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#37 Carolin Emcke: Wie wir begehren

#37 Carolin Emcke: Wie wir begehren

 

Den Anderen bei seinem eigenen Namen zu nennen und selbst mit dem Namen des Anderen angesprochen zu werden – ist das Spiel aller Liebenden. Das Spiel mit den Namen – sie zu vertauschen, sie einander zu leihen – ist ein Versuch, sich selbst im Anderen aufgehoben zu sehen. Du bist ich und ich bin du. Das ist die poetische und zugleich existenzielle Behauptung des Films Call Me by Your Name. Der Vater des 17-jährigen Protagonisten Elio, dessen Darsteller, Timothée Chalamet, mit seiner Figur ikonisch wurde, sagt, als Archäologe, einen wunderbaren Satz über seine Forschungsgegenstände: »Diese Statuen sind an sich nicht gerade. Sie sind gekrümmt. Manchmal unmöglich gekrümmt. Und sie sind durch ihre zeitlose Ambiguität so ungehemmt, als würden sie uns herausfordern, sie zu begehren.« Diesen Krümmungen, dem Ungeraden, dem abgerichteten Begehren widmete Carolin Emcke ihr Buch Wie wir begehren.
Emcke schreibt von ihrer persönlichen Geschichte der Homosexualität aus. Sie muss »so beginnen: mit der Schuld, einer Schuld, die sich nicht abtragen, sondern nur ableben lässt durchs Leben«. Im Anfang steht die Schuld, die sich niemand aufgebürdet hat, sie nicht, ihr Klassenkamerad Daniel nicht und doch stehen sie auf dem Pausenhof in einem Kreis einander gegenüber, sollen sich schlagen, ohne zu wissen warum. Ähnlich muss Daniel sein eigenes Begehren empfunden haben. Er ist schwul gewesen. Daniels Leben endet in einem tragischen Selbstmord und von diesem Ende aus reflektiert Emcke die persönliche Katastrophe, die ihm die Homosexualität bedeutet hat. Sie ruft ihn in ihrer autobiographischen Erzählung immer wieder, um zu zeigen, dass diese bloße Tatsache des menschlichen Lebens, dass wir begehren, verhängnisvoll mit der sozialen Suggestion und der in ihr sitzenden Eingrenzung verbunden ist, wie wir begehren und wie wir zu begehren haben. Um Beispiele für diese Behauptung zu finden, müssen wir nur durch die größeren Abteilungen des weltliterarischen Kanons streifen oder die Archive der bildenden Künste, oder mit unseren Eltern sprechen. Und dann dieses Buch lesen.
Behutsam legt sie offen, was Homosexualität bedeutet (was sie ihr bedeutet hat). Sie macht deutlich, dass das homosexuelle Begehren nicht deshalb so selten ist, weil eine Mehrheit grundsätzlich vor ihr geschützt wäre, sondern weil wir schon die Vorstellung in unausgesprochener Kenntnis der sozialen Konsequenzen nicht zulassen. Wenige verbieten heute noch das Lesbischsein und doch gibt es ein Tabu, das von seiner einstigen Rechtsgestalt aus nach Innen gewandert ist. Emcke liebte Frauen anfangs nicht darum nicht, »weil ich es für falsch oder pervers hielt«. Das Tabu war ihr innerlich. Das Begehren wurde verschluckt und verschoben. Nichts war ausprobiert, nichts geschmeckt, nichts gespürt. Denn alles war von vornherein verworfen.
Das Gesetz, mit dem in Deutschland bis 1969 Homosexualität strafrechtlich verfolgt wurde, veränderte sich unter Kiesinger. Verboten waren danach nur noch bestimmte homosexuelle Handlungen. Die Pointe blieb die rechtliche, weil auch gesellschaftliche, Unbestimmtheit weiblicher Homosexualität. Mit Homosexualität waren vom Rechtstext her gelesen die schon länger präsenten schwulen Männer gemeint. Das Lesbischsein war nie von der Gesetzgebung betroffen. Eine befreite, selbstbewusste weibliche Erotik war undenkbar. Die Straffreiheit war somit keine Garantie lesbischer Liebe, sondern die Rechtsform ihrer Missachtung.
Emcke entdeckte ihr Lesbischsein mit 25 Jahren in der Liebe mit einer anderen Frau. Und auch sechs Jahre nachdem das Buch erschienen ist, haben die Schilderungen und Reflektionen der heute über 50-Jährigen, die mit ihrem prämierten Manifest Gegen den Hass (S. Fischer, 2017) nun endgültig als öffentliche Intellektuelle anerkannt ist, nicht an Gewicht verloren. Und einige Stellen wirken in ihrer Literarizität wie die in ihrer Intensität kaum auszuhaltenden Sexszenen aus Blau ist eine warme Farbe. Selten wurde sinnlich und intellektuell anspruchsvoll beschrieben, wie eine Frau die Sprache ihres eigenen Körpers entdeckt, entschlüsselt, zu beherrschen versucht. Hier ist es geschehen.

Vielleicht weil es weniger vorgeprägt und dadurch weniger gewiss ist, vielleicht weil meine eigene Lust, die Art und Weise, wie ich mich in die andere hineinliebe, in den anderen Körper hineinliebe, weniger selbst verständlich ist, wie ich eine Frau berühre, scheint in diesem unbestimmten offener, ich fühle mich freier, wenn ich die Lust der anderen tastend, suchend, spüren kann, mit Lippen oder Händen oder meinem ganzen Körper, wenn es kein Zentrum gibt und keine Peripherie, sondern alles möglich erscheint, ich alles sein kann und darf, in dieser Lust, frei von allen Bildern und Zuschreibungen, was lustvoll, weiblich, erregend oder verboten sein soll, frei von allen Zweifeln oder Schutz, rückhaltlos, verletzbar, außer mir und in mir zu gleich. (219)

Diesem Buch gelingt das Werben für die Freiheit des weiblichen Geschlechts ohne den manchmal eigenwilligen Duktus der neuen Linken und der third feminist wave. Es praktiziert einen labellosen, emphatischen Feminismus, der sich in der Andeutung entblößt. Zu wissen, dass jeder Satz auch theoretisch gesättigt ist, dass die einst junge Autorin noch Judith Butler interviewte, mag sie weiterhin kreditieren, diesen äußeren Kredit nötig aber hat ihr Buch nicht.
In einer Anekdote greift sie kurz vor Schluss in Wittgensteins Philosophische Untersuchungen, in denen er Weisen des Sehens unterscheidet. So zeigt ein und dasselbe Bild einmal einen Hasenkopf und ein andermal eine Ente. Beides ist im Bild. Wir sehen das eine oder das andere, doch weder gleichzeitig noch gleichermaßen. Ist das die Parabel der Frage nach dem, was wir sind? Liegen wir in den Augen der Betrachter? In John Bergers BBC-Dokumentation Ways of Seeing steht am Ende des ersten Teils ein Satz, den wir mit Emcke lesen müssen: »I hope he [der Betrachter] will consider what I arrange, but be skeptical of it.« Und wenn wir diesen Satz mit ihr lesen, werden wir ihn für falsch befinden müssen, weil darin die Prägung unserer Sexualität durch einen Anderen festgehalten ist. Aus dem gleichen Grund auch für wahr.

Doch das Gewicht ihrer Worte liegt nicht in der Schwere ihrer Gesten. Das Erwachen ihrer Weiblichkeit als die Einsicht in ein gewonnenes Lesbischsein verbindet sie so auch mit großem Dank an ihren Musiklehrer, der sie, die junge Schülerin, für klassische Musik sensibilisierte und ihr die Chance gab, die Musikalität ihrer eigenen Identität auch in den Worten auszustreichen. 

»Modulation«, das nennt man in der Harmonielehre den Übergang von einer Tonart in eine andere. Vielleicht beschreibt das, die Modulation […] wie sich das Begehren entwickeln, ja, wie es sich wandeln kann, wie sich verschiedene Formen parallel zueinander verhalten können, wie in einer Person einzelne Momente ganz unterschiedlicher Formen der Lust und des Verlangens möglich sind, wie manche davon sich auch erfüllen, wie andere nur angedeutet bleiben, wie jedenfalls nicht nur eine Norm den Klang des Lebens durchgängig begleitet und bestimmt, sondern wie eine Ausgangstonart eben genau das sein kann, eine Ausgangstonart, der Beginn, ein erstes Begehren, ein erster Klang, aus dem heraus etwas anderes wachsen kann. (209)

Das sexuelle Begehren ist vom intellektuellen Begehren unterschieden und doch hängt beides ineinander. Wie prägt das Selbstbewusstsein durch die frühe Erfahrung der Musik die körperliche Sehnsucht? Wie klingt das Begehren? So oder so und immer anders. Das ist die stärkste Gemeinsamkeit zwischen Wie wir begehren und Call Me by Your Name. Beide geben der Lust in ihrer ganzen Breite Raum.
Dieser Raum ist auch für die Lesenden gedacht.

 
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