#25 Andrej Tarkowskij: Die versiegelte Zeit

#25 Andrej Tarkowskij: Die versiegelte Zeit

 
  Andrej Tarkowskij,  Die versiegelte Zeit. Gedanken zur Kunst, zur Ästhetik und Poetik des Films  (Berlin: Alexander Verlag/Ullstein, 2016/1985)  Buch der Woche vom 13.05.2018

Andrej Tarkowskij, Die versiegelte Zeit. Gedanken zur Kunst, zur Ästhetik und Poetik des Films
(Berlin: Alexander Verlag/Ullstein, 2016/1985)

Buch der Woche vom 13.05.2018

Auf einem Motorrad zu sitzen und über die Straßen zu rasen, gilt vielen, vor allem wohl vielen Motorradfahrern, als ein Inbegriff von Freiheit. Einige Motorradfahrer, die in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts im südfranzösischen Cannes pausieren wollten und an einem gewaltig großen Platz anhielten, erlebten Gegenteiliges. Bevor sie zur Pause schreiten konnten, wurden sie von der aus dem Nichts heraneilenden Gendarmerie ermahnt: Motorräder dürfe man hier in Cannes nicht so einfach abstellen. Dieser Platz müsse frei bleiben.
Freiheit steht auch knapp dreißig Jahre später wieder im Mittelpunkt des Lebens in Cannes. Gerade sind Filmfestspiele. Nirgends, so könnte man versucht sein zu meinen, bricht sich die Freiheit der Kunst stärker ihren Bann als hier, an der südfranzösischen Küste. Auf einen, von dem zwar nicht überliefert ist, ob er Motorradfahrer ist, werden morgen Abend (am 14. Mai) trotzdem alle Augen gerichtet sein: Lars von Trier. Der dänische Meisterregisseur, 2011 noch wegen einer sehr missverständlich-ironischen Sympathiebekundigung für Hitler zur persona non grata erklärt worden, darf wieder zum Festival zurückkehren und hat einen neuen Film im Gepäck, dessen Premiere morgen Abend stattfinden wird. Dieser soll hier nicht weiter interessieren – interessant ist aber einer, der ihn beeinflusst hat, ein Werk, das auch er gelesen hat: Die tagebuchartigen Einträge des im Dezember 1986 verstorbenen sowjetischen Regie-Genies Andrej Tarkowskij: Die versiegelte Zeit.
Dessen »Gedanken zur Kunst, zur Ästhetik und Poetik des Films«, wie es im Untertitel heißt, lesen sich wie ein Gespräch von Tarkowskij mit sich selbst – oder wie eines zwischen Tarkowskij und seinem Bewunderer Lars von Trier, welcher ihm 2009 einen seiner Filme widmete. In unverblümter Sprache ist in der Versiegelten Zeit die Rede vom Film als Kunstwerk, dem filmischen Bild als dem Ergebnis von »Bildhauerei aus Zeit«, und nicht zuletzt von der Verantwortung des Künstlers gegenüber seiner Kunst und gegenüber seinem Publikum. Letzterem sollen künstlerisch Tätige mit Anspruch begegnen und es herausfordern, nicht aber möglichst gut unterhalten, wie dies heutzutage im Hinblick auf Popsong-Streaming und Serien-Bingewatching oft suggeriert wird. So heißt es:

Künstler und Publikum konditionieren einander gegenseitig. Bleibt der Künstler sich selbst treu und unabhängig von alltäglichen Werturteilen, dann schafft und hebt er selbst das Rezeptionsniveau seines Publikums. Und wachsendes gesellschaftliches Bewußtsein akkumuliert dann seinerseits jene gesellschaftliche Energie, die wiederum eine Geburt neuer Künstler zur Folge hat. (240)

Wer sich zum ersten Mal einen Film von Tarkowskij ansieht, wird wohl erstaunt sein: da ist viel Ruhe, wenig bis gar keine Dramaturgie. Momentaufnahmen von bestechender Schönheit – man nehme sich nur einmal der Schlussszene im Film »Nostalghia« an, in der man Zeuge der ungewöhnlichen, ergreifend andächtig inszenierten Handlung eines Mannes wird, der, eine brennende Kerze in Händen wiegend, ein stillgelegtes Thermalbecken durchschreiten möchte.
Tarkowskij spricht in seinem Buch über die Bedeutung dieser und anderer Sequenzen. Aber stets macht er deutlich: Die ästhetischen Prinzipien, nach denen ein Filmemacher handelt, kann er auch immer wieder brechen. Wenn es darum geht, was in der Kunst erlaubt ist, an welchen Grundsätzen sie sich zu orientieren hat, kurzum: wie frei sie ist, da werden viele Stimmen laut und aus dem Stimmengewirr heraus eine klare Botschaft zu vernehmen gleicht dem Versuch, einen Kolibri mit bloßen Händen einzufangen. Kaum ist eine ästhetische Regel etabliert, wird sie schon wieder umgestoßen und uns entschlüpft, was wir für gesichert hielten: Orientierung. Dieses ständige Wandelspiel zu ertragen, den Eintritt in den Widerspruch mit selbst auferlegten Regeln nicht zu scheuen – dazu will Tarkowskij auffordern. Nicht aber ist dies die Aufgabe nur der künstlerisch Schaffenden. Der Mensch als Einzelner ist angesprochen:

Wir fordern eine Freiheit, die auf Kosten anderer geht, und sind nicht bereit, um eines anderen willen zurückzustecken, da wir hierin eine Beeinträchtigung unserer persönlichen Rechte und Freiheiten sehen. Uns alle charakterisiert heute ein geradezu unglaublicher Egoismus. Doch nicht etwa hierin liegt die Freiheit. Sie bedeutet vielmehr, daß wir endlich lernen müssen, nichts vom Leben oder unseren Mitmenschen, sondern nur von uns selbst etwas zu fordern.

Es ist die Freiheit, mit der eigenen Freiheit zu brechen, von der hier die Rede ist. Sie ist in Tarkowskijs Augen der Ausgangspunkt großer und neuer Kunstwerke, nicht zuletzt der von Tarkowskij selbst. In seinem Todesjahr 1986 hat man dies auch in Cannes so gesehen und ihm für seinen Film »Opfer« den Großen Preis der Jury verliehen, die Auszeichnung für den originellsten Wettbewerbsfilm, beziehungsweise jenen, der den größten Forschergeist aufweist. Ob Lars von Trier morgen Abend (am 14. Mai) bei der Premiere seines neuen Films in Cannes an sein großes Idol denken wird, ist hingegen noch ebenso ungeklärt, wie die Frage, ob Tarkowskij je Motorrad gefahren ist. In Cannes wäre er darauf jedenfalls nicht weit gekommen. So frei war selbst Tarkowskij nicht.  

 
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