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#36 Bruno Latour: Das terrestrische Manifest

#36 Bruno Latour: Das terrestrische Manifest

 

Machen wir uns den Spaß. Markieren wir 170 Jahre, nachdem das Kommunistische Manifest erschienen ist, in seinem ersten Kapitel die Worte Bourgeois und Bourgeoisie blau, die Worte Proletarier, Proletariat und Arbeiter gelb und schließlich färben wir die Begriffe Kampf, Klasse und Waffe rot. Ein erster Blick darauf zeigt uns, welche schriftstellerische Raffinesse in diesem von Marx in nur wenigen Wochen verfassten Text steckt. Marx entfaltet in diesem Kapitel nicht einfach jenen berühmten ersten Satz des Kapitels: Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen. Marx inszeniert in diesem Kapitel den Klassenkampf auf grafischer Ebene, indem er die ersten Seiten nicht nur inhaltlich, sondern eben auch topografisch mit der Bourgeoisie bevölkert und auf den letzten vier Seiten in einem – für uns nun blau-gelb-roten Farbenmeer – jenen Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat visualisiert, von dem im ersten Satz die Rede ist.
Strukturalistische Untersuchungen dieser Art schwingen bei Bruno Latours Das terrestrische Manifest ins Leere. Die schriftstellerischen Höhenflüge, die der Himmelsstürmer Marx in einigen seiner Texte erreicht, sind auch nicht das Ziel Latours. Ganz im Gegenteil: Latour geht es in seinem Manifest darum, im Horizont der Klimakatastrophe für eine neue Erdung zu plädieren.

Als würde man erneut mit einer dialektischen Pirouette das hegelsche Projekt auf die Beine stellen. (97)

Zu Beginn seiner Überlegungen entwirft Latour angesichts des Brexits, der Wahl Donald Trumps und des Erstarkens reaktionärer Bewegungen in Europa ein schematisches Grundtableau, das einen illustrativen Erklärungsansatz für diese Phänomene liefern soll. Die etablierte politische Unterscheidung von links und rechts verwerfend, konstatiert Latour, dass die tatsächliche politische Demarkationslinie der Moderne im Umgang mit dem Fortschritt vom Attraktor des »Lokalen« zum Attraktor des »Globalen« auszumachen sei.
Das Lokale sei erst als Gegenstück zum Globalen entstanden und überhaupt nur in diesem Kontext sinnvoll denkbar – worauf auch der von Latour zitierte Sloterdijk hinweist. Im Angesicht der Klimakatastrophe, Latours Ausgangspunkt seiner Überlegungen, ist das Fortschrittsparadigma der Moderne schon lange nicht mehr haltbar. Exemplarisch lässt sich diese Einsicht auch in der Entwicklung des Marxismus im 20. Jahrhundert beobachten, dessen dialektischer Motor wenigstens im westlichen Fabrikat früh verworfen wurde. Das lesen wir im Wandel der Revolutionsmetaphorik heraus: Die Marxschen Lokomotiven der Weltgeschichte sind für Walter Benjamin zur Notbremse geworden.
Für Latour spielt die Geschichte des 20. Jahrhunderts weniger eine Rolle als die Einsicht in die Klimakatastrophe, die er als einen Gegenschlag der Erde gegen die Menschen deutet und als Ursache der Ungleichheit und der Massenmigration ausmacht. Auf seinem Tableau identifiziert Latour zwei unterschiedliche politische Akteure, die innerhalb der alten Ordnung verbleiben und vermeintliche Auswege aus der düsteren Grundsituation versprechen. Die Neo-Hyper-Modernisten, die alles zum Globalen beschleunigen und bereit sind, im Notfall die Erde oder mit genetischer, kognitiver und künstlicher Aufrüstung das Menschsein selbst zu verlassen; und die Reaktionären, die mit Tradition, Gewissheit, statischer Identität und Protektionismus ein Lokales wiederfinden wollen, das es nie gab.

Und da haben wir schon das Drama: Das neu gestylte LOKALE hat keine Ähnlichkeit mehr mit dem alten, ist nicht bewohnbar als die Minus-Globalisierung. Es ist eine nachträgliche Erfindung, ein Restterritorium, das bleibt, wenn beim Modernisierungsprozess definitiv alles Übrige verloren gegangen ist. Was gibt es Unwirklicheres als das Polen von Kaczynski, das Frankreich des Front National, das Italien der Lega Nord, das zusammengeschnurrte Großbritannien des Brexit oder das wieder großartige America des Großen Schwindlers? (40)

Diese beiden politischen Akteure entfernen sich immer weiter voneinander. In dieser Situation sei es Trump gelungen, das Schema um einen neuen Attraktor zu ergänzen, der neben die bekannten Attraktoren (Globales und Lokales) tritt. Diesen nennt Latour das »Aussererdige« und kennzeichnet es durch die Preisgabe der für Latour entscheidenden politischen Aufgabe, der Erzeugung einer gemeinsam bewohnbaren Erde. Pointiert formuliert findet Latour das Aussererdige in Bushs Ausspruch »the American way of life is not negotiable«.
Diesem vermeintlichen Ausweg diametral gegenüber positioniert Latour einen weiteren Attraktor, den er als wahren Fluchtpunkt aus der beschriebenen Krise erkennt und der das Ziel der Arbeit an einer gemeinsamen Erde schon im Namen trägt: das »Terrestrische«. Das bisherige politische Denken sei dieser Aufgabe auf dem Weg zu einer gemeinsam bewohnbaren Erde nicht nachgekommen. Latour führt das auf zweierlei Ursachen zurück: einmal auf die Vorstellung der durch die neuzeitliche Naturwissenschaft formierten Natur als einer stummen, toten, mechanistischen Ressource. Und, zweitens, auf die marxistische Prägung allen politischen Denkens in ökonomischen Kategorien. Am Ende dieser Entwicklung sei es bis heute nur allzu leicht, den Industriearbeiter gegen die kleinen Vögel im nächsten Wald auszuspielen, da das Projekt, eine gemeinsame Welt zu bilden, höchstens – und selbst dann nur in der Theorie – alle Menschen eingeschlossen habe.
Eben hier setzt Latour mit Erkenntnissen seiner seit knapp 20 Jahren in immer neuen Anläufen weiter entwickelten Akteur-Netzwerk-Theorie an, die er zuletzt in seinen Überlegungen aus Kampf um Gaia ausgeführt hat, in denen er mit dem Biochemiker Lovelock zu zeigen versucht, dass die traditionelle Unterscheidung von Individuum und Ökosystem einen Reduktionismus darstellt. Das Ökosystem selbst muss als prozedurales Ergebnis der Handlungen aller in ihm lokalisierbaren Akteure gedacht werden. Während die Gesellschaft – ein Begriff den Latour durch Kollektiv ersetzt – keineswegs ein aus Menschen oder ihrer Kommunikation bestehendes Gebilde ist, sondern das kollektive Zusammenspiel aller in ihr beobachtbaren Akteure, sei auch die Erde keineswegs bloß ein Planet. Vielmehr stelle sie einen unendlich komplexen Organismus dar, der nur als ein Zusammenspiel aller ihn bewohnenden Akteure und ihrer Abhängigkeiten verstehbar wird.
Was mit diesen Erkenntnissen anzufangen sei, fragt sich Latour am Ende seines Manifests selbst. Und die Antwort ist zunächst simpel: die Zusammenhänge beschreiben, um sie nicht fortzuschreiben. Doch hinter dieser Antwort steckt eine abgründige Aufgabe, deren Anforderungen unüberschätzbar sind. Denn es gilt in einem ersten Schritt, dasjenige sehen zu lernen und nachzuzeichnen, was die gemeinsame Erde ist. In einem zweiten Schritt dann zu ordnen und zu fragen, was sein soll und sein muss, damit die Erde in der Gegenwart und Zukunft sein und weiter werden kann. Seine Hoffnung setzt Latour auf das europäische Projekt:

Durch eine unglaubliche Bastelarbeit ist es der Europäischen Union gelungen, auf vielfache Weise die Überlappung, Überlagerung, den overlap der verschiedenen nationalen Interessen zu materialisieren. Mit ihrem vielfältig verzahnten Regelwerk, das die Komplexität eines Ökosystems erreicht, weist sie den Weg. Genau diese Art Erfahrung ist gefragt, wenn wir den alle Grenzen überwindenden Klimawandel in Angriff nehmen wollen. (116)

Das Ende erscheint naiv. Aber ohne Naivität kein Manifest.

 

 
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