All tagged Literarischer Raum

#48 Mascha Kaléko: Mein Lied geht weiter

Was so beeindruckt, ist Kalékos Gabe, im Alltäglichsten, im Kleinsten, das literarisch Anmutige und Große zu entdecken. Es lyrisch aufzudecken für den Leser, der sich zugleich darin, im Kleinen, wiederfindet und von sich selbst, im Großen, entfremdet sieht. Ist das alles nur aufgebauscht?, könnte man fragen, womöglich ein Hineindichten von großen Lebensthemen in alltägliche Ereignisse, die damit wenig zu tun haben? Nicht, was es scheint also, ein Zaubertrick?

#46 Aleida Assmann: Im Dickicht der Zeichen

Assmanns Plädoyer für Solidarität ist dann am stärksten, wenn es nicht im politischen Raum stattfindet. Aleida Assmanns Heimatraum ist nicht der politische, sondern ein viele Jahrtausende umspannender Kulturkosmos, den sie sich im Laufe ihrer Studien- und Forschungsjahre als Professorin erarbeitet hat. Äußert sich Assmann also außerhalb des politischen Kontextes, verweigert sie nicht etwa die Debatte, sondern bereichert sie. Assmann tut dies mit der vorliegenden Sammlung von Aufsätzen und Arbeiten aus ihrem Forscherleben.

#43 Truman Capote: Wo die Welt anfängt

Die teilweise nur fünfseitigen Episoden beeindrucken mit Witz, poetischem Ausdruckswillen und herrlichen Schlusswendungen, die manchmal überraschendste Enthüllungen bedeuten. Capotes frühe stilistische Brillanz ist eine Überraschung freilich nicht. Eher die Bestätigung einer Vermutung, die jeder einmal zu hegen beginnt, sobald er Truman Capote liest.

#42 Christian Kracht: Faserland

Kaum ist er an einem Ort angekommen, zieht es ihn weiter. Immer weiter. Rast kennt er nicht, Halt kennt er nicht. Unter seinem Blick beginnt das Land zu zerbröckeln, bis nicht mehr viel von ihm übrig ist. Natürlich ist das keine Kaffeefahrt. Faserland ist die Geschichte einer Flucht, in der alles verschlungen wird. Erst er, der namenlos Hetzende und mit ihm, die Lesenden. Der Text hat sie sich einverleibt. Er wird auch vor ihnen nicht Halt machen.

#39 Françoise Sagan: Bonjour Tristesse

Im Stile der großen französischen Liebesromane sieht Sagan schließlich eine tragische Schlusswendung für ihre Erzählung vor. Tragisch auch deshalb, weil ihr selbst ebenso wie einer der Hauptfiguren im Roman eine Autofahrt zum Verhängnis werden sollte. Mit gerade knapp 22 Jahren war Sagan in einen schweren Unfall verwickelt. Im Krankenhaus mit starken Schmerzmitteln behandelt worden, entwickelte sie von ihnen eine Abhängigkeit, die sie ihr Leben lang, mal stärker, mal schwächer, begleitet. Ebenso wenig, diesmal zum Glück, löste sich Sagan vom Schreiben. Knapp 50 Romane und Bühnenstücke konzipierte die Französin, bevor sie 2004 im Alter von 69 Jahren verstarb.

#37 Carolin Emcke: Wie wir begehren

Wenige verbieten heute noch das Lesbischsein und doch gibt es ein Tabu, das von seiner einstigen Rechtsgestalt aus nach Innen gewandert ist. Emcke liebte Frauen anfangs nicht darum nicht, »weil ich es für falsch oder pervers hielt«. Das Tabu war ihr innerlich. Das Begehren wurde verschluckt und verschoben. Nichts war ausprobiert, nichts geschmeckt, nichts gespürt. Denn alles war von vornherein verworfen.

#36 Bruno Latour: Das terrestrische Manifest

Zu Beginn seiner Überlegungen entwirft Latour angesichts des Brexits, der Wahl Donald Trumps und des Erstarkens reaktionärer Bewegungen in Europa ein schematisches Grundtableau, das einen illustrativen Erklärungsansatz für diese Phänomene liefern soll. Die etablierte politische Unterscheidung von links und rechts verwerfend, konstatiert Latour, dass die tatsächliche politische Demarkationslinie der Moderne im Umgang mit dem Fortschritt vom Attraktor des »Lokalen« zum Attraktor des »Globalen« auszumachen sei.

#34 Albert Camus: Der Fremde

In seiner als »zärtlich« empfundenen Zuwendung zur Welt gelingt Meursault die Überbrückung des finsteren Abgrunds der Gleichgültigkeit, den zuzuschütten er und auch sonst niemand im Stande ist. Obwohl alle anderen Menschen diese Lage mit Meursault teilen, führen deren Wege anders über den Abgrund als der seine. Zu einem Schulterschluss kommt es daher nicht. Meursault bleibt den Menschen fremd.

#24 Chantal Jaquet: Zwischen den Klassen

Jaquet lässt keinen Zweifel: Soziale Härten lassen sich auf politischem Wege reduzieren, aber nicht abschaffen. Solange man immer noch schreiben muss, dass das bessere weil sicherere Leben das des angepassten Normalos ist, […] kann nicht das bloße »Übergehen« von Klassengrenzen das Ziel sein, sondern ihr Ende. Dieses Buch will damit selbst nichts zu tun haben. Sein Anspruch ist nicht politische Theorie. Gezeigt wird die Möglichkeit von Politik selbst.

#14 Maxim Biller: Hundert Zeilen Hass

Biller zu hassen ist ein Reflex auf Billers Hass. Billers Hass im Gegensatz ist, genau betrachtet, ein Strategem. Biller kann, was die meisten von uns nicht können: Biller hasst mit Plan – immer gründlicher und immer besser begründet, schöner und ansprechender sowieso.

#12 Victor Hugo: Die Arbeiter des Meeres

Sie klagen uns an, die Bücher, die wir nicht gelesen haben – weil sie auf das verweisen, was wir nicht kennen, sehen, verstehen – weil sie unsere persönliche Habenseite immer zu übertreffen scheinen. Victor Hugo steht in jedem Falle im Inneren jenes mythischen kanonischen Zirkels.