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#42 Christian Kracht: Faserland

#42 Christian Kracht: Faserland

 

Kaum ist er an einem Ort angekommen, zieht es ihn weiter. Immer weiter. Rast kennt er nicht, Halt kennt er nicht. Unter seinem Blick beginnt das Land zu zerbröckeln, bis nicht mehr viel von ihm übrig ist. Natürlich ist das keine Kaffeefahrt. Faserland ist die Geschichte einer Flucht, in der alles verschlungen wird. Erst er, der namenlos Hetzende und mit ihm, die Lesenden. Der Text hat sie sich einverleibt. Er wird auch vor ihnen nicht Halt machen.
Am Ende bleibt nicht mehr viel übrig. Klar, das ist eine vielfach bemühte Metapher: Die Literatur saugt ihre Lesenden ein – so, als absorbierte der Text mit seinen vielen, vielen Worten den Menschen, flupp, zack, die Buchdeckel schlagen zu und der Lesesessel, auf dem man eben noch hockte, der ist nun leer. Mir gefiel dieses Bild schon immer. Es gesteht dem Text eine Bedeutung zu, die über den Menschen hinausreicht. Manche Bücher überdauern Jahrhunderte. So ein Schicksal wünscht man auch dem Debüt Christian Krachts: Faserland.
Als der Roman 1995 erscheint, polarisiert er: Die einen sehen ihre Generation meisterhaft porträtiert, die anderen bloß die Beschreibung des sinnentleerten Daseins eines arroganten Sylt-Nazis. Die einen entdecken den Konsumfetischismus der Nachwendezeit demaskiert, die anderen das genaue Gegenteil. Übrigens, wer nachzählt, wird auf 165 Seiten 72 Markennamen finden. Sicher ist: Faserland verbietet einfache Lesarten. Die Geschichte dieses Mannes auf der Durchreise durch seine Heimat, Deutschland, das auch meine, vermutlich Ihre ist, die kann man nicht einfach weglesen. Dazu legt der Roman zu viele Fährten aus.
Alles beginnt, oder nein, »es fängt damit an, daß ich bei Fisch-Gosch in List auf Sylt stehe und ein Jever aus der Flasche trinke«, wie der (immer noch, bis zum Ende) namenlose Protagonist auf der ersten Seite erzählt. Dort am nördlichsten Punkt Deutschlands hat man den Eindruck, »da käme jetzt eine Grenze, aber in Wirklichkeit ist da bloß eine Fischbude«. Schon da wird klar, hier gibt es keinen verklärten Inselbericht und keinen Kitsch. Wer in diesem Roman Schönheit oder Romantik erwartet, der wird enttäuscht. So erzählt er wenig später, immer noch auf Sylt, nach ein paar Pullen Champagner mit einer Bekannten:

Karin legt die Hand auf meine Schulter, und da, wo ihre Hand ist, wird es warm, und dann küßt sie mich auf den Mund. Sie schmeckt nach Champagner und nach warmer Haut. Ich schließe die Augen, aber dann wird mit schwindelig, weil ich zu viel getrunken habe, also mache ich die Augen wieder auf. Wir küssen uns, und ich sehe ihr dabei in die blaugefärbten Kontaktlinsen. (23)

Könnte man von einem Kuss – im Sommer, auf Sylt, am Meer, in den Dünen! – leidenschaftsloser berichten? Vielleicht macht er sich deshalb am nächsten Tag runter von der Insel, gen Süden, scheinbar ohne Ziel. Vielleicht war jedoch auch Sylt bloß eine zufällige Station seiner Reise.
Er fährt nach Hamburg, landet auf einer Party, wirft eine Tablette ein und trifft ein Mädchen, das »alles verstanden hat, was es zu verstehen gibt.« Doch der Moment zerbirst.

Ich setze mich zu dem Mädchen an den Badewannenrand, und sie fängt an, sich mit den Händen an den Schenkeln zu reiben, immer hin und her. Das sieht irgendwie gut aus, und ich merke, wie mir zwischen den Beinen ganz warm wird, und das fühlt sich komisch an, weil ich so ein intensives körperliches Gefühl noch nie hatte. Ich lächele das Mädchen an und sie lächelt zurück, und dann hört sie auf zu reiben und stützt ihre eine Hand auf den Badewannenrand, und mit der anderen verkrallt sie sich im Ärmel meines Tweedsakkos, und dann dreht sie sich weg und übergibt sich in die Badewanne. (47–48)

Auf Zuneigung folgt Ernüchterung. Immer wieder. Er fliegt weiter nach Frankfurt, nach Heidelberg, München, Meersburg, Zürich. Überall trifft er Menschen, die er aus einem unbestimmten Früher kennt, die man Freunde nennen könnte. Er nicht. Denn Freundschaft hat in diesem Text nichts verloren. Liebe fällt hier nur durch ihre Abwesenheit auf. Einsamkeit ist der einzige Begleiter seiner Reise.  
Als Kracht in seinen Frankfurter Poetikvorlesungen vor wenigen Monaten berichtete, als Kind missbraucht worden zu sein, haben einige Leser und Leserinnen das Liebesvakuum in seinen Texten mit den Wirkungen dieses Ereignis gefüllt. Inwieweit das von Kracht lange Jahre verdrängte, traumatische Erlebnis in seine Arbeiten eingeflossen ist, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Spuren meint man dennoch zu erkennen. Vielleicht in der unbenannten Leere, die der Protagonist empfindet? Oder diese »halbwache Vorahnung von, na ja, etwas Kommendem, etwas Dunklem«:

Nicht, dass mir das Angst machen würde, dieses Nahende, aber es ist auch nicht angenehm. Auf jeden Fall ist es gut versteckt. Ich habe das noch niemandem erzählt, deswegen kann ich es auch nicht besser erklären. Es liegt hinter den Dingen, hinter den Schatten, hinter den große Bäumen, deren Zweige fast den See berühren, und es fliegt hinter den dunklen Vögeln am Himmel her. (132)

Natürlich ist die (auto)biographische Lesart nicht der einzige Schlüssel zu diesem Text. Der Autor ist schließlich tot, jede Literaturstudentin lernt das Barthianische Mantra im Einführungskurs. Und, klar, herausragend ist der Text auch ohne die autobiografische Zusatzinformation. Sie macht es allerdings möglich, das Werk Krachts neu zu entdecken und empathischer mit den Figuren umzugehen. Dieser Schnösel auf der Durchreise wird so vielleicht mehr zu einer Figur auf der Suche – ja, wonach eigentlich? Heimat? Familie? Identität? Zukunft? – in jedem Fall mehr das denn ein Sinnbild seiner Generation. Beziehungsunfähig, vergnügungs- und betäubungssüchtig, narzisstisch, oberflächlich, konsumgeil, entpolitisiert: Die Attribute, die den Reisenden angeblich mit seiner Generation verknüpfen, verlieren im biografischen Licht ein Stück ihrer Schwärze.
Nimmt man den Reisenden allerdings ernst, quält uns sein Nihilismus. Am Ende von all dem hat das Leben nämlich keinen Sinn: Wählen? »[A]ls ob wirklich etwas davon abhinge«. Erotik? »Männer, die nach Thailand fliegen, weil [sie] so gerne mächtig und geliebt wären«, und »Frauen, die nach Jamaica fliegen, weil sie ebenfalls mächtig und geliebt sein wollen.« Arbeit? Das ist auch nur der Glaube, man »würde […] es ein bisschen besser tun, ein bisschen härter, ein bisschen stilvoller.«
Wenn nichts gilt, der Protagonist aber immer unterwegs bleibt – warum dann reisen? Ist mit der Reise die Hoffnung auf ein besseres Leben verbunden? Wir müssen diesem Erzähler und seinem vernichtenden Nihilismus misstrauen. Vielleicht ist doch Sehnsucht nach einem »Platz in der Welt« der Treibstoff dieser Reise. Nach einem Ort, an dem es keinen Sog mehr gibt, »kein Ohnmächtigwerden angesichts des Lebens, das neben einem so abläuft, sondern ein Stillsein.«
Da der Text für seine Figuren keine Heimat bietet, kann jeder Lesende in ihm eine Heimat finden. Wir fühlen uns mal verstanden, ertappt, ein andres mal vorgeführt oder bestätigt. Häufig spielt der Roman mit der Scham fiesester Sorte: mit der für sich selbst. Für die eigene Belanglosigkeit, den eigenen Hedonismus. Wenn man schon im Regen steht, dann doch wenigstens mit der Barbourjacke statt dem Rossmann-Regencape.
Das Leben muss überstanden, nicht gelebt werden. Das klappt mit einem Glas Champagner natürlich besser als mit Mineralwasser.


ÜBER DIE AUTORIN

Elisa von Hof studiert Literatur und Geschichte in Berlin und liebt alles, was unter dem Label »Generationenroman« läuft – natürlich, weil es das gar nicht gibt: den Roman einer Generation. Gott sei Dank, der Text ihrer Wahl wäre dann nämlich nicht Faserland, sondern irgendetwas zwischen Twilight und Generation Beziehungsunfähig. Und das kann ja keiner wollen. Oder lesen.


Dieser Gastbeitrag wurde betreut von Konstantin Schönfelder.

 
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