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FLEXEN MIT JOSHUA GROSS

Die Hoffnung stirbt immer zuerst. »Wir sind andauernd dabei auszu­handeln, was nicht voran­geht. Ich kann dem Sand ansehen, dass er unge­duldig raus­gerendert wurde«, schreibt Joshua Groß in Mindstate Malibu und schlägt vor, wir sollten statt­dessen »Flexen im High der Nutzlosigkeit«. Ich schlage vor, wir lesen zur Selbst­therapie einen »Windstrich«, eine Notiz Paul Valérys. In Nürnberg sprechen wir über seine Hoffnung aller Hoffnungen – ein letzter Trost?

Man rettet sich in das Unbe­kannte. Man verbirgt sich in ihm vor dem Be­kannten. Das Unbe­kannte ist die Hoff­nung der Hoff­nung. Im Unbe­stimmten hätte das Denken ein Ende. Die Hoff­nung ist jener innerste Akt, der Un­ge­wiss­heit schafft, die Mauer zur Wolke wandelt – und kein Skeptiker, kein Zweifler zerstört Urteil und Vernunft, Evidenz und Wahr­schein­lich­keit, wie dieser rasende Dämon Hoffnung.

In der Lesart kommentieren Autor:innen das Fragment.

Eine Lesart von
Lea Schlude

Es gäbe so manch eine und einen, für die das Denken gerade dort anfängt, wo es für Paul Valéry aufhört. In der Betrachtung des Unbekannten. Gerade im Bestimmten, so würden sie sagen, ist das Denken doch kein Denken mehr, sondern nur noch ein festgestellter, toter Wissensbegriff. So erstaunt also der Dichter mit seinem Plädoyer fürs Faktische.

Da liegt die Vermutung nahe, dass beiden Auffassungen ein unterschiedlicher Begriff des Unbestimmten zugrunde liegt. Da wäre zum einen das immer sich Wandelnde, niemals endlich Bestimmbare der Dinge um uns herum, an denen unsere Begriffe ständig fehlgehen, so sehr wir uns auch um sie bemühen. Dieses ist das materielle Unbestimmte, das uns vorrausschauend flieht, und sich und nicht zuletzt auch uns auf diese Weise am Leben erhält. Denn nichts zersetzt die Vernunft und ihre Begriffe in dieser Sichtweise bekanntlich mehr als der Ausschluss ihres anderen, des nicht Begrifflichen. Und nichts verfremdet das Wissen um die Dinge mehr als ihre Abfertigung zu bestimmten, in sich abgeschlossenen Objekten.

Valéry hingegen scheint auf das große Unbekannte, das Absolute, anzuspielen. Denn ein Ende hätte das Denken im Unbestimmten nur, würde man es endgültig darauf festlegen, ein solches großgeschriebenes Unbestimmtes zu sein und zu bleiben. Dann wäre jedoch das Unbestimmte gar nicht mehr so unbestimmt und auch nicht mehr Grenzwert des Bestimmten. Dieses Unbekannte als Absolutes und Letztes kommt um einen Verweis aufs Göttliche nicht umhin. Es wird daher in Valérys Beschreibung Schauplatz eines delphischen Wolkenkults; die übermäßige Bejahung des Jenseitigen auf Kosten einer aufmerksamen Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit und ihren Bedingungen. Die Rede ist dann sehr wohl von einer Realitätsflucht in die Hoffnung oder vom »Philosophischen Selbstmord«. So bezeichnet Albert Camus im Mythos des Sisyphos die Kontaminierung des Denkens durch Hoffnung, denn ein Denken, das sich aufs Hoffen einlässt, denkt nicht mehr. Es überspringt jede kritische Reflexion hin zur Erwartung des Guten und schafft sich somit selbst ab.

Aus dieser Perspektive offenbart das tröstende Wort des Römerbriefs (8, 24–25) auch seine trostlose Seite: »Denn wir sind zwar gerettet, doch auf Hoffnung. […] Wenn wir aber des hoffen, das wir nicht sehen, so warten wir sein in Geduld.«

Tatsächlich führt jede übermäßige Affirmation der Seiten – sei es die des Unbekannten, sei es die des Bekannten – zur selben Form der Bekennung, die das Denken unmöglich macht. Die eingangs erwähnte Idee der Rettung durch das materiell Unbestimmte hat mit den metaphysischen Konnotationen des rettenden Unsichtbaren nicht viel gemein. Denn die Hoffnung liegt hier gerade darin, das Subjekt vor den unerbittlichen, selbstvernichtenden und metaphysischen Bestrebungen der eigenen Vernunft in die Wirklichkeit zu retten. In ein lebendiges Denken.

Denken wir nun das Bekannte und das Unbekannte einmal weniger gegensätzlich, sondern ein bisschen näher beinander: Die Gegenwart des Unbestimmten macht die bestimmende Tätigkeit der Vernunft überhaupt erst möglich und notwendig. Das Evidente und Wahrscheinliche, dem die Hoffnung in Valérys Zeilen so gerne zu entfliehen scheint, ist doch gerade kein restlos Bekanntes und Unveränderliches. Vielmehr ist es selbst auf die ganz diesseitige Hoffnung angewiesen, es auch nur irgendwie begreifen und damit umgehen zu können. Hoffnung ist nicht nur ein Dämon, der immerfort nach vorne rast und hinweg springt über jegliche konstruktive Einwirkung des Subjekts auf die Wirklichkeit. Sie richtet sich ebenso auf das Denken, das sie scheinbar negiert, und so antreibt zur Beschäftigung mit noch nicht gelösten, noch zu lösenden Verhältnissen.

Will denn nun Valéry tatsächlich dem Denken jede utopische Nuance absprechen, jede Möglichkeit der verändernden Einflussnahme auf die Welt, jede Orientierung ins Neue, jeden Flirt mit der Negation?

Wohin führt denn schon das Denken sonst als in ewige Bejahung des Immergleichen, wenn man es nicht ein wenig vorauseilen lässt ins noch nicht Vorgestellte – das perennierende Urteilen gleichsam mäßigend –, damit sich überhaupt einmal irgendetwas verändern kann. Die Hoffnung darauf, dass die Determiniertheit der Welt durch Freiheit begrenzt werden kann, wäre eine Haltung zum Leben, die das Menschliche nicht verrät.

Die Vorstellung, etwas Neues zu denken, meint dabei keineswegs eine Schöpfung aus dem Nichts, sondern die Fähigkeit, Vorhandenes anders als bisher zu verknüpfen und neue Beziehungen mit der Umwelt einzugehen. In diesem Sinne haben die Wendungen »Glaube versetzt Berge« oder »Hoffnung bricht Mauern ein« tatsächlich auch ihre Wahrheit. Schließlich war da ja auch noch Ernst Bloch mit seinem gewissen Prinzip, das konstruktiven Visionen einen qualifizierten Unterschied zur bloßen Jenseitsträumerei bescheinigte, und zwar gerade wegen ihrer projektiven Leistung, zumindest eine Idee in den Raum, oder eben in die Luft zu werfen, im besten Fall also einen wirklichen Ausweg zu (er-)finden. Mit dem Versuch, das Schreckgespenst Hoffnung als philosophisches Prinzip einzuholen und es aus seiner gänzlichen Verurteilung zum Volksopiat für das Denken zurückzugewinnen, hatte es Bloch zugegebenermaßen nicht leicht. Ein irdischer Spielraum aber bleibt der Hoffnung auf jeden Fall, denn in ihrer Funktion als metaphysisches Beruhigungsmittel von Restauratoren geht sie allein nicht auf.

Valéries Sätze umzäunen das »Unbekannte« mit ihrem definitorischen Duktus derart fest, dass es gar nicht mehr so wolkig scheint.

Doch in der rigiden, stufenhaften Struktur des Textes klingt auch eine andere Stimme: die nämlich, die mit dem Unbekannten einsetzt und nach einigen Kapriolen kreisend mit der Hoffnung schließt, dabei gleichzeitig sich aufspannt zwischen den Worten »man rettet sich« und der klimakterischen Hinführung auf den »rasende[n] Dämon Hoffnung«, in der die methodische Rationalität des Textes kulminiert, und doch gleichzeitig von einer anderen Bewegung durchdrungen ist. Diese schwingt zuletzt einen virtuosen Bogen über das Wort »Vernunft«, über »Skepsis« auch, alle Begriffe stehen nun zum Schluss sehr nah und vielstimmig beieinander und ein Wolkiges schlägt sich nieder im Gefühl der Lesenden, verschlungen mit der soeben noch schwertschlagenden Wucht seines anderen: der Vernunft.

In einer Festrede zum 60. Geburtstag des Dichters beschreibt Walter Benjamin Valérys »poésie pure« als »vollendete[s] Ineinanderspiel von Intelligenz und Stimme«. Im feinsinnigen, widersprüchlichen Ausbalancieren des Wortseglers, der einmal Seefahrer sein wollte, erspürt Benjamin den Grund für eine eben nicht genial-schöpferische, sondern intelligente »Gedankenlyrik«, in der die »Fugen, Grenzen des Gedankens« erkennbar werden: Hier trifft »dieses […] durch und durch mathematisch gerichtete […] [Denken], das sich über die Sachverhalte wie über Seekarten beugt« auf die »»Stimme, wie sie unmittelbar ausgeht oder erweckt wird von den Dingen‹« (Benjamin zitiert Valéry).

Valérys Aphorismus über die Hoffnung spricht zu sich von der Seite der Vernunft, die versucht, ihre Canaillen im Zaum zu halten – ganz so wie entnervte Eltern ihre Brut einstweilen zu beschimpfen pflegen, wohlwissend, dass sie ohne sie niemals leben wollten. Darin auch die Möglichkeit zu einer weltzugewandten Nuance der Hoffnung zu sehen – wahrlich, das wäre ein tröstender Gedanke: Nicht als Flucht vor dem Bestimmten, sondern als ein ihm Einhalt-Gebieten, damit es nicht alles noch zu Deutende restlos verzehre. Hoffnung als eine schützende Handbreit Abstand, um sich, für einen Augenblick nur, aus dem bekannten Versteck ins Unbekannte zu wagen.

Lea Schlude studierte zunächst in Hildesheim Philosophie-Künste-Medien und dann weiterführend Philosophie an der FU Berlin. Ihr Schwerpunkt liegt auf Theorien der Leiblichkeit und des Subjekts, wobei sie versucht, zwischen Kritischer Theorie und Poststrukturalismus zu vermitteln. Zuletzt stellte sie ihren ersten langen Dokumentarfilm fertig, der aus der humorvollen Perspektive von vier überneunzigjährigen Geschwistern in Rom Fragen des Alters und der Gegenwärtigkeit von Erinnerung behandelt. Der Film lief auf verschiedenen europäischen Dokfilmfestivals und wurde in Italien als bester nationaler Dokumentarfilm ausgezeichnet.

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