#29 Paul Celan: Mohn und Gedächtnis

#29 Paul Celan: Mohn und Gedächtnis

 
  Paul Celan,  Mohn und Gedächtnis.  (München: Deutsche Verlags-Anstalt, 1952)   Buch der Woche vom  10.06.2018

Paul Celan, Mohn und Gedächtnis. (München: Deutsche Verlags-Anstalt, 1952)
Buch der Woche vom 10.06.2018

Es ist einer, der hat was ich sagte. /
Er trägts unterm Arm wie ein Bündel. /
Er trägts wie die Uhr ihre schlechteste Stunde. /
Er trägt es von Schwelle zu Schwelle, er wirft es nicht fort.

Singende Verse. Paul Celans Lyrik in seinen ersten Gedichtband Mohn und Gedächtnis aus dem Jahr 1952 entzieht sich der Festsetzung als erzählbares oder aufschreibbares Gedankengut. Bilder sind darin entworfen, hineingeworfen und verwoben als musikalisch-klingendes Geflecht, das Celans Ton wohl erst beim lauten Lesen hörbar werden lässt. In Czernowitz, einer nie stillstehen dürfenden Stadt in der heutigen Ukraine, dem damaligen Rumänien und der zwischenzeitlichen Sowjetunion, wurde Paul Celan 1920 als Paul Antschel in eine jüdische Familie und die deutsche Sprache hineingeboren. Erst später verwandelt sich sein Nachname als Anagramm in »Celan«. Eine unbeschwerte Jugendzeit sollte er nie erleben. Am Anfang seiner zwanziger Jahre entkommt er durch freiwillige Meldung bei einem Arbeitsdienstlager der Deportation durch die Nationalsozialisten nur knapp. Beide Eltern aber wird er, nachdem er sie zur Flucht nicht hatte überreden können, 1942 an den Tod im Konzentrationslager verlieren. Den Verlust der Mutter beklagen die Verse von »Espenbaum«:

Espenbaum, dein Laub blickt weiß ins Dunkel. /
Meiner Mutter Haar ward nimmer weiß.
 
Löwenzahn, so grün ist die Ukraine. /
Meine blonde Mutter kam nicht heim.
 
Regenwolke, säumst du an den Brunnen? /
Meine leise Mutter weint für alle.
 
Runder Stern, du schlingst die goldne Schleife. /
Meiner Mutter Herz ward wund von Blei.
 
Eichne Tür, wer hob dich aus den Angeln? /
Meine sanfte Mutter kann nicht kommen.

Celans Dichtung ist nicht zuletzt aufgrund seines wohl bekanntesten Gedichtes aus Mohn und Gedächtnis, der »Todesfuge«, als Versuch gedeutet worden, eine Sprache (wieder)zufinden, die angesichts der Grausamkeiten der Shoah einer jeden Dichtung – und gerade der deutschsprachigen – abhanden gekommen war, also in Worte zu fassen, was sich eigentlich der Fassbarkeit entzieht. Obwohl Celans Verse ohne Zweifel auf diese Gräueltaten verweisen und die Shoah insofern auch thematisieren, sind sie nicht affirmativ in einem Sinne, dass sie behaupten oder beanspruchen würden, die Ereignisse konkret abzubilden. Celans »Todesfuge«, die längst Schulbuchlyrik ist, mag in der Tat beschreibend klingen – sie ist es nicht. Vielmehr durchzieht die einzelnen Worte eine Schwere, die sich dem in schlichtem Regelmaß fortschreitenden Metrum im Fortlauf der Verse wie eine abbremsende Last anbindet und so zwar ein Sprechen zulässt, aber nur eines im Modus des anklingenden Verstummens.

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt /
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau /
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr andern spielt weiter zum Tanz /
auf
 
Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts /
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends /
wir trinken und trinken /
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete /
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen
 
Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland /
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die /
Luft /
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Im Nachgang der Schrecken und Grausamkeiten wie überhaupt der Barbarei des Zweiten Weltkriegs, der eigenen Erlebnisse im Arbeitslager und im jüdischen Ghetto war Celan bemüht, sich von seiner deutschen Muttersprache abzulösen und im Rumänischen eine neue sprachliche Heimat zu suchen. Gefunden hat er sie nicht, weder im Rumänischen noch dann im Französischen, wenn Celan letzterem auch gerade durch den 1948 erfolgten Umzug nach Paris, wo er 1970 starb, stets nahe blieb. So erklärt sich dann auch, warum der Großteil seiner literarischen Werke auf deutsch verfasst ist.

Aus der Zeit kurz vor dem Umzug nach Paris datiert auch die erste Begegnung mit Ingeborg Bachmann in Wien. Beide waren im Frühjahr 1948 kurz ein Paar geworden, ihre Wege sollten sich bis zum Schluss häufig kreuzen. Allein auf Kontinuität war ihre immer wieder aufflammende Liebe füreinander, es ließe sich sagen, gerade von Seiten des bindungsscheuen Celan, nicht angelegt. In jedem Fall verdankte Celan nicht zuletzt dem aufopfernden Werben von Bachmann die Einladung zur Gruppe 47. Seine Lesung im Ostseeheilbad Niendorf vom 23. Mai 1952 sollte Celan in weniger guter Erinnerung bleiben. So hätte ein Anwesender zu ihm gesagt: »Die Gedichte, die Sie vorgelesen haben, waren mir sehr unsympathisch. Und dann haben Sie sie auch noch im Tonfall von Goebbels vorgetragen«. Kurze Zeit nach seinem Vorsprechen bei der Gruppe 47 ist die Veröffentlichung von Mohn und Gedächtnis ein Erfolg. Viele Gedichte darin lassen erspüren, dass in und mit ihnen immer auch Ingeborg Bachmann besungen wird. Wir lesen Wortsetzungen voll donnernder Schlichtheit, die in diesen Augenblicken oft ganz fremdartig wirken, weil sie wie dem Alltag entlehnt daherkommen. Sie bilden das Zentrum vieler solcher Verse, um das herum die Erzählpassagen balancierend verteilt stehen. Schlussendlich breitet sich an ihnen eine drängende Forderung gleich einem Wasserlauf an einem steilen Felsen hinab aus, um am Ende in die Tiefen des Schlusspunkts hinabzusinken: 

Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten: /
wir sehen uns an, /
wir sagen uns Dunkles, /
wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis, /
wir schlafen wie Wein in den Muscheln, /
wie das Meer im Blutstrahl des Mondes.

Wir stehen umschlungen im Fenster, sie sehen uns zu von der Straße: /
es ist Zeit, daß man weiß! /
Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt, /
daß der Unrast ein Herz schlägt. /
Es ist Zeit, daß es Zeit wird. /

Es ist Zeit.

 
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