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#44 Marcel Beyer: Das blindgeweinte Jahrhundert

#44 Marcel Beyer: Das blindgeweinte Jahrhundert

 

Als zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in Europa die ersten, aus Südamerika und aus Afrika eintreffenden Berichte von tränentrinkenden Faltern die Runde machen, reagiert man in Fachkreisen äußerst skeptisch auf die Beobachtungen, die Insektenforscher am anderen Ende der Welt bei ihren Exkursionen angestellt haben wollen: In Paraguay sollen nach Einbruch der Dunkelheit Nachtfalter am Auge eines schlafenden Pferdes gelandet sein und Tränenflüssigkeit aufgesaugt haben, bald wird aus Argentinien mitgeteilt, dort habe ebenfalls ein tränenliebender Schmetterling das Sekret eines mit offenen Augen schlafenden Pferdes getrunken [...] (257)

Es gibt Geschichtspolitik. Sie existiert, und das besonders heute, als Modus eines ausdrücklichen populistischen Rearrangements und nicht als das spätere Schreiben einer Geschichte, die sich erst noch ereignen wird. Geschichte ist kalt, menschenentleert, schreibt Marcel Beyer. Die Erinnerung, von der wir Menschen sprechen, ist warm. In ihrem Andenken vergießen wir Tränen. Nun ist Das blindgeweinte Jahrhundert, man kann es schon der Beschriftung entnehmen, keine Geschichtspolitik. Denn Marcel Beyer als sein Autor geriert sich schon als der Schmetterling, den er mit den Augen der Zoologen am Schluss als eine wahrscheinlich irrationale Illusion beschreibt, denn Insekten trinken keine Tränen, die sich jedenfalls, und damit gegen das, was glaubhaft ist, so oder ähnlich zugetragen hat. 
Dieses Buch ist keine Geschichte der Tränen, es ist ihre Sammlung. Das »Buch der Tränen« ist zunächst das Produkt seiner »gesalzenen« Frankfurter Poetikvorlesungen, wie es mit schlechtem Wortwitz in der Frankfurter Rundschau hieß. Doch es von dort her zu lesen, wäre unangemessen. Weit wichtiger ist der Brief, den Friedericke Mayröcker ihm, der er sich wie kaum jemand für ihr Werk einsetzte, 2009 schrieb und der eine einzige Frage enthielt, mit der infolgedessen auch dieses Buch beginnt: »›wollen Sie mit über Tränen sprechen?‹: Jacques Derrida«. Eine Frage, die zu einer wiederholten Aufforderung wurde, und diesem dann doch überraschend schmalen Band, und das auch nicht physisch, aber doch mit Blick auf die Größe der Schritte, mit denen wir von Seite zu Seite gehen, entweder als Dank, womöglich in Andacht oder aber als Anfang eines Ariadnefaden vorangestellt ist. 
In zehn Essays wird die Träne der Code des späten 20. Jahrhunderts. Ein Jahrhundert, das spät ist, ganz gleich, wann in ihm sich Marcel Beyers kleine Ausschnitte, Fundstücke oder unverhofft bewahrte Erinnerungen, zugetragen haben. Allesamt sind sie Abschiedsgeschichten, stehen nicht gleich aber doch gleichermaßen an einem Umschlagpunkt, bebildern einen Knacks. 
In der politischen Ideengeschichte, würde man nach dem Zeitpunkt suchen, an welchem sich zum Ende des vergangenen Jahrhunderts die Präfixe ablösen, unscheinbar und eine ganze Epoche hinauszögernd aus der Post-moderne die Spät-moderne wird, so als mache das einen Unterschied jenseits dieses Sprachspiels. Doch das blindgeweinte Jahrhundert geht für Marcel Beyer nicht mit einer Wende im Wort. Beyer ist ein Trauerredner und dieses Buch der Geleitbrief, eine späte Kondolenz. Der Versuch, die Geschichte anhand der in ihr vergossenen Tränen zu erzählen, ist keine Rezitation in nuce. Sie ist kein Ausdruck seines Interesses, die Ereignisse auf ein einziges in einer Nussschale zusammenzustauchen, sondern ganz anders in lacrima – nicht in Worten, aber Tränen – die Stimmung eines Jahrhunderts zu spiegeln. Diese Retrospektiven ohne den gehörigen Abstand haben Geschichte. Eric Hobsbawms historisches Zeitalter der Extreme (1914–1991) gehört in diese Reihe. Doch wo dieser eine Geschichte im Brennglas schreibt, hat Marcel Beyer nur eine Hand voll Tränen. Kann diese Optik den Dingen angemessen sein?

Für manche mag ein Buch, dass das Wort »blindgeweint« im Titel trägt, das Beyer von Annette von Droste-Hülshoff übernimmt, wie ein Sequel zu Celans Rede von der schwarzen Milch scheinen, die einst ungehindert durch dieses Land floss. Noch der Abschlussessay »Im schwarzen Licht« transportiert diesen Gedanken unausgesprochen. Dieses Buch, dass sich durchaus als eine weitere Parallelgeschichte zur Aufarbeitung einer sich selbst annullierenden Passage der deutschen Geschichte verstehen ließe, als Nachkriegsliteratur, als Rede vom Ende der Geschichte, schlägt kaum hörbare Töne an. Der Modus der kleinen Formen ist der Blick auf die unbeachteten, da leicht zu übersehenden Nebenschauplätze der Geschichte. Im zweiten Essay erzählt Beyer von einer Kullerträne, die, wenn auch nie fotografisch festgehalten, sich doch in die Erinnerung einer geschüttelten Republik schlich. Das als Busenattentat berüchtigte Ereignis in der oft fälschlicherweise als »die letzte« betitelten Vorlesung des großen Theodor W. Adorno wird zum Gegenstand der Frage, wie eine einzelne Träne Geschichte verzerren kann. Während der Philosoph sprach, traten drei Zuhörerinnen auf die Bühne, entblößten ihre Oberkörper und umkreisten den armen Mann, der doch der Welt stets enthoben schien: »Wir sehen nackte Frauenbrüste vor den Augen einer Leiche.« Was bedeutete seine Träne umringt von schwingend-wippenden Brüsten? Ist die Institution Adorno inmitten der 68er-Proteste an diesem Tag geschlossen worden? Oder hatte Adorno, wie Alexander Kluge, der ihn von der Vorlesung abholte, behaupten wird, aufgrund einer Diabeteserkrankung immer schon leicht tränende Augen? Und was hieße das dann? Marcel Beyer bemerkt nun, dass diese Träne, wenn es sie denn gab, nicht zum ersten Mal fiel. Schon neun Jahre zuvor hat Adorno auf den Wunsch des seinerseits großen Dirigenten Georg Solti von einer Bühne herab gesprochen und schon einmal hat er diese Pein ertragen müssen, dass der Raum, in dem er spricht, ihm ganz und gar nicht ergeben ist und dass die Gründe dafür größer sind als er. Adornos Träne kündet von einem Abschied. »Wie ›History‹ ist der Hörsaal ›kalt‹, die Opernbühne dagegen ist ›warm‹ wie ›Memory.‹«
Anderswo, auf wenigen Seiten schreibt Marcel Beyer eine kleine Theorie der Fotografie anhand zweier Bilder, eines gemacht von einem Menschenaffen im zoologischen Garten, das andere im Ghetto von Lublin. Ein anderes Essay ist mit »Tavor« betitelt. Das Schlafmittel, das die Erregung ganz herunterfährt, den Blick auf sich selbst abkühlt wie der mit Eiswürfeln gefüllte Kübel den weißen Wein der besseren Gesellschaft. Tavor, das Mittel gegen die Angst, das irgendwann in den 1960er oder 1970er Jahren durch jene in Aufwind kam, die sich wünschten nach ihren LSD-Trips ins seelische Abklingbecken springen zu können. Tavor, ein Mittel gegen die Tränen und die Ruhelosigkeiten eines abgeschlossenen Jahrhunderts.
Es lässt sich nicht übersehen, wie grandios Marcel Beyer »die Löcher im Stoff der Wirklichkeit« ausfindig macht, von denen er in seiner Lichtenberg-Poetikvorlesung sprach, und wie kunstvoll und dabei gänzlich unprätentiös es ihm gelingt, sie auszudeuten. Auch wenn es, geblendet von der ästhetisch eingänglichen und in ihren Worten aufrichtig perlenden Sprache, leicht fällt, den eigentlichen Sinngehalt zu überschätzen, eint die zehn in diesem Buch versammelten Episoden, dass sie ganz im Sinne der eingangs erwähnten Trope des Falters, eine Wirkung auf den Leser haben, die man in anderen Bereichen als Schmetterlingseffekt bezeichnen würde. Jener Flügelschlag am anderen Ende des Globus, der auf der gegenüberliegenden Straßenseite den müden Ast erst brechen und dann fallen lassen könnte. Doch ist dies ja ein lakrimatisches Buch, eine mikroskopische Literatur der kleinen Tränen. Und weil diese dann doch klein bleiben und die Geschichten für den eigenen Alltag kaum nützlich scheinen, wird man sagen können, dass dieses Buch nicht hätte geschrieben werden müssen. Nur aber, um sogleich einzuwenden, dass es dadurch ein ungleich größeres Glück ist.

»Weißt du denn nicht, wer ich bin?« Ich bin die Sprache, und ich brauche die Wirklichkeit nicht, aber die Wirklichkeit ist nichts ohne mich. (107)

 
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