Wer Texturen der Gegenwart sagt, der sagt, wir sprechen in Räumen. Und wer von der Sprache spricht, sagt auch Text. Denn als Sprechende sind wir Schreibende. Wir schreiben an der Realität. Wann immer wir schreiben, formen wir ihre Strukturen: Texturen der Gegenwart.

Ein Text ist uns nicht gegenwärtig, weil er in einer Zeit steht. Sondern mit uns im selben Raum. Denn wer Gegenwart sagt, sagt Anwesenheit. Anwesende Texte sind es durch uns. Denn die Gegenwart ist ein Topos. Sie ist ein Ort des Gemeinsamen und der Vergemeinschaftung. Sie ist aber auch Schauplatz von Widerstand und Revolte. Die Gegen-wart wendet sich immer schon gegen das Jetzt. So bewegt sie uns. Und so tun es ihre Texte. Die Texturen der Gegenwart sind Gegenöffentlichkeiten. Sie strapazieren das Konventionelle. In einer Variation Alexander Kluges sagen wir: Die Texte der Gegenwart marschieren getrennt, doch sie schlagen vereint zu. Sie sind die Erzählungen, die gegen die Geschichte stehen.

Ein solches Programm ist ästhetisch. Die Ästhetik von Gegenwart ist Sache unserer Sinnlichkeit und ihrer Dramaturgie: Was begehrt sie. Was sind ihre Fiktionen. Wonach riecht sie. Wie ist sie temperiert. Wo ist sie licht und wo abschattig. Wo glatt und wann gegerbt.

Dieses Programm ist unser Anspruch.
Prä|Position inszeniert die Texturen der Gegenwart.

Prä|Position ist ein außer-analoger Raum. In trans-medialen Räumen suchen wir nach einer angemessenen Aufführung von Gegenwart: schriftlich, auditiv und in Bildern. Darin steht der Gedanke ihrer idealen Vermittlung. Auch ist Prä|Position ein Raum des Gesprächs: In der Reihe vor|zeichen sprechen wir mit Protagonist:innen der Gegenwart im Vordergrund ihres Werks. In Kuration und Produktion verpflichten wir uns diesem Programm.

|||

Ich verstehe unter Literatur nicht einen Korpus oder eine Folge von Werken, auch nicht einen Sektor des Umgangs oder des Unterrichts, sondern den komplexen Graph der Spuren einer Praxis: der Praxis des Schreibens. Ich habe also bei ihr im wesentlichen den Text im Auge, das heißt das Gewebe [von Zeichen], das von dem Werk gebildet wird, weil der Text das Zutagetreten der Sprache ist und weil die Sprache in ihrem Inneren selbst bekämpft und umgelenkt werden muß: nicht durch die Botschaft, deren Instrument sie ist, sondern durch das Spiel der Wörter, für das sie die Bühne abgibt. Ich kann also unterschiedslos sagen: Literatur, Schreibweise oder Text.
— Roland Barthes (Antrittsvorlesung im Collège de France)

|||

Prä|Position wurde in Andenken an den 2016 verstorbenen Roger Willemsen gegründet. Wir arbeiten für eine Verlängerung auch seines Werks.