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#39 Françoise Sagan: Bonjour Tristesse

#39 Françoise Sagan: Bonjour Tristesse

 

Man merkt es dem Text nicht an. Dass er zur Zeit seines Erscheinens einen handfesten Skandal bedeutete und dass für diesen Skandal eine gerade mal achtzehnjährige Französin verantwortlich war. Die Geschichte von der ein Jahr jüngeren Romanfigur Cécile, die im Sommerurlaub erste Liebe erlebt und erste Intrige spinnt, hielt die Welt in Atem mit ihren für damalige Verhältnisse äußerst freizügigen Liebespassagen, mit ihrer unerhörten Figurenkonstellation. Aber vor allem doch wegen des erzählerischen Talents der jungen Autorin. Françoise Sagan, noch halb ein Kind, war über Nacht im ganzen Land bekannt.
Nach dem Erscheinen des knapp 200 Seiten fassenden Romans erhielt Sagan den Prix des Critiques, einen bis in die 80er Jahre hinein verliehenen Literaturpreis für französischsprachige Autoren. Eine hohe Auszeichnung, bedenkt man, dass sieben Jahre zuvor kein geringerer als Albert Camus für Die Pest ausgezeichnet worden war. Später wird man über Sagan sagen, der Preis hätte ihr geschadet. Später wird man glauben, es besser gewusst zu haben. Dass eine so junge Frau überfordert war mit frühem Ruhm. Dass es besser für sie gewesen wäre, länger damit zu warten, ihre eigenen Schriften zu publizieren. Diese Leute, die es besser zu wissen glauben, können den Roman nicht gelesen haben. Denn wozu warten, wenn alles schon da ist? Wortgewandtheit und Witz, psychologischer Scharfsinn und erzählerische Raffinesse – keiner der Bereiche weist Sagan als kindlich-naiv aus. Das trifft einzig auf die Protagonistin zu, auf Cécile.
Mutterlos aufgewachsen steht sie ihrem vierzigjährigen Vater Raymond, einem charmanten Frauenhelden, sehr nah. Nach Jahren im Internat genießt Cécile seit nunmehr zwei Jahren die viele gemeinsame Zeit mit ihrem Vater; der wiederum genießt seine Jugendlichkeit mit einem ausschweifend-luxuriösen Lebensstil, den er gern in weiblicher Gesellschaft teilt. Die frühreife Cécile bemerkt verständnisvoll lakonisch:

Mein Vater war vierzig Jahre alt und seit fünfzehn Jahren verwitwet; er war jung, voll Lebenskraft, voller Möglichkeiten; wie hätte ich, als ich zwei Jahre zuvor aus dem Pensionat gekommen war, nicht verstehen sollen, daß er mit einer Frau zusammenlebte? Daß er diese Frau alle sechs Monate wechselte, sah ich weniger schnell ein. (10)

Raymond ist voll zärtlich-behütender Gefühle für seine Tochter, die er weniger als Erziehungsaufgabe denn als enge Vertraute ansieht, der gegenüber auch seine Liebschaften in den Hintergrund rücken. So erkundigt er sich explizit nach Céciles Einverständnis dafür, dass die junge Elsa sie und ihn in den Sommerurlaub am Strand der Riviera begleitet. In der gemieteten Villa, die »auf einem Felsvorsprung, der in das Meer hineinragte« (11), schicksalshaft-vorausdeutend lag, würden die drei für einige Tage gedankenlose Glücklichkeit erleben. Bis unerwarteter Besuch die Dreisamkeit aufrüttelt und ins Wanken bringt: Anne, eine erfahrene Frau um die vierzig, eine alte Freundin der Mutter, Modistin aus Paris, stattet Raymond einen Besuch ab, offensichtlich, um ihn für ein gemeinsames Eheleben zu begeistern. Für Cécile ist Anne ein Albtraum, die Personifizierung strenger Prinzipientreue, Sittlich- und Gewöhnlichkeit. Sie ist eine Gefahr, die es zu meiden, loszuwerden gilt.
Zumal die erfahrene Anne Cécile den Umgang mit dem attraktiven Mittzwanziger Cyril untersagt, mit dem Cécile ihre ersten Liebeserfahrungen verleben wird, deren Schilderungen diejenigen sind, die beim Erscheinen des Romans für Aufschrei sorgten. Es handelt bei ihnen sich nicht um naturalistische Abbilder des beobachtbaren Äußerlichen, wenn Cécile auf den soeben aus dem Mittagsschlaf erwachten Cyril in dessen Schlafzimmer treffen wird. Sagan ist keine voyeuristische Erzählerin. Ihre frühe Meisterschaft besteht darin, die Seelenleben der Figuren zu erkunden, die einem das Nachempfinden und Nacherleben so einfach machen, dass man sich bei der Lektüre selbst bestürzt in seelischen Schieflagen wiederfindet, die man haben zu können nicht erwartet hätte.
Céciles Reflexionsreichtum ist manchmal ermüdend. All ihre Fehler und jugendlichen Schnellschlüsse sind ihr, kaum begangen, schon bewusst, alles ihr Gleichgültige ist trotzdem zumindest ein Bewusstwerden der Gleichgültigkeit wert. Kurzum: Cécile liegt buchstäblich vor uns wie ein offenes Buch. Ihre Denkverrenkungen stellen somit Sagans eigentliche Leistung dar: Sie schafft es, über das Mädchen zu schreiben, als wäre sie selbst kein Mädchen mehr – wobei ja das Gegenteil der Fall ist. Der Roman wirkt wie die sehnsuchtsvolle Rückschau einer älteren Dame, die in Schmerzen und Hoffnung gelebt hat, was sie am Ende ihres Lebens zu erzählen bereit ist.

Er setzte sich neben Anne und legte den Arm um ihre Schultern. Und die Bewegung, mit der ihr Körper sich ihm zuneigte, ließ mich die Augen senken. Natürlich, das war es, deshalb heiratete sie ihn: wegen seines Lachens, wegen seiner harten, beruhigenden Arme, seiner Vitalität, seiner Glut. Sie war vierzig Jahre alt – da war die Furcht vor der Einsamkeit, vielleicht der letzte Sturm der Sinne ... Ich hatte Anne nie als Frau empfunden, sondern als ein Wesen. Ich hatte Selbstsicherheit an ihr erlebt, Vornehmheit, Intelligenz – aber Sinnlichkeit, weibliche Schwäche ... Ich verstand, daß mein Vater stolz war: Die hochmütige, gleichgültige Anne Larsen heiratet ihn! Aber liebte er sie, konnte er sie lange lieben? War ein Unterschied zwischen der Zärtlichkeit, die er für Anne hatte, und seiner Zärtlichkeit gegenüber Elsa zu erkennen? Ich schloß die Augen, die Sonne machte mich müde. Wir saßen alle drei auf der Terrasse und waren erfüllt von Dingen, die wir nicht sagten, von heimlicher Furcht und von Glück. (67)

Die Geschichte um Raymond und Cécile, um Anne, Elsa und Cyrill nimmt einen gefährlichen Verlauf. Cécile intrigiert mithilfe der eifersüchtigen Elsa und des verliebten Cyrill gegen Anne, um sie aus dem Glück zu vertreiben. Das zunächst harmlose und scheinbar bloß zum Zeitvertreib in Angriff genommene Spiel gerät immer mehr aus den Fugen.
Im Stile der großen französischen Liebesromane sieht Sagan schließlich eine tragische Schlusswendung für ihre Erzählung vor. Tragisch auch deshalb, weil ihr selbst ebenso wie einer der Hauptfiguren im Roman eine Autofahrt zum Verhängnis werden sollte. Mit gerade knapp 22 Jahren war Sagan in einen schweren Unfall verwickelt. Im Krankenhaus mit starken Schmerzmitteln behandelt worden, entwickelte sie von ihnen eine Abhängigkeit, die sie ihr Leben lang, mal stärker, mal schwächer, begleitet. Ebenso wenig, diesmal zum Glück, löste sich Sagan vom Schreiben. Knapp 50 Romane und Bühnenstücke konzipierte die Französin, bevor sie 2004 im Alter von 69 Jahren verstarb. Am Morgen nach ihrem Tod gab es mehr als nur eine Zeitung, die mit der ikonischen Schlusswendung ihres allerersten Romans den Nachruf mit Sagans Anfang begann: »Bonjour tristesse.« (190)

 
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