#21 Michail Bulgakow: Der Meister und Margarita

#21 Michail Bulgakow: Der Meister und Margarita

 
  Michail Bulgakow,  Der Meister und Margarita   (Berlin: Hermann Luchterhand Verlag, 1968)    Buch der Woche vom 15.04.2018

Michail Bulgakow, Der Meister und Margarita (Berlin: Hermann Luchterhand Verlag, 1968)
Buch der Woche vom 15.04.2018

Abend in Moskau. Zwei Schriftsteller schlendern die Patriarchenteiche entlang. Sie sind ins Gespräch versunken und lassen sich schließlich auf einer Bank nieder. Nichts deutet darauf hin, dass etwas – oder jemand – über die Beiden und die Stadt hereinbricht. Doch schon bald wird ein in dunkelgrauen Stoff gehüllter Unbekannter zu ihnen treten. Der Augenblick, in dem der Unbekannte die Bühne besteigt, ist zugleich derjenige, in dem die große allegorische Erzählung Der Meister und Margarita anhebt. Den beiden Schriftstellern beim anfänglichen Spazieren lesend zuzusehen, bleibt die beruhigendste Sequenz des gesamten Buchs. Was danach kommt, gleicht einem wilden Ritt durch alle Möglich- und Unmöglichkeiten menschlichen Lebens, Liebens und Glaubens in der russischen Gesellschafts- und Lebenswelt der 1930er Jahre.
Zwei Hauptstränge geben der Erzählung ihr Gerüst: die gewaltsam-beunruhigenden, teils skurrilen und komischen Geschehnisse in Moskau nach dem Eintreffen des dunkel bemantelten Unbekannten; und die auf historische Korrektheit hin stilisierte Schilderung des von Schlaflosigkeit und schlechtem Gewissen geplagten Pontius Pilatus am Tage der Kreuzigung Jesu Christi. Verbunden sind beide Hauptstränge in der Figur des Titelhelden, des Meisters, der, im Moskau der erzählten Gegenwart lebend, einen Roman über Pontius Pilatus verfasst.

Der Meister und Margarita ist ein gnadenloses Kunststück, ein Lesetrip ohne Atempause, gedrängt und dahingepeitscht von einer namenlosen Erzählstimme, die – sich immer wieder direkt an den Lesenden wendend – selbst nur ein spaßig-amüsiertes Spiel mit dem Lesenden im Sinn zu haben scheint, bis schlussendlich alle Handlungsstränge gleich reißenden Sturmfluten ineinanderstürzen. Die drängendste Frage ist: War der Unbekannte all den Leuten nun Fluch oder Segen, hat er die Menschenwelt ins Verderben verjagt oder aus ungeahnten Tiefen emporgehievt?
Wozu das alles, bleibt am Ende unklar. Klar hingegen ist der Etikettenschwindel: Der Unbekannte ist nicht wirklich unbekannt. Ihm eilt bereits im Motto des Buchs der mephistophelische Satz voraus: »Nun gut, wer bist du denn? – Ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.«

 
#20 Paul Valéry: Windstriche

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