#48 Mascha Kaléko: Mein Lied geht weiter

Was so beeindruckt, ist Kalékos Gabe, im Alltäglichsten, im Kleinsten, das literarisch Anmutige und Große zu entdecken. Es lyrisch aufzudecken für den Leser, der sich zugleich darin, im Kleinen, wiederfindet und von sich selbst, im Großen, entfremdet sieht. Ist das alles nur aufgebauscht?, könnte man fragen, womöglich ein Hineindichten von großen Lebensthemen in alltägliche Ereignisse, die damit wenig zu tun haben? Nicht, was es scheint also, ein Zaubertrick?

#47 Chris Kraus: I Love Dick

Sie empfindet sich als der uninteressante Anhang ihres weitaus interessanteren Mannes, der an der Columbia-Universität in New York eine Professur für Literaturwissenschaft innehat. Sie kann sich nur auf engem Raum künstlerisch entfalten, das heißt: sie kann sich nicht künstlerisch entfalten. »Es ist nicht mein Fehler!«, sagt Sylvère zwar richtig; aber es ist auch nicht, schon gar nicht, ihrer. Die Beziehung ist unmöglich (geworden). Sie stehen vor dem Abgrund der Aporie.

#46 Aleida Assmann: Im Dickicht der Zeichen

Assmanns Plädoyer für Solidarität ist dann am stärksten, wenn es nicht im politischen Raum stattfindet. Aleida Assmanns Heimatraum ist nicht der politische, sondern ein viele Jahrtausende umspannender Kulturkosmos, den sie sich im Laufe ihrer Studien- und Forschungsjahre als Professorin erarbeitet hat. Äußert sich Assmann also außerhalb des politischen Kontextes, verweigert sie nicht etwa die Debatte, sondern bereichert sie. Assmann tut dies mit der vorliegenden Sammlung von Aufsätzen und Arbeiten aus ihrem Forscherleben.

#45 Alexander Kluge und Ben Lerner: Schnee über Venedig

Lerner, ein 39-Jähriger, der von Kluge geprägt ist, ohne dass dieser davon weiß, veröffentlicht 2004 mit Die Lichtenbergfiguren seinen ersten Lyrikband. Mehr als ein Jahrzehnt später entdeckt Lerner zufällig einen elektronischen Brief in seinem Spam-Ordner. Er kam von Alexander Kluge. Der hatte seine Gedichte in der deutschen Übersetzung gelesen und ihm daraufhin eine Sammlung von Geschichten gesandt, die von einzelnen Zeilen Lerners inspiriert waren. Der Gruß eines Schriftstellers an einen Schriftsteller. Es ist »eine Menge Zufall erforderlich für eine Kooperation«, sagt Kluge.

#44 Marcel Beyer: Das blindgeweinte Jahrhundert

Beyer ist ein Trauerredner und dieses Buch der Geleitbrief, eine späte Kondolenz. Der Versuch, die Geschichte anhand der in ihr vergossenen Tränen zu erzählen, ist keine Rezitation in nuce. Sie ist kein Ausdruck seines Interesses, die Ereignisse auf ein einziges in einer Nussschale zusammenzustauchen, sondern ganz anders in lacrima – nicht in Worten, aber Tränen – die Stimmung eines Jahrhunderts zu spiegeln.

#43 Truman Capote: Wo die Welt anfängt

Die teilweise nur fünfseitigen Episoden beeindrucken mit Witz, poetischem Ausdruckswillen und herrlichen Schlusswendungen, die manchmal überraschendste Enthüllungen bedeuten. Capotes frühe stilistische Brillanz ist eine Überraschung freilich nicht. Eher die Bestätigung einer Vermutung, die jeder einmal zu hegen beginnt, sobald er Truman Capote liest.

#42 Christian Kracht: Faserland

Kaum ist er an einem Ort angekommen, zieht es ihn weiter. Immer weiter. Rast kennt er nicht, Halt kennt er nicht. Unter seinem Blick beginnt das Land zu zerbröckeln, bis nicht mehr viel von ihm übrig ist. Natürlich ist das keine Kaffeefahrt. Faserland ist die Geschichte einer Flucht, in der alles verschlungen wird. Erst er, der namenlos Hetzende und mit ihm, die Lesenden. Der Text hat sie sich einverleibt. Er wird auch vor ihnen nicht Halt machen.

#41 Jean Cocteau: Thomas der Schwindler

Ein Lügner lügt planvoll; der Schwindler schwindelt von ganzem Herzen. Deswegen verwechselt er die Wirklichkeit mit seinem Phantasma, deswegen vertraut er seiner eigenen Narration und bewegt sich darin mit somnambuler Sicherheit. Nicht aus der Notwendigkeit, die sich aus der Strategie ergibt, sondern aus der Leidenschaft des Herzens. Wer in die Lüge verliebt ist, ist kein Lügner. Er ist ein Schwindler.

#40 Jörg Baberowski: Räume der Gewalt

Es wäre einfacher, ja erträglicher, das Buch schnell durchzulesen, um es nicht immer wieder aufschlagen zu müssen, doch wir würden das Beschriebene in seiner Ernsthaftigkeit dann nicht nachvollziehen können. Zu einem adäquaten Verständnis von Gewalttaten bedarf es eines anderen Blicks. Dieser Blick übersteigt notwendig den Einzelnen, doch entlässt ihn nicht aus seiner Verantwortung.

#39 Françoise Sagan: Bonjour Tristesse

Im Stile der großen französischen Liebesromane sieht Sagan schließlich eine tragische Schlusswendung für ihre Erzählung vor. Tragisch auch deshalb, weil ihr selbst ebenso wie einer der Hauptfiguren im Roman eine Autofahrt zum Verhängnis werden sollte. Mit gerade knapp 22 Jahren war Sagan in einen schweren Unfall verwickelt. Im Krankenhaus mit starken Schmerzmitteln behandelt worden, entwickelte sie von ihnen eine Abhängigkeit, die sie ihr Leben lang, mal stärker, mal schwächer, begleitet. Ebenso wenig, diesmal zum Glück, löste sich Sagan vom Schreiben. Knapp 50 Romane und Bühnenstücke konzipierte die Französin, bevor sie 2004 im Alter von 69 Jahren verstarb.

#38 Maurice Blanchot: Warten Vergessen

Dieses Buch ist unerträglich. Es ist eine Geschichte unwirklicher Präsenz. Die eine Anwesenheit, eine Liebe, bedeuten kann, die immer möglich ist, die auszuhalten wir aber nicht imstande sein werden. So surren die Parataxen, sie ädern ins Unverständliche, haben die Stimme in ihrer alltäglichen Kenntlichkeit gebrochen.

#37 Carolin Emcke: Wie wir begehren

Wenige verbieten heute noch das Lesbischsein und doch gibt es ein Tabu, das von seiner einstigen Rechtsgestalt aus nach Innen gewandert ist. Emcke liebte Frauen anfangs nicht darum nicht, »weil ich es für falsch oder pervers hielt«. Das Tabu war ihr innerlich. Das Begehren wurde verschluckt und verschoben. Nichts war ausprobiert, nichts geschmeckt, nichts gespürt. Denn alles war von vornherein verworfen.

#36 Bruno Latour: Das terrestrische Manifest

Zu Beginn seiner Überlegungen entwirft Latour angesichts des Brexits, der Wahl Donald Trumps und des Erstarkens reaktionärer Bewegungen in Europa ein schematisches Grundtableau, das einen illustrativen Erklärungsansatz für diese Phänomene liefern soll. Die etablierte politische Unterscheidung von links und rechts verwerfend, konstatiert Latour, dass die tatsächliche politische Demarkationslinie der Moderne im Umgang mit dem Fortschritt vom Attraktor des »Lokalen« zum Attraktor des »Globalen« auszumachen sei.

#35 Senthuran Varatharajah: Vor der Zunahme der Zeichen

Dieses Buch ist das lyrische Phantasma trockener und hoch-komplizierter Theorie, ein Anerzählen der rätselhaften Verquickung von Sinn und Bedeutung. Senthil Vasuthevan (SV) und Valmira Surroi (VS) spiegeln einander in ihren Initialen. Sie spiegeln einander und heben einander auf, sehen sich selbst in dem anderen und den anderen als sich selbst, geflüchtet ins Reich der Zeichen.

#34 Albert Camus: Der Fremde

In seiner als »zärtlich« empfundenen Zuwendung zur Welt gelingt Meursault die Überbrückung des finsteren Abgrunds der Gleichgültigkeit, den zuzuschütten er und auch sonst niemand im Stande ist. Obwohl alle anderen Menschen diese Lage mit Meursault teilen, führen deren Wege anders über den Abgrund als der seine. Zu einem Schulterschluss kommt es daher nicht. Meursault bleibt den Menschen fremd.

#33 Mercè Rodoreda: Der Garten über dem Meer

Und während die Menschen mit den Jahreszeiten kommen und gehen, Lieben aufflammen und erlöschen, die Gesichter trübe werden und für immer verschwinden, sieht der gealterte Gärtner diese kleine Welt kniend von seinen Rosenbeten aus, ist der Immeranwesende, die einzige Konstante zu einer unwirklichen Zeit.

#32 Jörg Fauser: Rohstoff

Rohstoff ist eine Meta-Erzählung über das Schreiben Fausers. Sie erzählt von den Zwängen und Widersprüchen der Kulturindustrie, die Fauser so unromantisch und schonungslos persifliert, wie er selbst gerne sein Handwerk beschrieb: Schreiben war sein Business.

#30 Volker Weidermann: Lichtjahre

Die Leserinnen verbleiben am Ende von Lichtjahre somit nicht orientierungslos. Sie sind nun aufgefordert, sich selbst noch einmal oder zum ersten Mal auf die Reise durch die deutsche Literatur nach 1945 zu begeben, denn zur Orientierung reicht niemals nur eine Karte, ein Navigationsgerät – und auch nicht ein Buch.

#29 Paul Celan: Mohn und Gedächtnis

Celans »Todesfuge«, die längst Schulbuchlyrik ist, mag in der Tat beschreibend klingen – sie ist es nicht. Vielmehr durchzieht die einzelnen Worte eine Schwere, die sich wie eine abbremsende Last anbindet und so zwar ein Sprechen zulässt, aber nur eines im Modus des anklingenden Verstummens.