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#24 Chantal Jaquet: Zwischen den Klassen

#24 Chantal Jaquet: Zwischen den Klassen

 
  Chantal Jaquet,  Zwischen den Klassen. Über die Nicht-Reproduktion sozialer Macht  (Göttingen: Konstanz University Press, 2018)   Buch der Woche vom 06.05.2018

Chantal Jaquet, Zwischen den Klassen. Über die Nicht-Reproduktion sozialer Macht
(Göttingen: Konstanz University Press, 2018)

Buch der Woche vom 06.05.2018

Ein neuer Geist geht um in den sozialen Wissenschaften, die in der Gesellschaft nicht nur ihren Gegenstand, sondern auch ihre Bestimmung sehen. Die sie nicht nur verstehen, sondern verändern wollen. Dazu gehört schon rein historisch niemand so sehr wie Karl Marx, dessen 200. Geburtstag wir gerade begehen. Doch in den letzten Jahren sind es nicht die ausdrücklich marxistischen Autoren, die an unserem Gesellschaftsbild rütteln, sondern einstige Randgestalten des Wissenschaftsbetriebs wie Didier Eribon, dem es – in mancher Augen als Erstem seit langem – mit seiner Rückkehr nach Reims (2016) gelang, unbequemen Gedanken eine literarische Suggestion zu geben, Sozialtheorie so zu schreiben, dass sie sich lesen lässt wie ein Roman. Wer heute wissenschaftliche Prosa betreibt, bewegt sich auf seiner Spur. Und es ist dieses neue Genre einer narrativen Sozialwissenschaft, das wohl auch Chantal Jaquet im Sinn hatte, als sich die eigentliche Spinoza-Spezialistin entschloss, ihrerseits zu erforschen, was die sozialen Mächte aussetzen und die Einzelnen aus ihrer Klasse ausbrechen und den Aufstieg wagen lässt.

Der Rückgriff auf Rückkehr nach Reims ist im Blick auf dieses Buch mehr als eine Anekdote innerhalb einer weitaus komplexeren Konstellation von Wissenschaftsliteratur zu diesem Thema. Nicht nur lassen sich im Spiegel seiner Bücher die Leistungen seiner Konkurrenz ablesen. Sie sind auch der Ausgangspunkt einer unerlösten Sehnsucht nach einer Aufklärung der Gründe, warum es den subalternen Menschen, dem so genannten Bodensatz der Gesellschaft, nicht gelingt, ihre Klassengrenzen zu sprengen und ihr Glück oberhalb der gläsernen Decke zu machen. Diesen Gründen geht auch Jaquet nach und wie es zunächst scheint auf ganz ähnliche Weise. Ihr geht es um die Momente, die die Reproduktion von Gesellschaft samt ihrer Ungleichheiten hemmen, es also möglich machen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt und eine Einzelne einen anderen als den vorgezeichneten Weg einschlägt. Es geht ihr um Nicht-Reproduktion. Anders jedoch als in den autobiografischen Büchern Eribons, die in ihm selbst ihren ersten Protagonisten hatten, klammert Jaquet ihre eigene Geschichte weitgehend aus. Stattdessen stehen literarische Paradebeispiele im Mittelpunkt, die zeigen sollen, wie schwer beziehungsweise wie unmöglich der Übergang von der einen in die andere Klasse ist. Der Schlüsselbegriff ist hier der transclasse, zu deutsch der »Klassenübergänger«, der in diesem Übergang meistens bis an das eigene Lebensende zwischen den Klassen gefangen bleibt. So schwanken all diese Geschichten zwischen Befreiung und Resignation, dem Stolz es geschafft und der Scham es überhaupt getan, gegen das eigene Schicksal aufbegehrt, zu haben.

Zuerst hatte er »Hausfrau« hingeschrieben, während Pierre »Postangestellte« geschrieben hatte. Aber Pierre erläuterte ihm, Hausfrau sei kein Beruf, sondern meine eine Frau, die das Haus verwahrt und ihren Haushalt macht. »Nein«, sagte Jacques, »sie macht den der anderen und vor allem den des Kurzwarenhändlers gegenüber.« – »Tja«, sagte Pierre zögernd, »ich glaube, du mußt Hausbedienstete [domestique] hinschreiben.« Dieser Gedanke war Jacques aus dem einfachen Grund, daß bei ihnen zu Hause niemand das Gefühl hatte, sie arbeite für die anderen, denn sie arbeitete hauptsächlich für ihre Kinder. Jacques begann das Wort zu schreiben, hielt inne und lernte auf einen Schlag die Scham kennen und die Scham, sich geschämt zu haben. (aus: Albert Camus, Der erste Mensch)

Es ist nicht die Auswahl der literarischen Fälle, die auf positive Weise den Leser stutzig machen, sondern deren innovative Verkettung zu brauchbaren Argumenten. Statt mit Bourdieu erklärt Jaquet die soziale Konstitution des Menschen mit dem frühneuzeitlichen Philosophen Baruch de Spinoza. Nicht ein den Menschen von der Gesellschaft übergestülpter starrer Habitus entscheidet über die Aufstiegschancen, sondern ihre complexion, das Einwirken äußerer Kräfte und der Umgang mit innerlichen Affekten (Scham, Stolz, Liebe, Angst usw.), die letztlich ein Gewebe bilden, an dem wir alle, und jeder auf seine Weise, mitarbeiten. Die complexion ist sprachgeschichtlich die Haut, die zwischen einem Innen und einem Außen liegt; sie ist somit vorstellbar als die Kontextur einer singulären Identität, das spezifisch aufgeprägte Profil des Einzelnen. An ihr zeichnet sich der individuelle Kampf mit den »feinen Unterschieden« (Bourdieu) ab, den Kleinigkeiten, die über die eigene und fremde Anerkennung in der angestrebten Klasse entscheiden. Wem es gelingt, diese Kräfte in sich aufzunehmen, die Adversität in ein persönliches Potential umzuwandeln, für den ist das Passieren der Klassengrenze greifbar, wenn auch der völlige Eintritt in die andere Klasse aussichtslos ist.
Denn was jedes der Beispiele deutlich macht, sind die Kosten und der Preis, den eine solche Befreiungsaktion hat. Klassenübergänger sind keine Gewinner. Was sie interessant für uns und die Wissenschaft macht, ist, dass sich an ihrer Geschichte ablesen lässt, was geschehen muss, um die Klassenschranken anzuheben.

Der Klassenübergänger läßt sich nur in dieser Übergangsbewegung verstehen, in der er die Erfahrung einer Transidentität und der Auflösung des persönlichen und sozialen Ichs macht. Er gibt seine Klasse auf, »deklassiert sich« auf die Gefahr hin, für immer deplatziert zu bleiben. Er ist out of place, an der Grenze zwischen Innen und Außen [...] Tatsächlich gehorcht die Existenz des Klassenübergängers weniger einer Logik der Ausnahme als einer Logik des Abstands. Die Nicht-Reproduktion des ursprünglichen Sozialmodells hat nichts von einer Anomalie, die ihr einen Sonderstatus verliehe, sei es die Aura des Helden oder die Verbannung des Judas. Sie erscheint also eher als Radikalisierung der Arbeit des Verschiedenen innerhalb des Gleichen, der Bemühung um eine Ablösung, durch die sich ein jeder in seiner singulären Existenz behauptet, indem er sich von den gültigen Modellen und von einer absoluten Mimesis entfernt. Keine Existenz ist pure Reproduktion, denn das Abbild ist niemals das Vorbild; die Kopie verdoppelt und hintergeht es, übersetzt und verrät es. Daher hat alles immer eine Marge, hat Spiel, wie gering es auch sei. (214–15)

Der Klassenübergänger hat demnach eine Signalfunktion. An ihm werden die Push-und Pull-Faktoren einsehbar, die es möglich machten, dass es ein junges Mädchen aus den kargen Savoyen schaffen konnte, ihrem kleinen Dorf Tincave, das nie mit der hochkulturellen Pariser Gesellschaft in Berührung kam, zu entkommen und von der Primarschule bis zur Professur an die Sorbonne zu gelangen. Denn das ist Jaquets eigene Geschichte. Und auch wenn diese nur eine unter vielen in diesem Buch ist, werden die strukturellen Bedingungen des Klassenübergangs nirgends sichtbarer.
Wie schon im Vorwort angezeichnet, ist Aufstieg keine Sache subjektiven Wollens. Es ist aber auch keine Sache, die sich einmal verstanden auf andere anwenden ließe. Die strukturellen Bedingungen für das Passieren der Grenze durch die Einzelne lassen sich mit Mühe angeben, ausweiten aber lassen sie sich mit den Mitteln dieses Buches nicht. Komplexion ist ein Begriff, der es erlaubt, auf ihn all die Kräfte zu projizieren, die einem einzelnen Leben seine Wurzeln ziehen. Eine konkrete Strukturpolitik, die das reale Leben echter Menschen aussichtsreicher macht, lässt sich daraus nicht ableiten. Und so werden manche dieses Buch mit einer neuen Sehnsucht aus der Hand legen, die sich auf diese unbekannten politischen Maßnahmen richtet.

Doch Jaquet lässt keinen Zweifel: Soziale Härten lassen sich auf politischem Wege reduzieren, aber nicht abschaffen. Solange man immer noch schreiben muss, dass das bessere weil sicherere Leben das des angepassten Normalos ist, der möglichst nicht aneckt, kann nicht das bloße »Übergehen« von Klassengrenzen das Ziel sein, sondern ihr Ende. Dieses Buch will damit selbst nichts zu tun haben. Sein Anspruch ist nicht politische Theorie. Gezeigt wird die Möglichkeit von Politik selbst – aus dem Widerstand des Einzelnen gegen die gesellschaftliche Reproduktion. Und so lässt sich dann auch der ein wenig quer zum Rest stehende Schluss verstehen, der auch auf das Geburtstagskind Karl Marx zurückweist, wenn sein Name in dieser Klassenanalyse doch kein einziges Mal vorkommt. All die Beispiele, die gescheiterten und die auf den ersten Blick gelungenen Aufstiegsgeschichten machen letztlich unmissverständlich: Die Gelegenheit zur Revolution ist da, wir müssten sie nur wollen. Aber einfach ist beides nicht.

 
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