#26 Ernst Jünger: Am Sarazenenturm

#26 Ernst Jünger: Am Sarazenenturm

  Ernst Jünger,   Am  Sarazenenturm     (Frankfurt am Main: Vittorio Klostermann, 1955)    Buch der Woche vom 20.05.2018

Ernst Jünger, Am Sarazenenturm
(Frankfurt am Main: Vittorio Klostermann, 1955)
Buch der Woche vom 20.05.2018

 

Das Jahr 1954 dürfte bei vielen Menschen wohl Gedanken an ein Wunder hervorrufen, das Wunder von Bern. Andere wiederum denken an die von vielen als Katastrophe wahrgenommene Verleihung des Nobelpreises für Literatur an Ernest Miller Hemingway. Gemeinsam ist beiden Ereignissen ihr feierlicher Gestus von Männlichkeit, der uns heute fremd erscheint. Ernst Jünger, diese Jahrhundertgestalt (1895–1998), pflegte diesen Gestus in eigentümlicher Weise. So wie sich Jünger von der Öffentlichkeit abschirmte, ist fraglich, ob er diese Ereignisse überhaupt wahrnahm. Erlebbar wird diese Haltung auch in Jüngers Am Sarazenenturm, obgleich es völlig verfehlt wäre, die reichen Schilderungen der sardinischen Reise im Mai und Juni 1954 nur unter diesem Gesichtspunkt zu lesen. Dafür ist Jüngers Sprache zu sinnlich, zu bildreich, ja, zu aufgeladen. Bei Wein und am Spieß über dem am offenen Feuer gebratenen Lamm treffen hier Männer nach den großen Kriegen in der Natur wieder aufeinander und wir dürfen dabei sein; und uns läuft mit ihnen das Wasser im Munde zusammen, wenn Jünger das Mahl beschreibt:

Inzwischen war das Lamm schön gar geworden, goldgelb in den Beugen und goldbraun auf den Wölbungen. Es gehört zum Besten, was die sardische Küche zu bieten hat; ich mußte es bestätigen. Man zerpflückt es, wie es vom Spieße kommt, mit den Händen und ißt Brot dazu. Schichten von zartestem Fleische und mildem Fett wechseln ab. (68)

Jüngers Blick für das Wesentliche richtet sich stets auf die kleinen Freuden des Lebens: gutes Essen, guter Wein und vor allem die Natur. Und hier schwingt sich Jüngers Sprache von der Beschreibung zu einer Höhe auf, die die kleinen, unscheinbaren Dingen zu transzendieren sucht:

man sitzt beim alten Göttermahle, mit dem keine Kochkunst der Neueren wetteifern kann, und zu dem die Salzwiesen am Meere und die würzigen Bergweiden beitragen. (68)

Oder an anderer Stelle:

Es begann mit dem Vorbeistreichen von zwei ›Sultanshühnern‹ – Sie waren groß, schimmernd blau, die Flügel goldbraun wie Fayencen aus dem maurischen Spanien. Halb laufend, halb fliegend zogen sie an mir vorüber, um in einer alten Pforte zu verschwinden, die eine gezinnte Mauer durchbrach. Die Vögel waren so herrlich, so überirdisch leuchtend, daß ich sogleich ihre Spur aufnahm. (41)

Jäh bricht an diesen Stellen immer wieder der Tod und das Chaos ein, so als könne die Natur ihre Schönheit nur im Einklang mit der Grausamkeit bewahren:

Als ich jedoch die Pforte durchschreiten wollte, hemmte mich der Kadaver eines mächtigen Pfauhahns, der auf dem Rücken lag, die grauen Krallen gekrümmt emporstreckend. Er ruhte auf seiner Schleppe wie auf einem juwelengeschmückten Leichentuch. Schon breitete sich Dunst der Verwesung darum aus. Ich blieb vor ihm stehen, und vor der leeren Pforte; die Einsamkeit war groß. (41–42)

Und auch vom Ende der Zeit der Helden scheint die Natur von den großen Kriegen zu künden, wenn Jünger über die Insel rund um den Sarazenenturm wandert:

Der kleine Friedhof ist durch Mauern geschirmt. Vor ihm ragt ein Zypressenwald auf. Die einzelnen Bäume tragen Täfelchen mit den Namen Gefallener. Ein schöner Gedanke, der Heldenhain. Aber er ist von außen, von Norden her gekommen, aus einem ghibellinischen Aufschwung heraus, und wird sich nicht einwurzeln. Schon fehlen Täfelchen, andere sind am Boden verstreut. Der Baum als Seelenhort und -wohnung, das liegt waldfremden Völkern fern. (23)

Wer heute nach Sardinien reist, wird nur noch wenig von Jüngers Sardinien finden. Die sich globalisierende Welt hinterlässt ihre Spuren. Heute verzichten Menschen zur Erholung auf ihr Smartphone, Jünger suchte noch nach Orten ohne Elektrizität. Vor allem ist es Jüngers Blick, an dem es den meisten von uns ermangeln dürfte. Dieser Blick, der nur einen Augenblick in der Zeit durch die Zeit zu wandern und schließlich das darin Unzeitgemäße zu offenbaren vermag – das ist es, was Am Sarazenenturm zu einem großen Buch macht:

Zur Rechten träumt in der Sonne ein halb verfallenes Gartenhaus. Grüne Eidechsen huschen die rotbraune Mauer hinan. Die übliche Opuntienhecke umschließt den Garten, dessen Bäume sie überragen: ein hellgrünes Labyrinth, in einen grauen Rahmen gefaßt. Limonen- und Orangenblütenduft umwebt ihn, vermischt mit den Aromen von Rosengeranien, Zitronenmelisse und anderen Würzkräutern. Im Innern knarrt ein Wasserrad. Der Ort scheint von der Zeit vergessen; sie muß stille gestanden haben durch die Jahrhunderte. Ich setze mich auf die steinerne Bank am Eingange, um diesen Frieden zu genießen, aber ein kleiner, bissiger Hund schießt aus dem Garten hervor und vertreibt mich durch sein Gebell. (23)
 
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