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#40 Jörg Baberowski: Räume der Gewalt

#40 Jörg Baberowski: Räume der Gewalt

 

Sich an die Stelle eines Wächters in einem Arbeitslager zu denken, sich vorzustellen, ja nachzuempfinden, selbst anderer Menschen Leben unter äußerster Gewaltanwendung qualvoll zu beenden, ist ekelhaft und alles in uns widerstrebt dieser Vorstellung: Denn es bedeutet die Konfrontation mit dem eigenen, entsetzlichen Potential, das in jedem von uns steckt. Wer nur wenige Vorträge des kanadischen Psychologen Jordan Peterson gehört hat, weiß, dass er bei der Suche nach einem angemessenen Verständnis der Gewaltexzesse totalitärer Systeme gerade diesen Gedankenschritt von seinen Zuhörern verlangt. Im Rückgriff auf C. G. Jung meint Peterson, dass nur eine Person, die sich ihres eigenen entsetzlichen und todbringenden Vermögens bewusst ist, diese unheilvolle Potenz in sich integrieren und dadurch schließlich auch beherrschen und andere vor ihr schützen kann. Das Sich-bewusst-Machen der eigenen abgründigen Seite wird so zur Selbstbindung, oder anders gesprochen: zu Gewaltprävention.
Auf der Suche nach einem Verständnis von Gewaltexzessen geht Jörg Baberowskis in Räume der Gewalt einen anderen Weg, und verlangt von den Lesenden doch ein starkes seelisches Gerüst. Wer könnte einfach weiterlesen, wenn beschrieben worden ist, wie unter den Roten Khmer in Kambodscha eine hochschwangere Frau vor den Augen der anderen Insassen eines Arbeitslagers von einem sechsjährigen Jungen mit einer Axt qualvoll totgeschlagen wird. Wer könnte weiterlesen nach einer mehrere Seiten umfassenden Beschreibung eines Tage andauernden Mordes an einem Juden in einem Konzentrationslager. Welches der sechs Kapitel wir auch lesen, wir kommen immer wieder ins Stocken. Es wäre einfacher, ja erträglicher, das Buch schnell durchzulesen, um es nicht immer wieder aufschlagen zu müssen, doch wir würden das Beschriebene in seiner Ernsthaftigkeit dann nicht nachvollziehen können. Zu einem adäquaten Verständnis von Gewalttaten bedarf es eines anderen Blicks. Dieser Blick übersteigt notwendig den Einzelnen, doch entlässt ihn nicht aus seiner Verantwortung.

Was immer Menschen auch tun werden: stets handeln sie in Situationen, in Räumen der Gewalt, die ihnen zwar nicht vorschreiben, was zu tun ist, die aber ihre Möglichkeit einschränken, das Geschehen nach Belieben zu kontrollieren. Wenn wir verstehen wollen, wie Gewalt entsteht und was sie anrichtet, müssen wir die Situation genau beschreiben und die Räume, in denen sie zur Entfaltung kommt: nicht nur geographische Zonen, umgrenzte Landschaften, Lager, Gefängnisse und Anstalten, sondern auch jene unsichtbaren Räume, die durch die Vorstellung einer gemeinsam geteilten Welt entstehen. Sie steuern das Verhalten von Gruppen und geben Ihnen eine Kontur. Nicht Ideen und Gründe, sondern Räume, ihre Situationen und Handlungszwänge entscheiden darüber, was mit uns geschieht, wenn die Gewalt ausgebrochen ist. Über sie haben Täter und Opfer keine freie Verfügung. (32)

Mit diesem in nuce entwickelten phänomenologischen Zugang zeigt Baberowski in der Folge anhand ausgewählter historischer Gewalttaten, wie solche Räume der Gewalt strukturiert sein können, welche Handlungszwänge und Verantwortlichkeiten sie erzeugen und wie sie sich über die Zeit ihres Bestehens verändern. Diese Herangehensweise ergänzt Baberowski jedoch noch um eine hermeneutische Dimension, die die eigene Position der Beschreibung stets deutlich macht und von der ausgehend die zentralen Fragestellungen der Gewalt erörtert werden. So wird im zweiten Kapitel Norbert Elias‘ Über den Prozeß der Zivilisation, das ein langsames Verschwinden der Gewalt konstatiert, kritisch hinterfragt und im dritten Kapitel das Verhältnis von Gewalt und Moderne beziehungsweise Postmoderne, insbesondere in der Auseinandersetzung mit Zygmunt Bauman, eruiert. Im vierten Kapitel widmet sich Baberowski der strukturellen Gewalt und scheut sich dabei genauso wie in den anderen Kapiteln nicht, klar Position zu beziehen und scharf zu urteilen:

Manche Konzepte leben länger, wenn man sie von Zeit zu Zeit umbenennt und den Anschein erweckt, man habe Neues mitzuteilen. Galtung selbst erfand den Begriff der »kulturellen Gewalt«. Er konnte als Erklärung nur vorbringen, kulturelle Gewalt sei ein Instrument zur Legitimation struktureller Gewalt. Die eigentliche Antwort aber auf die Frage, was kulturelle Gewalt ist, blieb Galtung seinen Lesern schuldig. Vor einigen Jahren brachte die Literaturwissenschaftlerin Gayatri Spivak den Begriff der »epistemischen Gewalt« ins Spiel, die sie als ein »aus der Distanz orchestriertes, weitläufiges und heterogenes Projekt« beschrieb, »das koloniale Subjekt als Anderes zu konstruieren«. Weder Galtung noch Spivak konnten erklären, was kulturelle und epistemische von struktureller Gewalt unterscheidet und was gewonnen ist, wenn Legitimation und Konstruktion zu Gewaltakten werden. Stattdessen teilen sie im Gestus der Bedeutsamkeit nur mit, was im Begriff der strukturellen Gewalt schon enthalten ist: dass eine unsichtbare, unbewusste Struktur Menschen, die nicht wissen, was mit ihnen geschieht, in Knechtschaft hält. Über diese Mechanismen der Fremd- und Selbstabrichtung hatte Foucault schon alles gesagt. (116)

Schließlich kommt Baberowski zum Schluss, dass die Gewalt als Bestandteil menschlicher Existenz gedacht werden müsse, und dass es notwendig sei, sich der Illusion zu entledigen, die Gewalt könne durch die Rekonstruktion und Aufdeckung ihrer sozialen oder auch biologischen Gründe restlos aus der Welt geschafft werden. Die Hybris solcher Überzeugungen habe gerade in der Moderne erst zu Gewaltexzessen von entsetzlichen Ausmaßen geführt, wie der Blick auf die totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts zeigt. Nach Räume der Gewalt bleiben wir ernüchtert zurück.

Jahrhundertelang haben Menschen einander verletzt und getötet, und nichts wird sie davon abhalten, es auch in Zukunft zu tun. Wir sind verletzungsmächtig und verletzungsoffen, und weil es so ist, müssen wir uns voreinander schützen: durch Konventionen und Regeln und durch Waffen, mit denen ihre Anerkennung jederzeit erzwungen werden kann. […] In allen Machtbeziehungen ist der Gedanke an die Wiederkehr der Gewalt enthalten. Frieden und Sicherheit gibt es nur, weil Menschen töten können. Ein Leben ohne Macht ist nicht vorstellbar, weil es ein Leben ohne Gewalt nicht gibt. (213)

Deshalb pessimistisch zu werden und zu glauben, wir lebten in der schlechtesten aller Welten, wäre nicht im Sinne Baberowskis, greift dieser Schluss doch allzu kurz. Vielmehr gilt es sich – wie Peterson in der Nachfolge Jungs angibt – dem entsetzlichen Potential des Menschen bewusst zu sein. Darüber hinaus muss aber auch die Fragilität von Machtstrukturen, die uns nur durch ihre Gewalt vor anderer Gewalt zu schützen vermögen, begriffen werden. Dies ist ebenfalls eine unangenehme Erkenntnis, die uns Glücklichen, die wir in Europa weitestgehend gewaltfrei aufwachsen durften, schwierig zu vermitteln ist. Sie dennoch zu verstehen, ohne dabei die Erfahrung von Gewalt machen zu müssen, kann uns dieses Buch lehren.

 
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