#9 Jürgen Kaube: Die Anfänge von allem

#9 Jürgen Kaube: Die Anfänge von allem

 
  Jürgen Kaube,  Die Anfänge von allem  (Hamburg: Rowohlt, 2017)   Buch der Woche vom 21.01.2018

Jürgen Kaube, Die Anfänge von allem (Hamburg: Rowohlt, 2017)
Buch der Woche vom 21.01.2018

Am Beginn dieses Buches steht eine These, die zunächst halb im Scherz daherkommt: »Wir sind nicht die Krone der Schöpfung«, schreibt Jürgen Kaube in Die Anfänge von allem, »wir sind einfach nur seltsam«. Ein Gedanke, den der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im Anschluss auf knapp 400 Seiten mit subtilem Humor und durchdringender Klarheit plausibilisiert. Dabei begibt er sich nicht auf die vergebliche Suche nach definitiven Zeitpunkten in der Menschheitsgeschichte, an denen sich so verschiedene Anfänge wie jener des aufrechten Gangs, der Mathematik oder der Monogamie von 0 zu 1 in die Welt setzten, sondern lässt Unwägbarkeiten zu.
Ob sich die Sprache oder das menschliche Gehirn, wie wir es seit gut 300.000 Jahren annehmen, zuerst ausbildete? Keiner weiß es. Und die, die dabei waren, hätten wir wohl auch gar nicht so recht verstanden. Vermutlich, so die aktuelle Forschung, gab es eine Ko-Evolution zwischen einer stetig eiweißreicheren Ernährung und der wachsenden Notwendigkeit, die Jagd aufgrund veränderter Klimabedingungen in Gruppen zu organisieren. Da man sich über immer komplexere Sachverhalte austauschen wollte, stieg der Bedarf an Proteinen, was wiederum zu neuen mentalen Kapazitäten führte. Aminosäuren und Alliterationen, Ballaststoffe und Balladen, Salz und Sonette. Das alles ist eine Geschichte.
Nicht weniger erhellend die Folgen, welche die Erfindung der Schrift laut Kaube für die Komplexität aller folgenden Erzählungen hatte. Homers Odyssee soll ein mündlich überlieferter Gesang gewesen sein? Unmöglich! – meint der Autor. Erst durch eine zuhandene Fixierung wäre eine solche Fülle an Figuren, Motiven und Orten überhaupt denkbar gewesen. (Im wahrsten Sinne des Wortes.)
Doch all den hervorragend eingearbeiteten Fakten zum Trotz, denen man auf der Reise zu den Anfängen von allem begegnet, bleibt das mit Abstand größte Verdienst des Buchs, uns den Blick auf das freizugeben, was wir selbst tatsächlich sind: nämlich einfach seltsam. Gehen Sie morgen einmal aus dem Haus und sehen Sie sich um. Wir sind wahrlich eine eigentümliche Spezies mit unseren Kopfhörern, Berufen und besonders mit dem uns inhärierenden Drang, immer wieder Neues in Angriff zu nehmen, manches zu verwerfen und Gutes zu verfolgen.

 
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