#33 Mercè Rodoreda: Der Garten über dem Meer

#33 Mercè Rodoreda: Der Garten über dem Meer

 
Dieu est au fond du jardin. / Gott ist am Grunde des Gartens. (Robert Kanters)

Jedes Lesen beginnt mit einer Erwartung und auch mit einem Erahnen dessen, was sich – »hoffentlich« – so oder so ähnlich auch abspielen wird. Und dann durchkreuzt die Geschichte die eigene Absicht und man bleibt im schlimmsten Fall enttäuscht, mindestens aber ein wenig unglücklich zurück und runzelt die Stirn. Mercè Rodoredas Der Garten über dem Meer erzwingt diesen unalltäglichen Leseeindruck. Sie dehnt die Zeit wie einen Haargummi, der irgendwann ausleiert und ersetzt werden muss. Doch was ist der Ersatz für das, worin uns dieses Buch enttäuscht? Der Garten über dem Meer ist eine im Rückblick geschriebene Geschichte, die aus der Zeit, die wir für sie brauchen, einen dickflüssigen Honig macht.
Sechs Kapitel hat dieses Buch und sechs Jahre schweifen wir auf den Schultern eines alten Gärtners durch einen Garten »jenseits des Sündenfalls« (Nachwort, 229) an der westspanischen Küste, den er seit langem schon sich aufopfernd mit nahezu stoischer Hingabe pflegt, die er einst auch für seine große Liebe in den weit zurückliegenden Jahren ihres Beisammenseins aufbrachte.

Die Haare waren das Schönste an ihr: blond wie die Sonne und lang wie ein Wasserfall. Und als ich vom Friedhof zurückkam, schlug ich mit der Faust gegen die Eukalyptusbäume, bis sie blutete. »Willst du mich kämmen?«, fragte sie mich immer. Und dann setzte sie sich hin, und ich kämmte ihr Haar mit einem honigfarbenen Kamm. Und wenn wir im Bett herumtollten, schlang ich mir manchmal ihre Haare um den Hals, und wir lachten beide. Wir waren eins. Ich lebte aufrecht und ruhig wie der Eukalyptus. Die Arme in den Schultern verankert, beide Beine fest auf dem Boden. Und in diesem Augenblick, als sie starb ... sie starb mir unter den Händen weg, fast wie ein Vogel ... da bin ich zerfallen. Als hätte man mich in kleine Stücke zerschlagen und die dann weggeworfen. (30)

Der Garten einer Sommerresidenz unweit der großen Stadt Barcelona gehört einer jungen, reichen und entsprechend sorglos lebenden Gesellschaft. Die Senyoretas und Senyorets fahren Wasserski, kaufen ein Ruderboot, nutzen es nicht, liegen wochenlang ganz und gar unbekümmert im wärmenden Sand und laden ein zu den letzten rauschenden Festen ihrer jugendlichen Dekadenz. Manches von dieser Idylle, die der alte Gärtner still beobachtet, ähnelt der Sinnlichkeit des Sommerfilms Call Me By Your Name. Doch statt des Aprikosensafts wie dort trinken sie spanischen Perlwein, statt gekochtem Ei gehen die gebratenen Tauben in die Münder. Und während die Menschen mit den Jahreszeiten kommen und gehen, Lieben aufflammen und erlöschen, die Gesichter trübe werden und für immer verschwinden, sieht der gealterte Gärtner diese kleine Welt kniend von seinen Rosenbeten aus, ist der Immeranwesende, der die leerstehenden Räume in der Abwesenheit der anderen hütet, ist die einzige Konstante zu einer unwirklichen Zeit.
Denn diese Geschichte ist ganz und gar unwahr. Sie ist ein reines Szenario, das sich in Rodoredas Spanien so nie abspielen konnte. Wie auch der fünf Jahre zuvor erschienene Roman Auf der Plaça del Diamant, steht diese aus ihrem Genfer Exil heraus geschriebene Geschichte im Kontext der Diktatur Francos, die dieses Land über knapp vier Jahrzehnte in Unfreiheit hielt. Wo in dem bekannteren Werk das Revolutionäre unüberlesbar mitschwang, ist Der Garten über dem Meer eine stille Retrospektive und auch eine Hommage an eine Schönheit der Heimat, die Generationen aus politischen Gründen versagt war. Mercè Rodoreda hatte immer schon, auch außerhalb Spaniens, ihren eigenen kleinen Garten, berichtet Gabriel García Márquez (der, nur um sie zu lesen, das Katalanische erlernte).
Und so sollte man das Motiv des Gartens nicht als das plakative Setting einer kitschigen, hollywoodesken Romantik begreifen. Die Pflege des Gartens und die Abwehr des »anderen Gartens«, der im Laufe des Romans auf dem Nachbarsgrundstück systematisch wie ein Wolkenkratzer in die Landschaft gesetzt wird und dem Buch seinen Namen gegeben hat, lässt sich als Kampf einer ganzen Generation spanischer Gärtner lesen, denen nichts von ihrem Land geblieben ist als die Illusion.

Im Garten des neuen Hauses war eine ganze Heerschar von Gärtnern zugange: Sie legten ihn nur an [...]. Am Tag nachdem Senyor Bellom mich mit dem Auto mitgenommen hatte, kamen die ersten Lastwagen. Sechzig Zypressen. Sie pflanzten sie auf der Meerseite. In einer Reihe. Nicht einen Rosenstrauch. Gruppen von Büschen, quer über den Rasen verteilt. Blumen der Saison, völlig willkürlich hier und da verteilt, und an den Pergolen rund um das Haus Valencianischer Jasmin, der mit den großen Blüten. Ich sah mir das Ganze jeden Tage eine Weile von der Terrasse aus an und beobachtete, wie der Garten nach und nach fertig wurde. Zu kahl. Ganze Flächen nur mit Rasen. Hinter den Zypressen ließen sie einen etwa hundert Meter langen und fünf Meter breiten Streifen frei, der sich von der ersten bis zur letzten Zypresse erstreckte. Ein Streifen Erde, vollständig mit Dünger bedeckt, gute schwarze Erde ... Und eines Tages war er ganz mit Deutschen Schwertlilien bepflanzt. Das sind diese Lilien mit den gazeartigen Blättern ... Damit hatte ich nicht gerechnet, und es ärgerte mich. (110)

Dieser Roman lässt sich nur schlecht prima facie lesen. Auf den ersten Blick kann die protokollarische Geste, die in der listenhaften Aufzählung der Geschehnisse durch den Gärtner liegt, verstören. Aus gutem Grund schreibt daher Roger Willemsen an den Anfang seines Nachworts ein »Und jetzt?«. Das Lob der pittoresken Qualität, der Reinszenierung der Alltagssprache durch schlichte Sätze, die nicht ästhetisieren wollen, und der großen Sensibilität für das Seelenleben der Protagonisten kann man Rodoreda nicht absprechen. »Wer nicht davon lassen kann« wie Willemsen, »beginnt nach dem Umblättern der letzten Seite gleich wieder mit der ersten« (Nachwort, 225). Es gibt aber noch einen anderen Grund für eine Rückkehr.
Die gedehnte Lesezeit, die Langeweile, die durch das Ausbleiben von großen Pointen, dem suggestiven Ausmalen der kleinen Geschichten zustandekommt, nimmt uns auf eine ungewohnte Weise in die Pflicht. »Wenn Sie mir sagen, dass ein Buch langweilig ist, dann ist das für mich keine Kritik«, sagte Michael Silverblatt einmal in seiner Radiosendung Bookworm. Gleiches muss für diesen Roman gelten. Auf der ersten Seite der Entdeckung der Langsamkeit von Stan Nadolny beschreibt dieser einen zehnjährigen Jungen, der immer noch so langsam ist, dass er keinen Ball fangen kann, sodass er beim Ballspiel nur die Schnur halten darf, denn das macht er wie kein zweiter. »Dem Spiel konnte John nicht folgen«. Immer war der Ball schon zur anderen Seite herüber geworfen. Immer war er zu spät, immer hat er irgendetwas nicht mitbekommen. Stellt man diesen Einstieg neben die Retrospektive der sechs Jahre in sechs Kapiteln, wird ein ähnlicher Aufschub sichtbar. Während dem Jungen von Nadolny das Begreifen der Gegenwart verwehrt bleibt, rätseln wir am Ende dieses Romans über den Sinn des soeben Gelesenen. Denn Rodoreda denkt nichts vor, was wir einfach aufnehmen könnten. Wir selbst müssen aus-denken, was die Geschichte anregt. Rodoreda gibt uns Fäden in die Hand, die nicht schon verwebt sind, sondern einen Knoten schnüren. Den Knoten aufzuknüpfen, das ist unsere Rolle in dieser Geschichte. Die Langeweile, die sich also einstellen mag, weil das Gelesene scheinbar so langsam vorangeht, weil der alte Gärtner manchmal nur wie unbetroffen abspult, was er gesehen hat, kann schlechtestenfalls den Abbruch des Lesens bedeuten. Wer aber den Auftrag annimmt, den ein Buch bedeutet, das selbst nur die Schnur hält und den Ballwurf anderen überlässt, der sieht, dass Seiten allein nur eine unfertige Repräsentation der Geschichte sind und dass die Suche nach dem Rest immer uns gehört.

 
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