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#16 Emanuele Coccia: Die Wurzeln der Welt

#16 Emanuele Coccia: Die Wurzeln der Welt

 
  Emanuele Coccia,  Die Wurzeln der Welt  (München: Hanser, 2018).   Buch der Woche vom 11.03.2018

Emanuele Coccia, Die Wurzeln der Welt (München: Hanser, 2018).
Buch der Woche vom 11.03.2018

Wir hören »I can’t help myself«. Ein kleiner, vollbärtiger Mann im Anzug steht lässig in einer Lagerhalle voller Pflanzen. Die Hände hinter dem Rücken schaut er nach oben. Er schiebt sich die große Brille zurecht. Er wartet. Als er die Lagertür vor ihm öffnet, steht dahinter ein Kameramann, mitten im Bild. Klar wird nun: Wir befinden uns kurz vor einem Interview der seit 15 Jahren bestehenden Sendung druckfrisch. Der Mann, der im Folgenden von Denis Scheck interviewt wird, ist Emanuele Coccia. Er ist Professor für Philosophiegeschichte in Paris und sein letztes Buch heißt Die Wurzeln der Welt.
Die Wurzeln der Welt ist mehr als eine Philosophie der Pflanzen, wie es der Untertitel der deutschen Ausgabe zusammenfasst. Es ist der Versuch einen neuen, integralen Blick auf die Pflanzen, die Welt und unser Dasein mit ihnen und in ihr zu eröffnen.
Im ersten Teil führt Coccia uns ganz in Tradition des 20. Jahrhunderts eine abendländische Geschichte der Verdrängung vor. Entweder, so Coccia, seien Pflanzen systematisch aus dem abendländischen Denken verdrängt, oder in den Naturwissenschaften reduktionistisch zerlegt und untersucht worden. Dabei sei es doch die Pflanze, die es uns erst ermöglicht ›Welt‹ zu verstehen: »Die Pflanze lässt sich – sei es physisch oder metaphysisch – von der Welt, die sie beherbergt, nicht trennen. Sie ist die intensivste, die radikalste und paradigmatischste Form des In-der-Welt-Seins. Die Pflanze verkörpert die engste, die elementarste Verbindung, die das Leben zur Welt knüpfen kann.« (S. 18) Doch was ist das eigentümliche Privileg der Pflanze, dass sie zum Erkenntniszugang von Welt überhaupt eignet? Coccia, dessen Sprache an Klarheit seines gleichen sucht und nie ins esoterische abdriftet, wird hier deutlich: Die Pflanzen zeichnen sich durch eine ihnen eigentümlich Zwischenstellung aus. So lebten sie als wahre Amphibien im Boden wie in der Luft, und erzeugten aus Sonnenlicht, Wasser und Kohlenstoff Leben. Leben meint dabei keineswegs nur das ihnen eigene Leben. Vielmehr erzeugen Pflanzen die Atmosphäre und sind damit Bedingung der Möglichkeit von Leben überhaupt.

»Die Pflanzen sind die Ursuppe der Erde, und sie ermöglicht es, dass die Materie Leben werden und das Leben sich zur rohen Materie zurückverwandeln kann. Diese radikale Mischung, die alles an ein und demselben Ort existieren lässt, ohne Formen und Substanzen zu opfern, nennen wir Atmosphäre.« (68)

Auf gerade einmal 152 Seiten führt Coccia uns so durch die Trinität der Pflanze: Blatt, Wurzel und Blüte. Dabei gewährt er nicht bloß Einblicke in die Welt der Natur, sondern auch die Natur der Welt. Neben Einsichten wie der, dass die Erde in ihrer Abhängigkeit zur Sonne, und der Boden in seiner Abhängigkeit zum Himmel erst vollkommen erkannt und wertgeschätzt werden können, steht so am Ende des Buches eine neue Metaphysik, eine Weltdeutung radikaler Immanenz nach der Alles in Allem ist.

»So lassen sich die Pflanze und ihre Struktur viel besser von der Kosmologie her erklären als von der Botanik. Und die Anthropologie kann von der Struktur einer Blüte viel mehr lernen als vom sprachlichen Selbstwissen der menschlichen Sprecher, um die Natur der sogenannten Rationalität zu verstehen. Warum? Weil jede Wahrheit mit jeder anderen Wahrheit in Verbindung steht, genauso wie jedes Ding mit jedem anderen Ding verbunden ist. Diese Verbindung, diese universelle Verschwörung der Ideen, der Wahrheiten und der Dinge, ist im Übrigen das, was wir Welt nennen: was wir durchqueren und was uns durchquert, jederzeit, jedes Mal, wenn wir atmen.« (145–46)

Wenn wir uns also nicht selbst helfen können, brauchen wir uns nicht zu fürchten. Denn da ist immer etwas, das uns helfen wird. Und sei es nur der Anblick der Blüten im Frühling.

 
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