wie ei­ne Ge­burt, von de­ren Zeu­gungs­akt ich nichts weiß, von de­ren Grund und Be­grün­dung ich kei­ne Kennt­nis mehr ha­be, und schon, wäh­rend die­ses Wun­der all­mäh­lich zu ei­nem mir frem­den Ding wird, zu ei­nem Buch un­ter Bü­chern, kalt und leb­los und mir selbst furcht­bar fern, ver­wischt sich die ei­ge­ne Schrift im Blick auf die Sei­ten. Ich ha­be et­was ge­schrie­ben, aber es ist, als könn­te ich es selbst nicht mehr le­sen; al­len­falls noch nach­buch­sta­bie­ren und wort­wört­lich zu ei­nem Laut wer­den las­sen; al­len­falls noch mit ei­ner dum­pfen Ah­nung be­le­gen, dass da et­was Tie­fes in der Tex­tur liegt, al­lein – es ist mir ent­schwun­den.
Von die­sem Au­gen­blick ei­ner in­ne­ren Ab­lö­sung, ei­nes Selbst­stän­dig­wer­dens des Tex­tes vor dem ei­ge­nen Ver­ständ­nis und Ver­stand, das ein Pro­dukt der zeit­li­chen Ver­schie­bung – auch der Ich­tei­le – ist, wer­de ich zum Le­ser mei­ner selbst. Stück für Stück und Satz für Satz und Sze­ne für Sze­ne kom­me ich mir nah oder blei­be auf Ab­stand, in­ter­pre­tie­re, un­ter­stel­le, ver­mu­te, und nur das plötz­li­che Auf­tau­chen ei­nes Ge­fühls, ei­ner Er­re­gung oder Lie­be oder Ent­täu­schung, ei­nes Has­ses, ei­nes Ekels, ei­ner Se­kun­de des Glücks, gibt mir ein Zei­chen, auf dem Weg ei­nes Ver­ste­hens zu sein, ei­ner in­ne­ren An­nä­he­rung, ei­ner Wie­der­ho­lung von Sa­chen, die sich so und nicht an­ders zu­ge­tra­gen ha­ben. Die Zeit bleibt ste­hen und dehnt sich, im Still­stand, un­end­lich aus, Er­in­ne­rung und Ge­gen­wart fal­len in­ei­nan­der wie stür­zen­de Bä­che, wenn sie in ei­nen Was­ser­fall mün­den, und die­ser Punkt ei­ner tiefs­ten Be­rüh­rung von Wort und Ge­fühl ist gleich­sam ein An­ruf, eine Be­we­gung, durch die ich ver­setzt bin in ei­nen an­de­ren, ver­gan­ge­nen Zu­stand, und es kann auch nur ein ein­zi­ges Wort sein, das mich der­ma­ßen mit­reißt, Va­ter zum Bei­spiel oder Mut­ter, und schon ver­schließt es sich wie­der in sei­ner le­ben­di­gen Na­tur und wird wie ein Grab, in dem die To­ten lie­gen, dann ist es wie­der nichts als die kal­te Haut ei­ner Spra­che, die im­mer, was sie sa­gen will, ver­fehlt, und die­se no­to­ri­sche und durch nichts zu ver­hin­dern­de Ver­feh­lung ist der trei­ben­de Stoff in der Spra­che, ihr fort­ge­setz­tes Glei­ten der Sät­ze, im­mer auf den ei­nen, sel­te­nen Punkt zu, dem ei­nen, ein­zi­gen Wort.
Des­halb fal­len mir Le­sun­gen schwer, Vor-/le­sun­gen, die et­was Re­pro­du­zie­ren­des ha­ben, et­was Ab-/le­sen­des, das sich selbst für et­was Ge­schlos­se­nes, Un­ver­rück­ba­res, Fer­ti­ges hält, weil der Ort, von dem aus ich le­se, ab-/le­se, re­pro­du­zie­re, ein völ­lig an­de­rer ist als je­ner des Ur­sprungs der Schrift; die­se Or­te ha­ben ge­nau ge­nom­men nichts mit­ei­nan­der zu tun; sie si­mu­lie­ren ei­ne Ver­bin­dung und Ver­bind­lich­keit, für die auch noch die Stim­me, wo sie selbst zum Ob­jekt wird, her­hal­ten und Iden­ti­tät be­zeu­gen soll; die fes­te, kla­re, pro­so­disch schwin­gen­de Stim­me, die mir, in eben­die­sen Mo­men­ten, nicht mehr zur Ver­fü­gung steht. Wie ein Se­hen­der ei­nem Blin­den er­klärt, was er ge­se­hen hat, so er­klärt mir mein Buch, was ich ge­wusst ha­be. Und so strei­fe ich mit dem Blick über die ei­ge­nen Sei­ten, blät­te­re wei­ter oder le­se mich fest, in die­ser klei­nen blau­en Edi­ti­on-Suhr­kamp-Aus­ga­be, die für so viel Auf­re­gung, Zorn und Zer­würf­nis ge­sorgt hat und zu­gleich selbst ein Ge­fäß für Ver­let­zun­gen ist, für Trau­er und Schmerz.

… und was, dach­te ich, ist der Er­halt der Ge­sell­schaft an­de­res als ei­ne ein­ge­hal­te­ne Schwei­gens­ver­ab­re­dung, es ist, dach­te ich, ei­ne Schutz­lo­sig­keit über die Men­schen ge­kom­men und sie wer­den ei­ne Ver­bun­den­heit su­chen und schwei­gen, das Land wird in ein tie­fes, end­lo­ses Schwei­gen ver­sin­ken und schön sein …, und mei­ne Be­schrei­bung ei­ner ­Fo­to­gra­fie wä­re eben­so vor­zei­tig ver­ges­sen ge­we­sen wie die Exis­tenz der Fo­to­gra­fie, und ich wä­re selbst­ver­ges­sen und ab­we­send ge­we­sen, hät­te ich tat­säch­lich die­se Brie­fe noch ein­mal in die Hand ge­nom­men und ge­le­sen und mich in de­ren Re­a­li­tät hi­nein­be­ge­ben, die durch mei­ne blo­ße Aus­ei­nan­der­set­zung noch ein­mal Re­a­li­tät ge­wor­den wä­re … Ich aber woll­te die­se Re­a­li­tät als be­en­det wis­sen, sie hat­te sich zu lan­ge be­haup­tet und sie hat­te zu viel zer­stört, und ich wä­re ab­ge­bracht wor­den von mei­nem Weg in die an­de­re Rich­tung, den ich lan­ge schon ge­gan­gen war und auf dem ich lan­ge schon fort­ge­gan­gen war, nie hat aber auch nur ei­ner mei­ner Fa­mi­lie ei­ne Ah­nung da­von ge­habt, in wel­chen Ein­sam­kei­ten und in wel­chem Al­lein­sein ich war, wenn ich an der rot­be­leuch­te­ten Auf­schrift »Der So­zi­a­lis­mus siegt« vor­bei in die Lehr­an­stalt lief …

Wie of­fene Wun­den ste­hen die­se Sätze im Text, und nichts, kein Wort hät­te ich an­ders setzen, ab­schwä­chen oder gar zu­rück­hal­ten kön­nen, und das nicht, weil ich von de­ren Rich­tig­keit im Sin­ne ei­nes von Tat­sa­chen be­leg­ten Ge­sche­hens über­zeugt bin, das au­ßer­halb mei­ner Em­pfin­dun­gen so und nicht an­ders statt­ge­fun­den hat, son­dern von de­ren Rich­tig­keit in ei­ner Spur des Er­in­nerns. Je wahr­schein­li­cher das Mög­liche wird, des­to nä­her trägt sich die Wahr­heit an uns he­ran; und so le­se ich mich er­neut durch das Ge­län­de und das Ge­strüpp, durch Licht und Schat­ten, durch Rhe­to­rik und Me­ta­pho­rik von Spie­gel­land hin­durch, blei­be ste­hen, fin­de mich selbst un­er­träg­lich, fin­de mich in mei­nen An­sprü­chen maß­los und ver­let­zend und mich sel­ber ver­let­zend und dann doch wie­der auf der ein­zi­gen Su­che nach Wahr­heit un­ab­än­der­lich in ei­nen Wi­der­spruch ver­strickt: die­sel­be Zer­stö­rung nicht wei­ter­zu­rei­chen, die in mir statt­ge­fun­den hat, aber es viel­leicht, un­will­kür­lich, den­noch zu tun. Wo war der Schnitt zwi­schen Kör­per, Ge­sell­schaft und Spra­che ge­setzt? Wer war, wo­ran, schuld, und warum?

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Im Gespräch mit Kurt Drawert, Pt. 3

Ich stel­le mir bei Spie­gel­land wirk­lich spa­ti­al ei­nen Raum vor, in dem das pas­siert, was dann aus den Zei­chen, aus den Wor­ten, aus den Sätzen und Ka­pi­teln, die die­ses Buch zu­sam­men­bringt zu die­sem Mo­no­log, her­vor­geht. Weil das Wort Spie­gel­land, als Be­griff, kommt im Text selbst nicht vor, nur als ein Ti­tel. Und in Dres­den. Die zwei­te Zeit kommt Spie­gel­land eben­so nicht vor, nur als eine Re­fe­renz auf den Titel. Was ist die­ses Spie­gel­land?
Es ist die­se stän­dige Re­fle­xi­on und Re­fle­xi­on der Re­fle­xi­on. Also die­ses Spie­geln von Ge­schichts­raum und von In­ner­lich­keit, von Kör­per, Fa­mi­lie und Ge­sell­schaft. Die­ses In­ei­nan­der­drin­gen ei­ner psy­cho­po­li­ti­schen Ma­trix, die im­mer spie­gel­bild­lich und kor­re­lativ exis­tiert – das meint schon Spie­gel­land. Das Re­flek­tie­ren als Ge­gen­po­si­ti­on zum Er­zäh­len ist mir im­mer li­te­ra­risch schon so mög­lich. Und ich kann das ei­ne oh­ne das an­de­re gar nicht den­ken. Ich ha­be im­mer star­ke re­flek­to­ri­sche Ele­men­te in den Er­zäh­lun­gen und das mag ei­ni­gen nicht be­ha­gen, das hat mir auch Kri­ti­ken ein­ge­bracht, in de­nen ge­sagt wird, dass ich die Be­deu­tun­gen schon sel­ber vor­weg­näh­me, die der Le­ser durch die Ge­schich­te selbst schaf­fen will. Das kann man al­les so se­hen, aber ich ge­he um die Din­ge, die ich be­schrei­be, aus al­len Per­spek­ti­ven um die­se Din­ge he­rum und da ist die Re­fle­xi­on dann Be­stand­teil der Er­zäh­lung. Das alles meint Spie­gel­land. Also ein Ge­we­be von Re­fle­xi­on und von Er­zäh­lung, von Ge­gen­wart, von Ver­gan­gen­heit und von Zu­kunft, das in­ei­nan­der spielt.

Die Re­fle­xi­on ist viel­leicht ei­nes der ers­ten Din­ge, an die man beim Spie­gel denkt. Man schaut in den Spie­gel und man sieht sich selbst …
Die Spie­glung ist die ers­te Form der Ich-Wer­dung an sich. Al­so das Kind schaut in den Spie­gel und sieht sich als et­was an. Und in­dem es dann sa­gen kann, das bin ja ich, fin­det die ers­te Iden­ti­fi­ka­tion statt. Das nennt man das Spie­gel­sta­di­um. Und in die­ses Spie­gel­sta­di­um der ers­ten Iden­ti­fi­ka­tion kommt jetzt auch der Riss in das Sub­jekt, in­so­fern es aus der ima­gi­nier­ten Voll­kom­men­heit die Brü­chig­keit ent­deckt und auf ein­mal sich sieht – als et­was, was es nie als Gan­zes an­schau­­en kann, son­dern im­mer nur in vie­len Tei­len sieht. Und die so­ge­nann­te ju­bi­la­to­rische Ges­te des An­schau­ens weicht dann ei­nem Riss, im­mer ein an­de­rer zu sein als der, den man sieht. Das ist so­zu­sa­gen ei­ne Ur­spal­tung, die dann im Sub­jekt ge­setzt ist. Und die nächs­te Form ist dann die Spal­tung in der Spra­che, die über das Sub­jekt herrscht, die von au­ßen auf das Sub­jekt kommt. Aber die­se Spie­ge­lung, die Spie­gel­bild­lich­keit, das Re­flek­tie­ren des­sen, was ist und des Ei­ge­nen im Spie­gel, das man dann als et­was an­de­res sieht, ehe man es dann als Ich er­kennt – das ist eine Ur­pha­se der Ent­wick­lung.

Also der Spie­gel wirft ein Bild zu­rück, das ich bin, so­lan­ge ich es nicht be­fra­ge. Und dann ent­ste­hen die Ris­se, so­zu­sa­gen in der Re­fle­xi­on der Re­fle­xi­on. Und in der Spra­che ist es ganz ähn­lich. Wir eig­nen uns die Welt an, in­dem wir sie be­nen­nen, in dem wir ler­nen, für sie Be­schrei­bun­gen zu fin­den, bis wir mer­ken wie un­zu­läs­sig, wie ver­fäl­schend, wie un­ge­nau sie sind. Ist das rich­tig?
Wir kön­nen nicht oh­ne Spra­che sein, weil wir dann kei­ne so­zi­a­len We­sen wä­ren. Aber die Ein­schrei­bung in die Spra­che ist eine ko­los­sa­le Ent­frem­dung, weil die Spra­che vom An­de­ren kommt. Sie ist im­mer schon da, sie herrscht über mich, ich muss mich ihr un­ter­wer­fen, ich muss sie ak­zep­tie­ren. Und das, was mein Ur­be­geh­ren ist, geht in der Spra­che nicht mehr auf. Es gibt im­mer ei­ne Dif­fe­renz zwi­schen dem, was sprach­lich ab­ge­bil­det wird, was durch den an­de­ren re­prä­sen­tiert ist und was mein ur­säch­li­ches Be­geh­ren war. Das ist nie de­ckungs­gleich zu brin­gen und von da­her ist Spra­che na­türlich auch die ers­te Form der Un­ter­wer­fung un­ter ei­nem Sys­tem. Und der Sprech­akt wie­de­rum ver­sucht dann die­se Ent­frem­dung wie­der rück­gän­gig zu ma­chen und auf das Sub­jekt hin zu be­rich­ti­gen, so­weit das mög­lich ist. Und das li­te­ra­ri­sche Spre­chen ist letzt­end­lich der äu­ßers­te Ver­such ei­ner Ent­ent­frem­dung von Spra­che, in­dem man sie am stärks­ten sub­jek­ti­viert und ihr den größt­mög­li­chen sub­jek­ti­ven Aus­druck gibt.

Todes
erfahrung

Ich zie­he mich zu­rück und le­se Va­ters Nie­der­schrif­ten, die er zu schrei­ben be­gann, nach­dem ich Spie­gel­land he­raus­ge­bracht hat­te, es war – oder soll­te es wer­den – sei­ne Ant­wort auf mich. Er kam mit Mut­ter nach Worps­we­de, wo ich ein Sti­pen­di­um hat­te, um Ur­laub zu ma­chen, wäh­rend ich mit Mo­na nach Is­ra­el flog. Als ich zu­rück­kam, lag Post vom Ver­lag auf dem Tisch – das ers­te Be­leg­exem­plar mei­nes Ro­mans. Ich zuck­te zu­sam­men und öff­ne­te nicht, ob­wohl ich na­tür­lich ge­spannt war, wie es aus­se­hen wür­de, das neue Buch, das so viel an­rich­ten, ver­letzen, zer­stö­ren, aber auch klä­ren und er-/klä­ren soll­te, wo­von ich na­tür­lich noch kei­ne Vor­stel­lung hat­te. Ich rech­ne­te mir kaum Er­folg da­mit aus – viel zu schwie­rig zu le­sen, viel zu un­po­pu­lär. Da­zu nicht ein­mal Hard­co­ver. Nein, das wür­de kei­ner in der Fa­mi­lie im Os­ten mit­be­kom­men, was ich hier, im Wes­ten, so schrei­be und pu­bli­zie­re. Nur we­ni­ge Wo­chen spä­ter, nach der ers­ten gro­ßen Be­spre­chung in der FAZ, la­sen es al­le. Wie ein Lauf­feu­er hat­te es sich he­rum­ge­spro­chen, in Dres­den, in der Fa­mi­lie, un­ter den On­keln, Tan­ten, Cou­sins und Cou­si­nen, El­tern, Groß­el­tern, Brü­dern, al­le la­sen es und strit­ten da­rü­ber.
Die ei­nen ver­tei­dig­ten mei­nen Va­ter und mei­nen Groß­va­ter, die an­de­ren mich, die ei­nen die D.D.R., wie sie war, die an­de­ren mei­ne An­sicht da­rü­ber, dass sie ab­ge­schafft ge­hör­te, aus­ge­löscht, es war wie ein Schnitt mit der Ra­sier­klin­ge durch das fa­mi­li­ä­re Ge­we­be, links die ei­nen, rechts die an­de­ren, und da­zwi­schen ein Ab­grund, der nicht zu über­win­den war. Nie hät­te ich mir ei­ne sol­che Wir­kung vor­stel­len kön­nen, wä­re ich da­rauf ein­ge­rich­tet ge­we­sen, sie mit die­sem klei­nen Bänd­chen zu pro­vo­zie­ren. Ich konn­te mir über­haupt nicht vor­stel­len, dass Sätze wie mei­ne et­was aus­rich­ten könn­ten, es lag ei­ne so merk­wür­di­ge Am­bi­va­lenz in mei­nem Selbst­bild, das zwi­schen Ver­klei­ne­rung und Ver­grö­ße­rung der in­ne­ren Per­son hin- und her­ge­ris­sen war, dass ich von ei­ner sta­bi­len Be­ziehung zu mir selbst über­haupt nicht re­den kann. Viel­mehr gab es mich zwei­mal – ein­mal klein und ver­le­gen, ver­letzt und ver­letz­bar, und dann, so­bald ich al­lein war und zu schrei­ben be­gann, groß und selbst­be­wusst, klar in den ge­dank­li­chen Li­ni­en und kom­pro­miss­los auf dem po­li­ti­schen Feld, ich hör­te mich ge­ra­de­zu selbst, wenn ich schrieb, die­se in­ne­re, kräf­ti­ge Stim­me, wie sie nach au­ßen auf das Pa­pier drang, Sätze bil­de­te, Tex­te.
Die­sem Strom des Schrei­bens konn­te ich selbst nichts mehr hin­zu­fü­gen oder ihn ab­schwä­chen oder ver­än­dern, er war wie ein in­ne­res Ge­setz, dem auch ich mich zu un­ter­wer­fen hat­te und vor dem es kein Ent­kom­men, fast woll­te ich sa­gen, kei­ne Gna­de gab. – »Denn schrei­ben«, sag­te ich Mut­ter, »li­te­ra­risch schrei­ben, heißt im­mer auch, die Gren­zen des Wis­sens zu ver­schie­ben und sich den Dun­kel­hei­ten zu­zu­wen­den, die das Le­ben um­gibt.« – »Du weißt ja gar nicht, wie es Va­ter ge­kränkt hat, wie du ihn bloß­ge­stellt hast.« On­kel Han­nes läs­ter­te und mach­te Witze, wenn wir ihn tra­fen: »Ist das die Lam­pe, an der un­ser klei­nes Karl­chen vor­bei vom hel­len in den dunk­len Teil des Rau­mes ge­hen muss­te, um sei­nem Va­ter die Gu­te­nacht­hand zu ge­ben?«

… aber pracht­voll blüh­te der Gar­ten, in den ich hi­naus­sah, als ich in 136 der Tür zu mei­nes Va­ters Ar­beits­zim­mer stand, um ihm die Gu­te­nacht­hand zu ge­ben, und wie im­mer saß er an 137 sei­nem Schreib­tisch mit ei­ner Lu­pe in der Hand, mit der er auch sei­ne Brief­mar­ken be­trach­te­te, und las, stu­dier­te, ver­glich, schrieb ab, un­ter­strich, kreuz­te an, und es herrsch­te ein Licht in die­sem Raum, das ich als ein zwei­ge­teil­tes Licht em­pfand und durch das der Mann, der mein Va­ter ge­we­sen ist, erst recht, wenn er, mit be­gin­nen­der Dun­kel­heit, die Schreib­tisch­lam­pe an­schal­ten wür­de, ei­nen Schat­ten warf auf die über­all he­rum aus­ge­brei­te­ten und auf­ge­schla­ge­nen Bü­cher, die Bü­cher des To­des ge­we­sen sind, und der Mann, der mein Va­ter ge­we­sen ist, wür­de, dach­te ich, so­bald er die Schreib­tisch­lam­pe an­ge­schal­tet hät­te, wes­halb die Win­ter, in de­nen ich die­sen Mann, der mein Va­ter ge­we­sen ist, im­mer im Licht der Schreib­tisch­lam­pe se­hen muss­te, schlim­mer als die Sommer für mich wa­ren, ei­ne blas­se, ins Grau ge­hen­de Haut­far­be be­kom­men, und das Haar wür­de mir weiß vor­kom­men wie Schnee, dach­te ich, als ich, im­mer ge­ra­de­aus auf den Som­mer­abend schau­end hin­ter dem Fens­ter, hin­ter dem der Gar­ten be­gann und die Wei­te der Hei­de­land­schaft hin­ter dem Gar­ten und der Kie­fern­wald am Ho­ri­zont, auf ihn zu­ging, die Gu­te­nacht­hand schon von mir ge­streckt und die Hand, die zum Her­zen führ­te, vor die Au­gen ge­hal­ten, aber auch nicht rich­tig vor die Au­gen ge­hal­ten, nur so, dass ich noch se­hen konn­te, wo ich hin­trat, wo­bei ich, woll­te ich se­hen, wo ich hin­trat, im­mer auch die Bil­der und Er­klä­run­gen des To­des se­hen muss­te, so­dass ich ge­le­gent­lich blind lief oder den Blick fest auf ei­nen Punkt hin­ter dem Fen­ster ge­rich­tet hielt, was ein se­hen­des Blind­lau­fen war und mich ab und an stol­pern ließ, um­so er­schrocke­ner noch mich auf den Raum und auf den Weg durch den Raum kon­zen­trie­ren zu müs­sen, und es war im­mer ein Ge­hen von der dunk­len in die hel­le Hälf­te des Zim­mers wie von der zwei­ten, zwei­fel­haf­ten und ge­fähr­de­ten Sei­te der Exis­tenz in die ge­ord­ne­te, ver­nünf­ti­ge und über­schau­ba­re Sei­te der Exis­tenz, ich hat­te im­mer vom Dunk­len ins Hel­le zu ge­hen, wenn ich he­rein­trat, um beim He­raus­ge­hen ins Dunk­le des Zim­mers zu­rück­zu­keh­ren wie in ei­nen Ab­grund, der mich hi­nab­zog, ich ging im­mer ganz lang­sam he­rein und ganz schnell wie­der he­raus, das He­rein­tre­ten war im­mer das Schlim­me­re und das He­raus­ge­hen im­mer das Bes­se­re der Si­tua­tion, aber das Al­ler­schlimms­te der Si­tua­ti­on und schlim­mer als das He­rein­tre­ten und erst recht als das He­raus­tre­ten war, wenn ich spür­te, so­bald ich nah ge­nug an den Mann, der mein Va­ter ge­we­sen ist, he­ran­ge­tre­ten bin, wie mei­ne Hand von der Hand des Man­nes, der mein Va­ter ge­we­sen ist, um­schlos­sen war wie von ei­ner Re­a­li­tät, vor der die Re­a­li­tät au­ßer­halb die­ser Si­tua­ti­on und au­ßer­halb die­ses Zim­mers nur noch ei­ne Illu­sions­rea­li­tät sein konn­te, und ich be­kam, so­bald mei­ne Hand in des Man­nes Hand lag, die gan­ze Hilf­lo­sig­keit zu spü­ren, mit der wir die­ser Rea­li­tät aus­ge­lie­fert sind, ich spür­te die Ver­fü­gung über mich in der Art des Fest­ge­hal­ten­wer­dens und die Macht, die die­se Hand über mei­ne Hand be­saß, denn erst wenn die­se Hand sich von mei­ner Hand ge­löst hat­te, konn­te ich wie­der hi­naus­ge­hen, ich konn­te erst ge­hen, wenn die­se Hand woll­te, dass ich ge­he, und die Zeit, die ver­ging, wäh­rend ich dem Mann, der mein Va­ter ge­we­sen ist, die Hand zum Gu­te­nacht­gruß gab und um­schlos­sen spür­te und wie­der frei­ge­las­sen an mich he­ran­zie­hen konn­te, war im­mer ei­ne Ewig­keit für mich, so als wä­re es die Er­fah­rung des To­des selbst ge­we­sen, die ich mach­te, ehe ich mich ab­wen­den konn­te, ehe ich ab­ge­wandt das Licht ver­las­sen konn­te, um in ein an­de­res Licht zu ge­hen, durch die End­lo­sig­keit die­ses Rau­mes, denn ich ha­be die­sen Raum als end­los em­pfun­den, und sei­ne Be­gren­zung ist mir un­ver­ständ­lich ge­blie­ben, hin­durch.

Die­se Stim­me, die­ser inne­re Ort, er geht mir ver­lo­ren. Ich su­che ihn in mir auf, spü­re ihm nach, war­te auf Re­so­nanz – nichts. Nur Lee­re, Öd­nis, schwar­zes Licht. Nichts fügt sich an­ei­nan­der, je­der Zu­sam­men­hang bricht, an sich sel­ber, ent­zwei. Es ist die­se Ge­wiss­heit vom Un­ge­wis­sen, von den Mög­lich­kei­ten der Täu­schung, vom Selbst- und Fremd­be­trug. Man muss es nicht Lü­ge nen­nen, son­dern nur ei­nen Blick in den fal­schen Spiegel, der, ein we­nig zur Sei­te ge­dreht, et­was an­de­res zeigt als das ei­gene Ge­sicht. Wie ge­rad­li­nig, kom­pro­miss­los und sich sei­ner Sa­che be­wusst ha­be ich Spie­gel­land ver­fasst, ge­lit­ten, ge­heult, aber im­mer auf der Su­che nach Spra­che und Wis­sen, nach Er­kennt­nis und Ein­sicht in die dunk­len Rät­sel des Le­bens. Nichts da­von ist ge­blie­ben. Ich miss­traue je­dem Satz, der ei­nen Punkt hat (wie die­ser). Ich glau­be den Zei­chen ih­re Be­deu­tun­gen nicht und ge­he da­von aus, dass, was ich sa­ge, nichts hin­ter­lässt, kei­ne Spu­ren. In Spie­gel­land hat­te ich noch die Ver­hält­nis­se der D.D.R. im Ge­fühl; die Strahl­kraft der Wor­te; die Sub­ver­sion des an­de­ren Blicks und der ne­ga­ti­ven Tex­te. Ich war mir so si­cher.

Ich em­pfand nichts, ich em­pfand le­dig­lich, wie die Scham da­rü­ber, nichts zu em­pfin­den, von mir ge­gan­gen ist, um schließ­lich nur noch zu em­pfin­den, nichts zu em­pfin­den, ich war leer, ich hat­te nicht ein ein­zi­ges Wort für ihn üb­rig. Es gab kei­ne Wor­te für die­se Si­tu­a­tion, es hat nie und für kei­ne Si­tu­a­tion Wor­te zwi­schen uns ge­ge­ben, es hat im­mer nur Aus­spra­chen zwi­schen uns ge­ge­ben, und so ha­ben wir auch nicht ge­spro­chen, wir ha­ben ei­ne laut­lo­se Aus­spra­che ge­führt, nur dass dies­mal, wie vor­dem im­mer er auf mich, ich auf ihn he­rab­se­hen konn­te, ei­ne an­de­re Per­spek­ti­ve der Käl­te und der Be­zie­hungs­lo­sig­keit, die mir ein Tri­umph war, ei­ne Ent­schä­di­gung.
Es ist schwie­rig, da­rü­ber zu spre­chen, und ich er­inne­re mich schlecht, nur an das Licht er­inne­re ich mich, wie es vom Gang in das Zim­mer schien, ei­nen Licht­ke­gel bil­de­te, der von der Glas­tür aus­ge­gan­gen war und den klei­nen, mit me­di­zi­ni­schen Ge­rä­ten voll­ge­stell­ten Raum in ei­nen hel­le­ren und ei­nen dunk­le­ren Teil trenn­te, und es ist das Licht mei­ner Kind­heit ge­we­sen, er­inner­te ich mich, aber heu­te konn­te ich von der hel­le­ren Hälf­te des Rau­mes in die dunk­le­re Hälf­te des Rau­mes ge­hen, frü­her, er­inner­te ich mich, muss­te ich im­mer vom Dunk­len ins Hel­le ge­hen, Va­ter saß am En­de des Rau­mes an sei­nem Schreib­tisch in der Hel­lig­keit des Ta­ges­lich­tes, das durch die Fen­ster­tür fiel, oder im Schein der Schreib­tisch­lampe, durch den er ei­nen Schat­ten auf die hin­ter ihm aus­ge­brei­te­ten Bü­cher warf, und ich stand in der Tür und ging vom Dunk­len ins Hel­le auf ihn zu und vom Hel­len ins Dunk­le von ihm weg, heu­te aber ging ich vom Hel­len ins Dunk­le auf ihn zu und wür­de vom Dunk­len ins Hel­le von ihm weg­ge­hen, und die­ses Ge­fühl, er­inne­re ich mich, vom Dunk­len ins Hel­le von ihm weg­ge­hen zu können, war mir von ei­ner Wich­tig­keit, wie es sie in die­sem Zu­sam­men­hang nie wie­der für mich gab, schon dass ich vor ihm stand und dass er vor mir lag, war mir wich­tig, er­inne­re ich mich, noch wich­ti­ger aber war, er­inne­re ich mich, vom Hel­len ins Dunk­le auf ihn zu­zu­ge­hen und vom Dunk­len ins Hel­le ihn zu ver­las­sen.

Jetzt liegt ein Ne­bel über mei­nen Ver­su­chen zu schrei­ben, ein blei­er­nes Tuch, das die Sätze ver­hin­dert, ih­nen Leich­tig­keit nimmt und Trans­zen­denz. Ich se­he mir beim Schrei­ben zu, ich hö­re mich spre­chen, ich bin Zeu­ge mei­ner ei­ge­nen An­we­sen­heit, die ei­ner Ab­we­sen­heit gleich­kommt. – »Ich war­te auf mich selbst.« – »Das klingt nicht un­in­ter­es­sant. Viel­leicht kannst du dich ja ein­mal selbst über­ra­schen?« Über das War­ten schreibt Blan­chot: »War­ten schenkt Zeit und nimmt Zeit, doch die es schenkt und die es nimmt, ist nicht die­sel­be. Als fehl­te ihm, wenn er war­tet, ge­ra­de die Zeit zum War­ten. Die­ser Über­fluss an feh­len­der Zeit, die­ser Zeit­man­gel im Über­fluss.«
Ich be­kom­me, wenn ich nicht schrei­be, Schmer­zen. Jetzt ha­be ich Schmer­zen, wenn ich schrei­be, weil ich schrei­be. – »Es ist die Schuld, es zu sa­gen. Oder es nicht zu sa­gen.«

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Im Gespräch mit Kurt Drawert, Pt. 4

Und doch, oder viel­leicht des­we­gen, sprichst du an vie­len Stel­len und auch zu­letzt in dei­nem Dres­den-Ro­man häu­fig über die Un­fä­hig­keit zu spre­chen, das Miss­trauen in je­des Wort, die so­ge­nann­te Apha­sie, die Sprach­lo­sig­keit, die auf ei­ne pa­ra­do­xe Wei­se das Spre­chen, das Schrei­ben von dir und viel­leicht über­haupt, kenn­zeich­net. Wie hängt das zu­sam­men?
Es gibt in Spie­gel­land ein gan­zes Ka­pi­tel da­rü­ber, wie das Sub­jekt als Kind die Spra­che ra­di­kal ver­wei­gert. Die­ser Ent­frem­dung zu ent­ge­hen heißt in der Psy­cho­a­na­ly­se die ver­wei­ger­te Kas­tra­tion. Kas­tra­tion im Sin­ne von »Ich muss die Spra­che ak­zep­tie­ren, um ein so­zia­les We­sen zu wer­den«. Und die Ak­zep­tanz die­ser Spra­che, die im gro­ßen An­de­ren auf­ge­ho­ben ist, ist die Kas­tra­tion. Ich muss mich also sym­bo­lisch kas­trie­ren las­sen, ich muss die Spra­che ak­zep­tie­ren, ich muss sie an­neh­men, ich muss mich in ihr n ihr un­ter­wer­fen. Und die ver­wei­ger­te Kas­tra­tion kann nur in der Psy­cho­se en­den, das heißt al­so in ei­nem ei­ge­nen Wer­te­sys­tem, Bild­sys­tem, Sinn­sys­tem, das mit der ge­sell­schaft­li­chen Re­a­li­tät nicht mehr ko­in­zi­diert. Und die­se Ge­sell­schafts­ver­wei­ge­rung in der ver­wei­ger­ten Kas­tra­tion ist nicht leb­bar. Sie ist dann po­e­to­lo­gisch [ei­gent­lich meint er hier: pa­tho­lo­gisch, Anm. des In­ter­vie­wers] und kann nur in ei­nem kli­ni­schen Kon­text sich aus­drücken.

Ist es pa­tho­lo­gisch oder po­e­to­lo­gisch?
Ja, das ist jetzt ei­gent­lich ein Ver­spre­cher, der aber in­te­res­sant ist. Es kann bei­des sein. Das Po­e­to­lo­gi­sche hat ja et­was von ei­ner pa­tho­lo­gi­schen Ver­wei­ge­rung ge­sell­schafts­ge­norm­ter Spra­che, in­dem es die Spra­che so weit auf­reißt, dass neue Sinn­zu­sam­men­hän­ge ent­ste­hen kön­nen. Ich ha­be jetzt da­rü­ber noch gar nicht nach­ge­dacht, aber wenn wir da­rü­ber re­den und an die­sem Punkt sind, kommt es mir in den Sinn, dass es da flie­ßen­de Über­gän­ge gibt, zwi­schen Kas­tra­tions­ver­wei­ge­rung und Po­e­sie. In ei­ner ge­wis­sen Wei­se ist die Po­e­sie ein Akt von ver­wei­ger­ter An­er­ken­nung des gro­ßen An­de­ren, der in der Spra­che sich prä­sen­tiert, in­dem das po­e­ti­sche Spre­chen die äu­ßers­te Form von ei­nem ra­di­ka­li­sier­ten und sub­jekt­orien­tier­ten Spre­chen ist. Und hier ist dann im­mer die Fra­ge, wie weit es noch Über­gän­ge zur All­ge­mein­ver­ständ­lich­keit schafft oder zu ei­ner Ei­gen­sprach­lich­keit wird, die nicht mehr kommen­su­ra­bel ist. Das ist ein Ba­lance­akt.
An der Stel­le ist auch die Dich­tung nicht mehr wirk­lich frei, weil sie, wenn sie zu ide­o­lek­tisch wird, kei­nen Raum der Ver­stän­di­gung mehr nach au­ßen ha­ben kann, und dann hat sie auch kei­ne Le­ser mehr. Die Un­ver­ständ­lich­keit, die der Li­te­ra­tur­spra­che inne­wohnt, braucht Öffnun­gen, die ver­ständ­lich blei­ben und die mit der Kon­ven­tion des Spre­chens noch in ei­ner kom­men­su­ra­blen oder ko­in­zi­den­ten Be­zie­hung ste­hen. Also das heißt, ein Stück von der Kas­tra­tion muss an­er­kannt wer­den, ich muss mich et­was die­ser Kas­tra­tion beu­gen, um mich ihr dann zu ver­wei­gern. Die kom­plet­te Ver­wei­ge­rung ist nicht kom­men­su­ra­bel und kann auch kei­ne Li­te­ra­tur­spra­che mehr wer­den. Das ge­ni­a­le an der Li­te­ra­tur­spra­che, wo die Ly­rik die äu­ßers­te Speer­spitze des Sprech­ba­ren über­haupt ist, ist ja die Ko­in­zi­denz des gro­ßen An­de­ren als dem Sys­tem der Spra­che, die schon immer da ist und die die Ge­sell­schaft zu­sam­men­hält, aber in so einem An­griff aus­ge­setzt, mit so ei­ner Dehn­bar­keit, dass neue Sub­jekt­aus­drücke und Sinn­zu­sam­men­hän­ge in ihr im­ple­men­tiert wer­den kön­nen. Aber ein völli­ger Schnitt ist un­ver­ständ­lich und ei­gen­sprach­lich und wür­de dann ei­nen Kos­mos der In­kom­men­su­ra­bi­li­tät be­deu­ten, in dem nie­mand an­de­res mehr Zu­gang fin­det. Das ist dann na­tür­lich auch ein Schick­sal.

Viel­leicht noch­mal ei­nen an­de­ren Weg zu den bei­den Tex­ten. Spie­gel­land hast du ge­schrie­ben aus dem Os­ten kom­mend und im An­schluss in den Wes­ten ge­hend. Dres­den: die zwei­te Zeit hast du ge­schrie­ben mit den 30 Jah­ren im Wes­ten im Rücken. Was hat das ge­macht mit der Po­si­ti­on des Schau­ens und Den­kens und Schrei­bens?
Das weiß ich gar nicht zu be­ant­wor­ten, aber die Fra­ge ist in­ter­es­sant. Da müss­te ich län­ger drü­ber nach­den­ken. Es ist auch in­ter­es­sant, wie ich wahr­ge­nom­men wer­de von au­ßen und wie ich un­ter Kolle­gen ge­se­hen wer­de und wie mich der Li­te­ra­tur­be­trieb sieht. Da bin ich kein Ost­au­tor mehr, schon lan­ge nicht. Ei­ni­ge wis­sen gar nicht, dass ich über­haupt eine DDR-Ver­gan­gen­heit ha­be. Also die Re­zep­tions­ge­schich­te sieht mich im Wes­ten. Und ich kom­me wirk­lich dann zu­rück im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes und ha­be auch An­fein­dun­gen, die un­be­wusst viel­leicht aus­ge­tra­gen wer­den: »Ja, da kommt ja je­mand, der hat­te mit uns nichts mehr zu tun die gan­ze Zeit und ist weg­ge­gan­gen«. Das ist auch ei­ne Ver­letzung, die da auf­bricht in dem Mo­ment, dass man weg­ging, vor vie­len Jah­ren, die Ver­letzt­heit kann ich auch fa­mi­li­är be­stä­ti­gen. Aber was es mit mir jetzt ge­macht hat, also wie weit jetzt mein Blick ja ein West­blick ist? , Aber stimmt das? Gibt es den (kurze Denkpause) Das Ko­or­di­na­ten­sys­tem, in dem man Welt wahr­nimmt, ist na­tür­lich ein an­de­res ge­wor­den. Also ich sehe es aus ei­ner viel grö­ße­ren Per­spek­ti­ve als vor 30 Jah­ren, das ist ja auch klar. Und das war ja auch so ein Weg­sto­ßen der DDR-Ver­gan­gen­heit, um den Blick frei­zu­krie­gen für die Welt, die wir ja nicht vor Au­gen hat­ten und nicht be­tre­ten konn­ten.

Und das ist ja nicht nur ei­ne Fra­ge der Ge­o­gra­phie, son­dern auch der Bi­o­gra­phie, des Al­ters.
Ja, ab­so­lut klar. Das kommt da­zu. Na­tür­lich merkt man den Un­ter­schied, den Al­ters­un­ter­schied und man sieht die Welt aus ei­ner an­de­ren Zeit­lich­keit und ei­ner an­de­ren in­di­vi­du­el­len Per­spek­ti­ve. Und ich kom­me von au­ßen, ganz klar. Al­so als ich wie­der in Dres­den war, das hal­be Jahr, bin ich von au­ßen ge­kom­men und bin nach au­ßen wie­der zu­rück­ge­gan­gen. So ha­be ich das im­mer ge­spürt.

In der Schrift
erledigen

Wie konn­te Va­ter, wenn er nun schon ge­le­sen hat, was ich ihm sel­ber nie­mals zu le­sen ge­ge­ben hät­te und von dem ich an­nahm, dass er es auch nie­mals zu le­sen be­kä­me, den Schrei des Kin­des nicht hö­ren, die Ver­zweif­lung des jun­gen Man­nes nicht spü­ren, die je­dem Satz un­ter­legt war und der Em­pö­rung ih­ren Grund gab? Was ich nicht sah, nicht se­hen konn­te, war, dass ich selbst Kind blei­ben woll­te, als ver­letz­tes Kind schrieb ich das Buch, und als ver­letz­tes Kind woll­te ich, dass Va­ter die Wun­den, die er mir zu­ge­fügt hatte, oh­ne es sel­ber zu wis­sen (oder auch nur zu er­ah­nen), wie­der ver­schloss, heil­te, wo nun schon ge­sche­hen war, was nicht ge­sche­hen soll­te: dass er Spie­gel­land kann­te. Den Ruf des Kin­des nach sei­nem Va­ter woll­te ich ihm vor­ent­hal­ten, ich woll­te ihn zur Schrift brin­gen und da­mit er­le­digt wissen, ja, aber ich wollt­e es oh­ne ihn tun. Und dass ich es über­haupt nö­tig hatte, dass es aus mir he­raus­brach, wie auch ein Was­ser­lauf aus ei­nem Fels­spalt springt, war ge­bunden an den Un­ter­gang des Lan­des, des Sys­tems, in das alle Kon­flik­te und Ver­drän­gun­gen und Ver­wer­fun­gen ein­ge­schweißt wa­ren wie in Fo­lie ver­packt, die nun ge­ris­sen war und eben auch das fa­mi­li­ä­re Be­zie­hungs­ge­we­be, das bis da­hin noch hatte Halt ge­ben kön­nen – ge­hal­ten von der Lü­ge der Ge­sell­schaft –, zer­stör­te. Der Ruf des Kin­des nach sei­nem Va­ter war fest ver­bun­den mit der Lü­ge der Ge­sell­schaft, die Va­ter von Amts we­gen ver­trat, die er war und die er, in ei­nem ein­ge­schlos­se­nen, ab­ge­spal­te­nen Teil sei­ner selbst, nicht war. So war mein Ent­setzen über sei­nen Brief, der ei­ne ein­zi­ge Su­a­da der Ver­wün­schung ge­we­sen ist, die Wie­der­ho­lung ei­ner Ab­wei­sung von An­be­ginn und das Ent­setzen des Kin­des über den Va­ter – und da­mit hielt es am Va­ter noch fest und ab­sur­der­wei­se auch an der über­leb­ten D.D.R. (nicht als Ge­bil­de und Form, son­dern als ein Ort der inne­ren Zer­stö­rung). Was aber wird mit der Kla­ge, wenn der Ort, an dem sie ih­ren Platz hat, nicht mehr exis­tiert? Und was, wenn der Adres­sat die­ser Kla­ge ver­schwun­den ist? Wenn kei­ne Sen­dung mehr ih­ren Em­pfän­ger er­reicht und ohne Ant­wort zu­rück­kommt? Ich ha­be nichts da­rü­ber je ge­le­sen oder ge­hört, es ist durch die Ma­schen der Dis­kur­se ge­fal­len – dass die Dis­kur­se ein­fach ste­hen­ge­blie­ben sind, weil der Va­ter nicht mehr ge­ant­wor­tet hat.

… es sind wohl, ich weiß nicht, meh­re­re Wo­chen ver­gan­gen, ohne dass auch nur ein Satz nie­der­ge­schrie­ben steht, aber es muss, dach­te ich in die­ser Zeit ei­ner tie­fen, un­sicht­ba­ren Krank­heit, die das Zent­rum der Ge­dan­ken be­fiel, auch kein Satz nie­der­ge­schrie­ben wer­den. Man glaubt, man müs­se, um den Tag als eine sinn­volle Si­tu­a­tion zu er­hal­ten, je­den Abend auf we­nigs­tens ei­nen gül­ti­gen, brauch­ba­ren Satz ver­wei­sen kön­nen, aber das ist falsch und nur der selbst­täu­schen­de Ver­such ei­ner Rettung, denn man muss auf über­haupt nichts am Abend ver­wei­sen, man muss auf kei­nen Satz und auf kei­ne Em­pfin­dung und nicht ein­mal auf die ei­ge­ne An­we­sen­heit am Abend ver­wei­sen.
Wir bil­den es uns ein und ste­hen zei­tig auf und ver­su­chen, den Tag als ei­ne sinn­volle Si­tu­ation zu er­hal­ten und et­was zu tun, was ihn am Abend als die­se er­schei­nen lässt, aber das ist ganz ent­schie­den falsch und nur der Ver­such ei­ner Ret­tung und voll­kom­men un­nö­tig, und am aller­un­nö­tigs­ten ist es, dach­te ich in die­ser Zeit ei­ner tie­fen, un­sicht­ba­ren Krank­heit, am Abend auf ei­nen gül­ti­gen, brauch­ba­ren Satz ver­wei­sen zu wollen, der nichts, gar nichts än­der­te und viel­leicht nicht ein­mal ge­druckt, und wenn ge­druckt, wahr­schein­lich nicht ein­mal ge­le­sen, und wenn ge­le­sen, höchst­wahr­schein­lich nicht oder falsch ver­stan­den wür­de, und selbst wenn er ge­schrie­ben und ge­druckt und ge­le­sen und auch nur an­nä­hernd ver­stan­den wür­de, wür­de er nichts, aber auch gar nichts ver­än­dern, so dass in ihm, so gül­tig und brauch­bar er immer auch sei, kei­ne sinn­volle Si­tu­a­tion er­hal­ten ge­blie­ben sein kann, denn es gibt so viele gül­ti­ge, brauch­ba­re Sätze auf der Welt, die alle ge­druckt und ge­le­sen und viel­leicht so­gar an­nä­hernd ver­stan­den wor­den wa­ren und an­nä­hernd nichts und we­ni­ger noch be­wirk­ten, dass es doch rest­los über­flüs­sig und un­sin­nig und viel­leicht schon im kli­ni­schen Sin­ne ver­rückt sei, ih­nen noch wei­te­re und wenn es ge­län­ge, gül­tige und brauch­ba­re Sätze hin­zu­fü­gen zu wol­len.
Eine Wei­le re­det man es sich ein, man er­fin­det ei­nen Sinn und re­det es sich ein und schreibt, und dann schei­tert man und hört auf. Ent­we­der schei­tert man da­ran, kei­nen gül­ti­gen, brauch­ba­ren Satz her­vor­brin­gen zu kön­nen oder da­ran, ei­nen gül­ti­gen Satz noch ein­mal her­vor­ge­bracht zu ha­ben und auf er­nie­dri­gen­de Wei­se zu spät zu kom­men und nur noch be­lä­chelt zu wer­den oder da­ran, nicht ge­druckt, und wenn ge­druckt, nicht ge­le­sen zu wer­den, und wenn ge­le­sen, nicht oder falsch oder nur an­nä­he­rungs­wei­se ver­stan­den wor­den zu sein. Auf je­den Fall aber schei­tert man da­ran, et­was zu be­wir­ken, so dass das Schei­tern so all­ge­mein ist wie das Schrei­ben, aber auch wie das Le­sen und wie das Spre­chen und Hö­ren, denn der Weg zwischen Spre­chen und Hö­ren ist zu lang und zu kom­pli­ziert und eben­so be­schä­digt wie der zwischen Schrei­ben und Le­sen, die­ser Weg ist so sehr be­schä­digt, dass der Ge­dan­ke in ei­nen Ab­grund ge­rät und un­wie­der­bring­lich zer­bricht. Und ich konnte nicht nur nicht schrei­ben in die­ser Zeit, ich konn­te auch nicht lesen, nicht spre­chen und nicht hö­ren. Ge­nau ge­nom­men blieb ich ta­ge- und wo­chen­lang im Bett.
… es sind wohl, ich weiß nicht, meh­re­re Wo­chen ver­gan­gen, ohne dass auch nur ein Satz nie­der­ge­schrie­ben steht, aber es muss, dach­te ich in die­ser Zeit ei­ner tie­fen, un­sicht­ba­ren Krank­heit, die das Zent­rum der Ge­dan­ken be­fiel, auch kein Satz nie­der­ge­schrie­ben wer­den. Man glaubt, man müs­se, um den Tag als eine sinn­volle Si­tu­a­tion zu er­hal­ten, je­den Abend auf we­nigs­tens ei­nen gül­ti­gen, brauch­ba­ren Satz ver­wei­sen kön­nen, aber das ist falsch und nur der selbst­täu­schen­de Ver­such ei­ner Rettung, denn man muss auf über­haupt nichts am Abend ver­wei­sen, man muss auf kei­nen Satz und auf kei­ne Em­pfin­dung und nicht ein­mal auf die ei­ge­ne An­we­sen­heit am Abend ver­wei­sen.
Wir bil­den es uns ein und ste­hen zei­tig auf und ver­su­chen, den Tag als ei­ne sinn­volle Si­tu­ation zu er­hal­ten und et­was zu tun, was ihn am Abend als die­se er­schei­nen lässt, aber das ist ganz ent­schie­den falsch und nur der Ver­such ei­ner Ret­tung und voll­kom­men un­nö­tig, und am aller­un­nö­tigs­ten ist es, dach­te ich in die­ser Zeit ei­ner tie­fen, un­sicht­ba­ren Krank­heit, am Abend auf ei­nen gül­ti­gen, brauch­ba­ren Satz ver­wei­sen zu wollen, der nichts, gar nichts än­der­te und viel­leicht nicht ein­mal ge­druckt, und wenn ge­druckt, wahr­schein­lich nicht ein­mal ge­le­sen, und wenn ge­le­sen, höchst­wahr­schein­lich nicht oder falsch ver­stan­den wür­de, und selbst wenn er ge­schrie­ben und ge­druckt und ge­le­sen und auch nur an­nä­hernd ver­stan­den wür­de, wür­de er nichts, aber auch gar nichts ver­än­dern, so dass in ihm, so gül­tig und brauch­bar er immer auch sei, kei­ne sinn­volle Si­tu­a­tion er­hal­ten ge­blie­ben sein kann, denn es gibt so viele gül­ti­ge, brauch­ba­re Sätze auf der Welt, die alle ge­druckt und ge­le­sen und viel­leicht so­gar an­nä­hernd ver­stan­den wor­den wa­ren und an­nä­hernd nichts und we­ni­ger noch be­wirk­ten, dass es doch rest­los über­flüs­sig und un­sin­nig und viel­leicht schon im kli­ni­schen Sin­ne ver­rückt sei, ih­nen noch wei­te­re und wenn es ge­län­ge, gül­tige und brauch­ba­re Sätze hin­zu­fü­gen zu wol­len.
Eine Wei­le re­det man es sich ein, man er­fin­det ei­nen Sinn und re­det es sich ein und schreibt, und dann schei­tert man und hört auf. Ent­we­der schei­tert man da­ran, kei­nen gül­ti­gen, brauch­ba­ren Satz her­vor­brin­gen zu kön­nen oder da­ran, ei­nen gül­ti­gen Satz noch ein­mal her­vor­ge­bracht zu ha­ben und auf er­nie­dri­gen­de Wei­se zu spät zu kom­men und nur noch be­lä­chelt zu wer­den oder da­ran, nicht ge­druckt, und wenn ge­druckt, nicht ge­le­sen zu wer­den, und wenn ge­le­sen, nicht oder falsch oder nur an­nä­he­rungs­wei­se ver­stan­den wor­den zu sein. Auf je­den Fall aber schei­tert man da­ran, et­was zu be­wir­ken, so dass das Schei­tern so all­ge­mein ist wie das Schrei­ben, aber auch wie das Le­sen und wie das Spre­chen und Hö­ren, denn der Weg zwischen Spre­chen und Hö­ren ist zu lang und zu kom­pli­ziert und eben­so be­schä­digt wie der zwischen Schrei­ben und Le­sen, die­ser Weg ist so sehr be­schä­digt, dass der Ge­dan­ke in ei­nen Ab­grund ge­rät und un­wie­der­bring­lich zer­bricht. Und ich konnte nicht nur nicht schrei­ben in die­ser Zeit, ich konn­te auch nicht lesen, nicht spre­chen und nicht hö­ren. Ge­nau ge­nom­men blieb ich ta­ge- und wo­chen­lang im Bett.

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Im Gespräch mit Kurt Drawert, Pt. 5

Wir spre­chen immer so, als wä­re die­ses Ich von Dres­den, die­ses Ich von Spie­gel­land, als wä­re das Kurt Dra­wert.
Ja, aber das ist ja ei­ne Ein­bil­dung. Das ist ei­ne rei­ne Fik­tion. Das Ich ist auch nichts Ko­hä­ren­tes. Wir ha­ben kein ko­hä­ren­tes Ich, das man jetzt so­zu­sa­gen mit sich selbst iden­ti­fi­ziert, son­dern das Ich ist ei­ne ganz flu­i­de An­ge­le­gen­heit, die an­dauernd aus neu­en Per­spek­ti­ven sich be­grün­det und schon in der Tri­as von sym­bo­li­schem Ich, ima­gi­nä­rem Ich und re­a­lem Ich er­scheint. Ist es ein Sprach-­Ich? Ist es ein re­flek­tie­ren­des Ich? Ist es ein Ich der Spie­gel­bild­lich­keit oder der ide­a­li­schen An­pas­sung an ei­ne For­de­rung, die an es ge­stellt wird? Das sind ganz ver­schie­de­ne Op­ti­ken, auf die Ich re­a­giert, so­dass ich vom Ich als sta­bi­len Kern ei­ner Aus­sa­ge nie aus­ge­hen kann. Son­dern das Ich ist immer gül­tig im Au­gen­blick sei­nes Sprech­ak­tes in der Be­zie­hung zum Sprech­um­feld und das muss ich mir an­schau­en, um es über­haupt zu fas­sen.

Gibt es für die­ses Ich, das die­se Kom­ple­xi­tät ent­hält, die du ge­ra­de be­schrie­ben hast, jen­seits von viel­leicht mal der geo­gra­phi­schen Tat­säch­lich­keit ei­nes Ostens, the­ma­tisch ei­nen Osten?
Ir­gend­wo in der Tie­fe sei­ner ei­ge­nen Ge­schicht­lich­keit ist der Osten na­tür­lich ver­bor­gen und ein­ge­formt in ein Grund­mus­ter. Aber auf die Ge­gen­wart be­zo­gen glau­be ich das nicht. Über den Osten zu re­den ist schon in sich ei­gent­lich ei­ne Me­ta­pher für et­was. Was wol­len wir denn da­mit jetzt ge­nau sa­gen? Mei­ne ich die Ge­gend, oder mei­ne ich die po­li­ti­sche Sub­stanz, die sich ein­ge­gra­ben hat in die Ge­ne­ra­tio­nen, die den Osten er­lebt ha­ben? Das sind auch noch­mal ganz ver­schie­de­ne Kon­tex­te. Das ist auch kei­ne ein­deu­ti­ge Zu­ord­nung. Eine Fra­ge­stellung, die mich durch das Buch be­glei­tet hat und nach dem Ab­schlie­ßen des Bu­ches noch um­so stär­ker be­glei­tet, ist die­se Gleich­zei­tig­keit des Un­gleich­zei­ti­gen. Das wir in einer völlig an­de­ren Welt uns heu­te be­fin­den, mit ganz an­de­ren Pa­ra­dig­men­wech­seln, die der Di­gi­ta­li­sie­rung und der Glo­ba­li­sie­rung, die mit der Ge­schicht­lich­keit von deut­scher Ge­schich­te ab­so­lut gar nichts mehr zu tun hat. Und un­se­re Ge­gen­wart, oder das, was das Sub­jekt in der un­mittel­ba­ren Ge­gen­wart ein­ge­for­dert be­kommt und wo­rauf es ant­wor­ten soll, ist ei­gent­lich ei­ne völ­li­ge Zer­ris­sen­heit von Ko­hä­renz­fel­dern, die mit­ei­nan­der gar nichts mehr zu tun ha­ben. Und man hat ja auch letzt­end­lich ge­se­hen, dass die­ser 30. Jah­res­tag nicht sehr stark re­flek­tiert wor­den ist. Ich ha­be da an­de­res er­war­tet. Da war der 25. Jah­res­tag stär­ker re­flek­tiert und der 20. so­wie­so.
Al­so man sieht, dass da dann doch die Kon­flikt­fel­der und die Re­fle­xions­fel­der sich weit in an­de­re Ge­bie­te ver­scho­ben ha­ben und das Nach­den­ken da­rü­ber, was der Osten war und in­wie­weit er sich in den Innen­wel­ten der Ge­ne­ra­tio­nen, die ihn erlebt ha­ben, fort­setzt. Und es geht mir auch so, al­so ich glau­be so ein Buch kann ich auch nicht mehr schrei­ben. Das war für mich gut und rich­tig und wich­tig, aber da­mit ist es für mich auch jetzt ab­ge­lebt, in ei­ner ge­wissen Wei­se. Wenn ich jetzt wei­ter über die Zeit schrei­ben wür­de, also die 80er Jahre in Leip­zig zu er­zäh­len steht mir jetzt als nächs­tes vor Au­gen, müss­te sie un­ter ei­nem ganz an­de­ren Ge­sichts­punkt er­zählt wer­den als un­ter dem, wie ich es mit Dres­den ge­macht habe. Das hat dann eine ganz an­de­re Kon­no­ta­tion. Was die Va­ter­me­ta­pher be­trifft – das ist auf­ge­braucht und das ist er­zählt für mich.

Kummer machen, bis man
verstummt

Mein Vor­wen­de­va­ter war au­to­ri­tär, hart­her­zig, bis­wei­len cho­le­risch, in sei­ner tie­fen ver­bor­ge­nen Ein­sam­keit un­nah­bar und kalt. Ich se­he ihn in sei­nem Zim­mer im­mer al­lein, weil kei­ner sei­ne Nä­he er­trug, in der alles zu Eis er­starrt war. Bei Tisch such­ten wir alle ei­nen Platz, der mög­lichst weit weg von ihm blieb, ers­tens, weil er mit der rech­ten Hand Ohr­fei­gen ver­tei­len konn­te, immer wie­der bei Lud­wig, wenn er schnalz­te oder un­an­stän­dig aß, und zwei­tens, weil sein kräf­ti­ger Po­li­zis­ten­kör­per ei­ne inne­re Span­nung ver­ström­te, et­was, das in ei­ner Art von no­to­ri­schem Be­reit­schafts­dienst war und au­gen­blick­lich auf Ab­wei­chun­gen von der Norm re­a­gier­te. Die­se Span­nung des Kör­pers war wie ein elek­tri­sches Knis­tern der Luft, ein Strom, der die At­mo­sphä­re schwer und die Si­tuation ge­fähr­lich wer­den ließ. Ich kann mich an kein ein­zi­ges Ge­spräch bei Tisch er­innern, es sei denn, es wä­ren Be­feh­le ge­we­sen, An­wei­sun­gen, Vor­schrif­ten und Zwangs­zu­stän­de. Alles war ein­ge­lassen in ei­ne Form der Ge­setze, und auch er selbst, Va­ter, war nichts an­de­res als die An­er­kennung, ein Ge­setz zu sein – das Ge­setz, Ge­setze zu be­fol­gen und auf de­ren Be­fol­gung zu ach­ten. Mag sein, dass Va­ter an an­de­ren Or­ten ein an­de­rer Mensch war, zu­mal im Krei­se sei­ner Fa­mi­lie, die immer in Kon­kurrenz zu mei­ner Mutter und uns stand – aber ich se­he ihn eben so, und dass ich die­ses Bild ha­be, ist trau­rig ge­nug.
Immer wie­der ma­che ich die Beo­bach­tung, dass Bil­der in uns starr wer­den, sich fest­schrei­ben, nicht mehr korri­giert wer­den können. Das ge­schieht, wenn wir an ei­nem an­de­ren Ort sind und den ver­lasse­nen Ort noch im Ge­dächt­nis be­wah­ren. Dann friert der Ort ein, liegt in der Er­inne­rung wie eine Fo­to­gra­fie in ih­rem Al­bum, un­ver­rück­bar, ab­ge­schlos­sen, fest auf ei­nen Un­ter­grund ge­klebt. Keh­ren wir spä­ter ein­mal zu­rück, müs­sen wir se­hen, dass alles, auch wenn es das­selbe ist, et­was an­de­res wur­de. Der Ort ist un­ver­ständ­lich und fremd. Er hat sich, über die Jah­re un­se­rer Ab­we­sen­heit hin­weg, ent­zo­gen. Auch ich war in Va­ters Bild über mich nicht mehr wei­ter­ge­gan­gen, als ich das Haus ver­las­sen hatte und, früh­zei­tig er­wach­sen ge­wor­den, ei­ne ei­ge­ne Fa­mi­lie grün­de­te. Hin und wie­der dran­gen noch ein paar Zei­chen der Ver­än­de­rung in sein Bild von mir ein, aber ich blieb, was ich ein­mal für ihn ge­we­sen bin: ein Sohn, der ihm Kummer mach­te, »weil er nicht ein sol­cher ge­wor­den ist, wie sein Va­ter ei­ner war (Kas­par Hau­ser, Ro­man)«. Mein Bild von ihm war eben­so starr. Als ich Spie­gel­land schrieb, gab es nur den Vor­wen­de­va­ter, ei­nen an­de­ren hatte ich noch nicht.

Und das nun in ei­ne völ­li­ge Stumm­heit ver­fal­le­ne Kind kann sich an kei­ne Si­tu­a­tion des Spre­chens er­in­nern, ihm sind, soll der Arzt zu mei­nem Va­ter in ei­nem erns­ten und schar­fen Ton ge­sagt ha­ben, Alle Bil­der, die Si­tua­tions­bil­der des Spre­chens ge­we­sen sind, ver­lo­ren­ge­gan­gen, so als wä­re ihm die Zeit, die es mit Spre­chen und die es in der Welt des Spre­chens ver­brach­te, eine un­wirk­li­che Zeit ge­we­sen. Die­ses Kind ist ein in den Sätzen und For­mu­lie­run­gen ver­lo­ren­ge­gan­ge­nes Kind, das ver­wirrt wor­den ist von ei­ner Spra­che, die nur die Ord­nung des Va­ters re­prä­sen­tier­te und von ihm ver­lang­te, dass es wür­de wie er.
Das Kind fühlt sich durch die Spra­che be­herrscht, soll er ge­sagt ha­ben, Es spürt, dass in ihr ein Herr­schafts­an­spruch ein­ge­löst wer­den soll, durch den es sich und sei­nen Kör­per auf­zu­ge­ben hat. Aber, so soll er fort­ge­fah­ren sein, Zu­gleich spür­te es, dass die Spra­che nicht allein die Ord­nung des Va­ters aus­drückt, son­dern dass sie ei­ne Ord­nung aus­drückt, die über den Va­ter ge­stellt ist und nur durch ihn hin­durch­dringt, was den Va­ter, so­bald er zu dem Kind zu spre­chen be­ginne, als ab­we­send er­schei­nen las­se, ganz so, wie es sich selbst als ab­we­send er­lebt, wenn es in die Welt des ge­ord­ne­ten Spre­chens ge­rät. Es fühlt sich al­so, ha­be er mei­nem Va­ter er­klärt, durch die Spra­che ge­täuscht und ent­zieht sich ihr, so wie man sich einer be­stimm­ten Nah­rung ent­zieht.
Frü­her, ehe es in die Welt des Spre­chens ge­ra­ten war, muss es sich sicher ge­fühlt ha­ben, dass nichts in den Kör­per ein­zu­drin­gen ver­mag und dass alle mög­li­chen Stra­fen und Re­geln an der Ober­flä­che haf­ten­ge­blie­ben sind und das Inne­re nicht be­rühr­ten. Die Wor­te aber dran­gen wie ver­gif­te­te Pfei­le ins Fleisch, über sie hat­te das Kind sich mit­zu­tei­len und sein Inne­res nach au­ßen zu brin­gen, wo es den kor­ri­gie­ren­den und be­ein­flussen­den Blick des Va­ters gab, der die Wirk­lich­keit des Kin­des sei­ner Ord­nung un­ter­stell­te. Die­se Ord­nung aber war et­was Frem­des und Äu­ße­res ge­we­sen, das die Spra­che ver­darb und sie mit ei­ner Ge­walt in Ver­bin­dung brach­te, die in die­ser Ge­sell­schaft sein muss, soll der Arzt wei­ter­hin ge­sagt ha­ben. In die­ser Spra­che, die kei­ne iden­tischen In­hal­te ver­mitteln kön­ne, gä­be es nur die Be­stä­ti­gung oder den Aus­schluss, und das Kind ha­be sich selbst aus­ge­schlos­sen, in­dem es an­statt: Das ist ein Baum, Das, Pau­se, ist, Pau­se, ein, Pause, Baum usw. ge­sagt hat, um schließ­lich nichts mehr zu sa­gen und zu ver­stum­men. Und ich bin ver­stummt oder aus­ge­schlos­sen wor­den, oder ich ha­be mich selbst aus­ge­schlos­sen, und der Wie­der­be­ginn des Spre­chens konnte nur au­ßer­halb der Ord­nung des Va­ters (oder des Groß­va­ters, bei­spiels­wei­se) er­fol­gen. Ich ha­be es recht­zei­tig be­merkt, wel­chen An­spruch die­se Spra­che trans­por­tier­te, und ha­be mich he­raus­be­ge­ben aus ihr, oder ich war aus die­ser Spra­che be­reits ver­trie­ben, ehe ich sie nach­zu­spre­chen lern­te, aber ich lern­te ja nicht, ich hatte an­ge­fan­gen zu ler­nen, mir dann aber, und das ist mein Va­ter ge­we­sen, die Stimme be­schädigt, und ich weiß nicht, ob die­ser Arzt mei­ner Kind­heit spä­ter nicht doch noch ver­haf­tet wor­den ist.

Denn es gibt keine Heimat,
wenn es sie in uns selbst
nicht gibt.

Und heimatlos
sind wir doch alle.

Kurt Drawert wird 1956 im branden­burgischen Hennigs­dorf geboren. In Dresden bildet er sich zum Elek­troniker aus und arbeitet in der Sächsischen Landesbibliothek, die er als »meine Universiät« bezeichnet. Er verlässt Dresden 1984, den Osten 1993. 1996 zieht Drawert nach Darmstadt, wo er bis heute lebt. Mit seinem Text Haus ohne Menschen gewinnt er 1993 den Bachmann-Preis. Er veröffentlicht viel Lyrik, darunter das Langgedicht Der Körper meiner Zeit. Sein jüngster Roman Dresden. Die zweite Zeit erschien 2020.

Mit freundlicher Genehmigung des C.H.Beck-Verlags;

zitiert nach Spiegelland (2017),
Dresden. Die zweite Zeit (2020)

Produktion/Satz: Konstantin Schönfelder

Bilder: Ute Döring

»Berlin. Dazwischen. 2009«;
Direktinkjet auf Stahlblech;
je 50x75 cm, 2009/2019

Gestaltung: (Studio) Daniel Zenker
Programmierung: Thomas Günther

SPIEGELLAND: NEUE MONOLOGE
Gefördert durch das Land Berlin

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Denn es gibt keine Heimat
Kapitel I–VI
I Sonnenstadt verlassen
II Ein blinder Spiegel
III Schweigensverabredung
IV Todeserfahrung
V In der Schrift erledigen
VI Kummer machen, bis man verstummt