Sentimenthek

Eine Bibliothek ist ihrem Begriff nach eine sachliche Angelegenheit. In ihr sind bloß: Bücher. Was sich damit nicht ausgedrückt findet, ist, dass Bücher etwas wollen von uns und wir etwas von ihnen. In einer Bibliothek sind sie, als Material, nicht bedeutungsvoll für uns. Erst in einer Sentimenthek, also ›dort‹, wo wir ein sentimentales Verhältnis zu ihnen aufbauen, indem wir die Einfälle, Geschichten und Überraschungen kennenlernen, die darin ihr Zuhause haben, erst dort wird ein Buch für uns wesentlich. Überall gibt es solche Bücher. Jeder Leser hat seine eigenen und manchmal haben wir ein gemeinsames. Jede Woche, am Sonntag um 18 Uhr, widmen wir uns hier einem dieser Bücher.

Rezensiert

Joshua CohenMoving Kings (New York: Random House, 2017).
Simon Strauss, Sieben Nächte (Berlin: Blumenbar, 2017).
Jürgen Kaube, Die Anfänge von allem (Hamburg: Rowohlt, 2017)
Kamel DaoudDer Fall Mersault. Eine Gegendarstellung (Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2016)
Mathias ÉnardKompass (München: Hanser, 2016)
W. G. Sebald, Austerlitz (München: Hanser, 2001)
Christopher Hitchens, Letters To A Young Contrarian (New York: Basic Books, 2001)
Gloria Anzaldúa, Borderlands/La Frontera: The New Mestiza (San Fransisco: Aunt Lute Books, 1987).
Wolfgang Herrndorf, Bilder Deiner Großen Liebe: Ein Unvollendeter Roman (Berlin: Rowohlt, 2014).
Claudio Magris, Ein Nilpferd in Lund: Reisebilder (München: Hanser, 2009).
Michael Fehr, Glanz und Schatten: Erzählungen (Luzern: Der Gesunde Menschenversand, 2017).


 Joshua Cohen,  Moving   Kings  (New York: Random House, 2017).

Joshua Cohen, Moving Kings (New York: Random House, 2017).

Geniezuschreibungen kursieren bereits, wo noch keine Seite gewendet ist. Nützlich sind sie selten. Und doch ließe sich in diesem Fall nicht sagen, die Rezensionen seien sorglos und müssten daher fehlgehen, denn Joshua Cohen ist längst das helle Dur der amerikanischen Schriftstellerszene, die hierzulande allen Anlässen zum Trotz immer noch nicht weniger unsichtbar ist, als die Nachfolger von Handke & Co. dort. Cohen ist eine Ausnahme. Und er schreibt, dass manch einer glaubt, der Grat zwischen »great« und »greatest« sei in seinem Fall schmal genug, um ihn an dem jungen James Joyce zu messen. Kürzlich erschien sein Book of Numbers (2015) auf Deutsch und Christian Kracht sah sich genötigt, den Genietitel quasi offiziell zu bestätigen. Doch während der Großteil des deutschen Publikums Cohen zum ersten Mal liest, ist dieser mit Moving Kings bereits zwei Jahre weiter und beweist abermals, dass Prosa »amusing« sein kann, ohne ihre kritischen Obertöne einzubüßen.
So erzählt Cohen in unterschiedlichen Abspulgeschwindigkeiten das Leben von David King, der König der New Yorker Umzugsdienstleister ist und, wie sich zeigt, nach dem David benannt ist, der ebenfalls Jude und König war. Während der großen Pleite von 2008 kommt David mit dem Austreiben der Schuldner aus ihren Häusern und dem anschließenden Aufbewahren ihrer Kisten und Habseligkeiten kaum hinterher. Mit ihm begegnen wir den allzumenschlichen Abgründen einer New Yorker Gesellschaft, der mit den verschüttgegangenen Umzugskartons anscheinend auch ihr moralisches Geländer abhandengekommen ist. Dabei beweist Cohen eine Idiomatik, die zeigt, dass Alltag dann ist, wenn sich die Dinge wie eigenständig entleeren. In einem Moment der Schwäche nimmt David seinen Cousin Yoav bei sich auf, der gerade seine Pflichtjahre in der israelischen Armee abgeleistet hat (nutzlos bis er gebraucht wurde) und nun wie viele dieser jungen Israelis die Ruhe der »holidays«, der heiligen Tage danach sucht. »Who would have guessed that the enemy had been training him for moving?« Im Räumen gesichtsloser Büroräume durch Yoav, der schnell fester Bestandteil von Davids Crew wird, reinszeniert Cohen die Kriegsbilder der Besatzung im gelobten Land. Das kann durchaus schiefgehen. Doch von der Mitte des Buches an ist Moving Kings eine brillante Parabel, die das Leben der Palästinenser und die gefühlte Enteignung der ärmeren Hälfte der US-amerikanischen Gesellschaft als zwei Geschichten einer Besatzung schreibt. Was ist schon der Unterschied zwischen denen, die verloren haben, was nie wirklich ihnen gehört hat und den finanziell Diskreditierten? Beide Seiten sehen im Juden Yoav ihr Schicksal, beide zeigen sich widerständig bis zum Schluss. Wem muss unser Mitgefühl gelten? Cohen ist zu klug, um uns die Seitenwahl leicht zu machen. Moving Kings ist kein politisierender Kitsch. Nichts wird einfacher durch sein Buch, doch manches erhellt. (Holm-Uwe Burgemann)


 Simon Strauss,  Sieben Nächte  (Berlin: Blumenbar, 2017).

Simon Strauss, Sieben Nächte (Berlin: Blumenbar, 2017).

Es ist Nacht. Ein junger Mann namens S sitzt am Schreibtisch, leere Blätter Papier vor sich ausgebreitet und bereit zur Niederschrift. Das klingt nach einem Anfang. Doch einen solchen sucht man in Simon Strauss' knapp 140 Seiten umfassendem Buch vergebens. Es gibt keinen – nicht einmal am Ende. Und eigentlich gibt es auch kein Ende. Die Erzählung setzt ein und aus mit Passagen, die sprechende Titel tragen: »Vor dem Anfang« und »Vor dem Ende«, heißt es da. Wir befinden uns in einem Zwischenraum, im Schutzraum der Nacht. Dem Angebot eines mysteriösen Fremden folgend soll S in sieben Nächten sieben Todsünden begehen, um seine Angst zu bändigen, sein Leben zu verbringen ohne es gelebt, ohne gekämpft, widersprochen und ohne Fehler gemacht zu haben.
Sieben Nächte löste im deutschsprachigen Feuilleton nach erster euphorischer Aufnahme Wellen der Entrüstung aus. Man warf ihm vor, einen gefühlstriefenden Gemeinschaftskult heraufzubeschwören und darüberhinaus genuin faschistisches Gedankengut zu artikulieren. Darauf kann nur kommen, wer das gedruckte Wort zuungunsten des ungedruckten überschätzt; wer glaubt, dass der Sinngehalt eines Textes schon allein durch die Auflistung seiner Buchstaben und Satzzeichen ausreichend erschlossen sei. Von der ins Visier der Kritik genommenen »Schicksalsgemeinschaft« wird durchaus in Sehnsucht gesprochen, alle Erfüllungsversuche aber schlagen fehl. In der großen Eindrücklichkeit dieser Fehlschläge verweist Sieben Nächte so wieder auf den Einzelnen, der nur in seiner Vereinzelung lernen kann, ohne stützende fremde Schultern und damit auf eigenen Beinen zu stehen, aus eigener Kraft den Anfang zu schaffen. So sind Anfang und Ende die Sache des Lesers – nicht die des Erzählers, der leicht mit dem Autor verwechselt wird, und auch nicht die einer Schicksalsgemeinschaft.
Wer dem Immergleichen, dem Gewohnten und Gewöhnlichen, entfliehen will, dem sei dieses Werk ans Herz gelegt. Der so sehnsuchtsvoll erwartete Ausbruch aber bleibt dennoch unsicher. Wenn das eigene Leben in Frage gestellt wird, kann ein bloßes Nachfühlen der Reflexionen anderer nicht ausreichen. Auch Hunger lässt sich bekanntlich nicht durch das Verfolgen von Fernsehsendungen stillen, die den Genuss inszenieren. Was von den sieben Nächten mit Strauss’ Protagonisten S bleibt, ist die Gewissheit, dass ein Aufbruch zu neuen Ufern nicht im Lesen fremder Texte, sondern allein im Schreiben des eigenen Lebens bestehen kann. Im Setzen des eigenen ersten Satzes – vielleicht noch in dieser Nacht. (Simon Böhm)


   
  
   Normal 
   0 
   
   
   
   
   false 
   false 
   false 
   
   EN-US 
   JA 
   AR-SA 
   
    
    
    
    
    
    
    
    
    
    
   
   
    
    
    
    
    
    
    
    
    
    
    
    
    
  
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
  
     
 
 /* Style Definitions */
table.MsoNormalTable
	{mso-style-name:"Table Normal";
	mso-tstyle-rowband-size:0;
	mso-tstyle-colband-size:0;
	mso-style-noshow:yes;
	mso-style-priority:99;
	mso-style-parent:"";
	mso-padding-alt:0cm 5.4pt 0cm 5.4pt;
	mso-para-margin:0cm;
	mso-para-margin-bottom:.0001pt;
	mso-pagination:none;
	mso-hyphenate:none;
	text-autospace:ideograph-other;
	font-size:12.0pt;
	font-family:"Times New Roman";
	mso-bidi-font-family:"Arial Unicode MS";
	mso-font-kerning:1.5pt;
	mso-ansi-language:DE;
	mso-fareast-language:ZH-CN;
	mso-bidi-language:HI;}
 
     Jürgen Kaube,  Die Anfänge von allem  (Hamburg: Rowohlt, 2017)   Buch der Woche vom 21.01.2018          

Jürgen Kaube, Die Anfänge von allem (Hamburg: Rowohlt, 2017)
Buch der Woche vom 21.01.2018

 

Am Beginn dieses Buches steht eine These, die zunächst halb im Scherz daherkommt: »Wir sind nicht die Krone der Schöpfung«, schreibt Jürgen Kaube in Die Anfänge von allem, »wir sind einfach nur seltsam«. Ein Gedanke, den der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im Anschluss auf knapp 400 Seiten mit subtilem Humor und durchdringender Klarheit plausibilisiert. Dabei begibt er sich nicht auf die vergebliche Suche nach definitiven Zeitpunkten in der Menschheitsgeschichte, an denen sich so verschiedene Anfänge wie jener des aufrechten Gangs, der Mathematik oder der Monogamie von 0 zu 1 in die Welt setzten, sondern lässt Unwägbarkeiten zu.
Ob sich die Sprache oder das menschliche Gehirn, wie wir es seit gut 300.000 Jahren annehmen, zuerst ausbildete? Keiner weiß es. Und die, die dabei waren, hätten wir wohl auch gar nicht so recht verstanden. Vermutlich, so die aktuelle Forschung, gab es eine Ko-Evolution zwischen einer stetig eiweißreicheren Ernährung und der wachsenden Notwendigkeit, die Jagd aufgrund veränderter Klimabedingungen in Gruppen zu organisieren. Da man sich über immer komplexere Sachverhalte austauschen wollte, stieg der Bedarf an Proteinen, was wiederum zu neuen mentalen Kapazitäten führte. Aminosäuren und Alliterationen, Ballaststoffe und Balladen, Salz und Sonette. Das alles ist eine Geschichte.
Nicht weniger erhellend die Folgen, welche die Erfindung der Schrift laut Kaube für die Komplexität aller folgenden Erzählungen hatte. Homers Odyssee soll ein mündlich überlieferter Gesang gewesen sein? Unmöglich! – meint der Autor. Erst durch eine zuhandene Fixierung wäre eine solche Fülle an Figuren, Motiven und Orten überhaupt denkbar gewesen. (Im wahrsten Sinne des Wortes.)
Doch all den hervorragend eingearbeiteten Fakten zum Trotz, denen man auf der Reise zu den Anfängen von allem begegnet, bleibt das mit Abstand größte Verdienst des Buchs, uns den Blick auf das freizugeben, was wir selbst tatsächlich sind: nämlich einfach seltsam. Gehen Sie morgen einmal aus dem Haus und sehen Sie sich um. Wir sind wahrlich eine eigentümliche Spezies mit unseren Kopfhörern, Berufen und besonders mit dem uns inhärierenden Drang, immer wieder Neues in Angriff zu nehmen, manches zu verwerfen und Gutes zu verfolgen. (Dominik Erhard)
 

 
  Kamel Daoud,  Der Fall Mersault. Eine Gegendarstellung  (Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2016)   Buch der Woche vom 14.01.2018

Kamel Daoud, Der Fall Mersault. Eine Gegendarstellung (Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2016)
Buch der Woche vom 14.01.2018

Ich wollte dieses Buch nicht mögen. Ästhetische Konzepte, die sich in erster Linie als politisch begreifen, scheinen sich nur allzu leicht im Erheben des Zeigefingers zu gefallen. Die Kunst verkommt da schnell zum Zugpferd eines Wagens, der ihren Predigern dazu dient, durch einen anschaulichen Auftritt jenen ihre eigene Meinung als Wahrheit auszugeben, die sowieso schon derselben sind.
Daoud hält jenen, die den von Albert Camus verfassten Klassiker des Existenzialismus, Der Fremde, gelesen und geliebt haben, und sich niemals die Frage nach dem Namen und der Geschichte des erschossenen »Arabers« stellten, einen Spiegel vor. Diese Geschichte, die Geschichte von Moussa, lässt der algerische Schriftsteller Daoud nun von Haroud, dem jüngeren Bruder des Verstorbenen, in der von Wein und Schnaps geschwängerten Atmosphäre einer Bar in Oran erzählen. Dabei tappt er nicht in die offensichtliche Falle, die Geschichte des jüngeren Bruders Haroud oder die der gemeinsamen Mutter zu vergessen. Ganz im Gegenteil: Geschickt erzählt Daoud in seinem Roman die Geschichte einer Sprachermächtigung. »Ja, die Sprache. Die ich lese, in der ich mich hier und heute ausdrücke, ist nicht ihre Sprache.« Denn Sprachen gehören niemandem, genauso wenig wie Kulturen. So erzählt Daoud auch die Geschichte einer Kulturermächtigung. Subtil werden biblische Spuren in arabischen Namen gelegt, die der Leserin die Pointe des Buches schon früh ankündigen.
Der Fall Mersault ist eben auch ein Buch vom Tod, vom Kreislauf der Gewalt, vom ewigen Kampf zwischen Herr und Knecht, zwischen Kolonialherr und den Verdammten dieser Erde (Frantz Fanon). Es ist eine Geschichte des Ausgleichs, der Rache, der allzu menschlich gedachten Gerechtigkeit, die in ihrer Ausweglosigkeit dem trunkenen Gang durch das Spiegelkabinett gleicht. So ist in Daouds Roman am Ende nicht mehr klar, wer hier wem den Spiegel vorhält. Der Blick in den Spiegel offenbart eine schöpferische Kraft, die, eigenmächtig und frei, Poesie ist.
Kamel Daouds Roman weist uns neben dem Ausweg der Liebe noch einen weiteren aus dem Kreislauf der Gewalt: das Erzählen. So ist Der Fall Mersault eben auch die spiegelbildliche Verbeugung vor Camus und seinen Sätzen und der Absurdität des Todes. »Wenn dein Held die Ermordung meines Bruders so gut erzählt, dann konnte er das, weil er auf das Gebiet einer völlig unbekannten Sprache vorgedrungen war, die viel mächtiger und so überwältigend ist, weil sie gnadenlos den Stein der Worte schleift, so schnörkellos wie die euklidische Geometrie. Ich glaube es ist ganz großer Stil, mit so strenger Präzision von dem zu sprechen, was dir die letzten Momente deines Lebens auferlegen. Stell dir einen sterbenden Mann und seine letzten Worte vor. Das ist das Genie deines Helden: die Welt so zu beschreiben, als ob er jeden Moment sterben würde, so, als müsste er jedes Wort auswählen und dabei auch noch möglichst wenig atmen. Er ist ein Asket.« (Moritz Junge)
 

 
  Mathias Énard,  Kompass  (München: Hanser, 2016)   Buch der Woche vom 27.08.2017

Mathias Énard, Kompass (München: Hanser, 2016)
Buch der Woche vom 27.08.2017

Aus Énards Dankesrede, die er zur Verleihung des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung hält, stammt die abgründige Metapher: »Es scheint so, als hätten die politischen Kommentatoren dieser Tage vergessen, wer Europa war. Und was Europa bedeutet. Europa war eine libanesische Prinzessin, die an einem Strand bei Sidon von einem Gott des Nordens entführt wurde, der sie begehrte: Zeus. […] Europa ist eine illegale Einwanderin, eine Ausländerin, eine Kriegsbeute.«
Mit diesem nuancierenden, zeitkritischen Blick schreibt Énard auch seinen Kompass. Er will nicht zeigen, was der Orient und was der Okzident »sind«, sondern wo die Schnittmengen liegen, wie sich der Orient in der europäischen Kultur vermittelt hat und noch immer vermittelt (»Ganz Europa ist im Orient. Alles ist kosmopolitisch«). Er will also Nähe herstellen zwischen den beiden Welten, die so viel miteinander gemein haben. Deshalb schreibt er von Liszt in Istanbul, von Goethes Divan, von der klanglichen Schönheit der schlichten Wüste in Le Désert von Félicien David. Der Roman ist dadurch, man spürt es schon, ein intellektuelles Schwergewicht, das den Leser leicht erschöpft. Genauso wie der Protagonist, der Musikwissenschaftler Franz Ritter, so erschöpft ist von seinem Leben und der Tatsache, dass er nicht schlafen kann. Das Buch ereignet sich dann in dieser ermattenden, immer länger werdenden Nacht, in der Franz Ritter, neben seiner sentimentalen Liebe für den Orient, von einer Liebesgeschichte erzählt. So ist, wer bis an das Ende dieses Buches gelangt ist, erhellt und ergriffen. Die Liebesgeschichte von Franz und Sara erinnert an die von Paul (Celan) und Ingeborg (Bachmann), die vor allem schriftlich ist. Verbrieft. Beide sehen sich nacheinander und stoßen sich voneinander ab; wollen zusammengehören und trennen sich voneinander; inspirieren einander und sind doch die großen Teile ihres Lebens nur im Schweigen verbunden. Und wäre das nicht auch eine Allegorie für das Verhältnis von Orient und Okzident? (Konstantin Schönfelder)
 

 
  W. G. Sebald,  Austerlitz  (München: Hanser, 2001).   Buch der Woche vom 12.08.2017

W. G. Sebald, Austerlitz (München: Hanser, 2001).
Buch der Woche vom 12.08.2017

Ein Blick auf dieses Buch müsste, wollte man ihm gerecht werden, mit einer Auslassung all dessen beginnen, was nach den ersten Seiten steht, denn sein »belgischer« Anfang birgt ein schweres Geheimnis, das zu lüften schnell einer unschicklichen Replik gleichkommt. So bleibt man, möchte man über Austerlitz’ Geschichte sprechen, dem Zwischenzeiligen verhaftet. Umliest, so wie Sebald gerne schrieb, ›elliptisch‹ die Frage, was es bedeutet, aus dem Rucksack zu leben. Denn Austerlitz ist die Geschichte eines Heimatlosen. Es ist die Geschichte der nicht mehr und nie wieder Heimischen in einer Welt nach dem »großen Unglück«, der Shoah. Auch wenn unsere Begegnung mit Austerlitz im Antwerpen der 60er Jahre beginnt, reicht Sebalds Erzählung weiter zurück. Durch die Augen eines mehr und mehr Freundes, der der Protagonist ist, breitet er behutsam die brüchigen Sedimente eines Mannes aus, der in den Kriegswirren als jüdisches Kind aus der Tschechoslowakei nach England kam, Englishman wurde und seinen Lebensausblick scheinbar gemeinsam mit seiner Erinnerung verlor.
Unter dem Eindruck der BBC-Produktion »Whatever Happened to Susi« (1991), die sich der Suche der Kinder aus den Kindertransporten nach ihrer Herkunft widmet, hat Sebald ein Buch geschrieben, dessen Geschichte sich liest wie ein nicht enden wollender Herbst. Austerlitz ist nicht nur ein historischer Roman, weil seine Substanz die Geschichte selbst ist, sondern weil sich alles in ihm retrospektiv ereignet. Erst langsam erinnert sich Austerlitz gemeinsam mit uns, was bis dahin nur eine einsame Vorvergangenheit war. Je mehr wir mit ihm zu den Orten seines Anfangs vordringen, desto weiter gehen wir in seinen Erinnerungen zurück. Wir lesen vom Schicksal seiner Mutter, die in der Maschinerie der totalen Vernichtung zerrieben wurde und trotzdem bis zuletzt hoffen konnte (nur noch einmal im Park gehen wie zu besseren Zeiten). Wir lesen von Austerlitz’ Reise nach Deutschland, in dieses unverstandene Land, das zu kennen nur Schmerz bereitet. Und spät beginnen wir zu begreifen, dass die Struktur dieses Buches der Abdruck unzähliger haltloser Lebens ist. Die Absätze sind verlorengegangen wie die der Schuhe, die zu viel ertragen mussten, die Sätze strecken sich über ermüdend viele Zeilen, die wie zufällig dazwischenstehenden, zu oft betrachteten Fotografien sind längst vergilbt. Wie Austerlitz musste auch mein Großvater gehen, der Faden zur Heimat riss ab und die kommenden Jahre wurden blass. Lange lebte er aus seinem ledernen Koffer, der anfangs noch bis oben hin mit erhärteten Lebkuchen gefüllt war. Es waren die Jahre »danach« und jeder Ankömmling schürte, wohin er auch ging, den Hunger der Anderen. Die Heimat Austerlitz’ und die meines Großvaters gingen verloren, ein Rucksack und ein lederner Koffer blieben. (Holm-Uwe Burgeman)
 

 
  Christopher Hitchens,  Letters To A Young Contrarian  (New York: Basic Books, 2001).    Buch der Woche vom 29.07.2017

Christopher Hitchens, Letters To A Young Contrarian (New York: Basic Books, 2001).

Buch der Woche vom 29.07.2017

Rilke antwortet in »Briefe an einen jungen Dichter« an den angehenden Poeten Franz Xaver Kappus nur, um zuzugestehen, dass er nicht entscheiden kann, ob der junge Franz das Zeug zum Dichter hat oder nicht. In diesem Tenor wendet sich auch Christopher Hitchens in seinem Brief an die jungen »Contrarians«, angelehnt an Rilkes Briefe. Eine Anleitung zum Widerstand gibt es nicht. Hitchens will eine Denkhaltung etablieren, keine Meinungen. Der britisch-US-amerikanische Intellektuelle schreibt eigentlich keinen Brief. Es ist ein Essay. Es ist ein virtouser und quellenreicher Versuch, jungen Menschen in ihrer Leidenschaftlichkeit zu helfen, aus der sich ein Denken entfalten kann. Dafür installiert Hitchens verschiedene Denkfiguren: Licht entsteht nie ohne ihren Abfall ›Wärme‹, ein interessanter Gedanke kommt also nie ohne Reibungsverluste aus; es ist unerheblich, womit man sich beschäftigt, es zählt, »wie« man es tut. Oder Hitchens bemüht Vaclar Havels as if-principle: Wir müssen so leben, im Beispiel von Rosa Parks, als dürfte eine hart arbeitende dunkelhäutige Frau sich am Ende ihres Arbeitstages in den Bus setzen. Wir müssen so leben, als ob Gerechtigkeit möglich wäre, um sinnvoll Widerstand zu leisten.
Hitchens zu lesen, heißt immer auch seine Lektüren mitzulesen – er zitiert und verweist stets auf seine Autoren und Heldinnen (»to lighten my text and make use of those who can express my thoughts better than I am able to«). Vielleicht ist das Großartige dabei vor allem, dass er immer wieder aus den geistigen Rändern schöpft. Etwa vom ungarischen Schriftsteller George Konrad übernimmt er den klugen Satz, der sich dann wirklich als eine Lebensmaxime eignet: »Have a lived life instead of a career. Put yourself in the safekeeping of good taste. Lived freedom will compensate you for a few losses. . . . If you don’t like the style of others, cultivate your own. Get to know the tricks of reproduction, be a self-publisher even in conversation, and then the joy of working can fill your days.« Ein unerreichter »self-publisher in conversation« war auch Hitchens. Ausgerechnet er, das rhetorische Genie, verstummte zehn Jahre später an Kehlkopfkrebs. (Konstantin Schönfelder)
 

 
  Gloria Anzaldúa,  Borderlands/La Frontera: The New Mestiza  (San Fransisco: Aunt Lute Books, 1987).   Buch der Woche vom 22. Juli 2017

Gloria Anzaldúa, Borderlands/La Frontera: The New Mestiza (San Fransisco: Aunt Lute Books, 1987).
Buch der Woche vom 22. Juli 2017

Eine Grenze ist keine Linie, die wir einfach übertreten. Manche bleiben an ihr hängen und andere müssen in ihr leben. Was das bedeutet, beschreibt Gloria Anzaldúa, deren eigene Geschichte bis heute die Geschichte der Menschen im US-mexikanischen Grenzland ist. Borderlands/La Frontera ist Chicana-Literatur, gewidmet »a todos mexicanos on both sides of the border«.
In Mexiko, so sagt man, entsteht aus Armut Poesie und aus Leid entstehen Lieder. Anzaldúas Buch handelt von ihrer Heimat, ihrer Kindheit im Süden Texas’ und den verwackelten Identitäten, die von der Allmacht eines kolonialistischen Amerikas für immer gezeichnet sind. Lyrisch, autobiografisch und bisweilen auf Spanisch bereitet Anzaldúa den Weg zu einer neuen Mestiza, einer mexikanisch-amerikanischen Kultur, die sich letztlich aus der historischen Unterdrückung befreien wird. Ihre sieben Essays und die über das ganze Buch verstreuten Gedichte beschreiben, wie sich Grenzen in die Psyche der Menschen ausdehnen, die sie bewohnen. Sie handeln vom Widerstand der Unterdrückten an einem Ort, »an dem sich die Dritte Welt an der Ersten reibt und blutet«. Selten habe ich ein Buch gelesen, dass so eindringlich und eindrücklich geschrieben ist wie dieses und vielleicht ist eine solche existenzielle Wucht überhaupt nur möglich, weil wahres Leid zugrunde liegt. So ist Borderlands/La Frontera längst auch eine Ikone der postkolonialen Theorie geworden.
Im Mai 2004 stirbt Gloria Anzaldúa an ihrer Diabetes-Erkrankung. Acht Jahre später und ein Vierteljahrhundert nach seinem ersten Erscheinen, wurde ihr Buch vorsorglich aus den öffentlichen Schulen Arizonas verbannt – zum Schutz von Minderheiten, heißt es. This was her home / this thin edge of / barbwire. (Holm-Uwe Burgemann)
 

 
  Wolfgang Herrndorf,  Bilder Deiner Großen Liebe: Ein Unvollendeter Roman  (Berlin: Rowohlt, 2014).   Buch der Woche vom 15. Juli 2017

Wolfgang Herrndorf, Bilder Deiner Großen Liebe: Ein Unvollendeter Roman (Berlin: Rowohlt, 2014).
Buch der Woche vom 15. Juli 2017

Isa läuft weg. Wovor? Wohin? Die Jugendliche wandert nachts durch Wälder, kommt durch Dörfer, fährt auf einem Containerschiff und in einem LKW mit. Wir erleben mit ihr Momente, Vorher und Nachher spielen dabei keine Rolle. Deshalb könnte man die 33 Szenen im Grunde in beliebiger Reihenfolge lesen. Einige sind landschaftsmalerisch, so poetisch blickt Isa auf die Schönheit der Natur. Andere enthalten Dialoge in salopper Jugendsprache.
Oft sind Isas Schilderungen bizarr, vieles bleibt verschleiert. Hat der Kapitän des Containerschiffs wirklich eine Bank ausgeraubt? Was macht die Frau ohne Gesichtszüge mit ihrer Hand zwischen Isas Schenkeln? Dieses Mädchen, das da barfuss durch Wälder und Wiesen läuft, ist in der Literaturwelt keine Unbekannte. Sie taucht in Wolfgang Herrndorfs Erfolgsroman Tschick auf, als sie den zwei jugendlichen Hauptfiguren auf einer Müllhalde begegnet. Etwa ein Jahr nach der Veröffentlichung von Tschick erwähnte Herrndorf in seinem Blog »Arbeit und Struktur« erstmals die Idee, eine Fortsetzung aus der Perspektive von Isa zu schreiben. Was aus dieser Idee entstanden ist, sind Szenen einer Wanderschaft. Sie sind keine Fortsetzung, sondern bilden etwas geschlossenes Eigenes, das voller Lücken ist. In seinem Testament vom 1. Juli 2013 schreibt Herrndorf: »Keine Fragmente aufbewahren, niemals Fragmente veröffentlichen. Niemals Germanisten ranlassen.« Wenig später zeigte er sich doch bereit, Isas Geschichte zu veröffentlichen. Bilder deiner großen Liebe ist im Herbst 2014 ein Jahr nach dem Tod des Autors erschienen. (Eva Morlang)
 

 
  Claudio Magris,  Ein Nilpferd in Lund: Reisebilder  (München: Hanser, 2009).   Buch der Woche vom 08. Juli 2017

Claudio Magris, Ein Nilpferd in Lund: Reisebilder (München: Hanser, 2009).
Buch der Woche vom 08. Juli 2017

Claudio Magris ist ein Nomade und er ist es nicht. Er ist als renommierter Literaturwissenschaftler in Italien etabliert und zugleich als Triester Kaffeehausliterat ein wahrhaft italienischer Denker. Zugleich ist der Nomade Magris in der Literatur und durch die Literatur immer unterwegs – stets entlang von Gattungsgrenzen, immer entlang sozialer oder natürlicher Grenzen. Für Letztere etwa in seiner berühmt gewordenen Biografie der Donau.
Dass daher seinem Werk die Reiseliteratur wesentlich ist, scheint deshalb nur folgerichtig. In Nilpferd in Lund erinnert er zuweilen an Roger Willemsens Enden der Welt, so wirkungsvoll erhellt sein Intellekt alles, worauf er sich richtet. In dem bei weitem vielseitigsten Essay, seinem Vorwort, schreibt Magris gleich zu Beginn: »Vorworte sind immer verdächtig. Als Schnickschnack, wenn das Buch, das sie einleiten, sie nicht nötig hat, oder als Indiz für seine Unzulänglichkeit«. Gegen beides schreibt Magris an.
Besonders eindrücklich gelingt es ihm auf den zwei Seiten, die mit dem Titel »Der Bücherwurm« überschrieben sind. Dort schildert er, wie sich während des spanischen Bürgerkriegs in den einsturzgefährdeten Sälen der Madrider Nationalbibliothek ein Geflüchteter zwischen den Bücherwänden versteckte. Nur selten tat er sich hervor, »um sich Nahrung zu verschaffen«, und kehrte anschließend wieder in die Bibliothek zurück. Was mag der Mann für ein Verhältnis zu den Büchern entwickelt haben? Waren sie bloß funktional für ihn, weil sie ihn verbargen? Oder wurden sie schließlich essenziell, weil er in der Literatur zu leben verstand?
Diese Fragen stellt Magris, aber er verspricht keine Antwort. Wer Magris liest, ist, wie der Reisende selbst, unterwegs zu einem Geheimnis. (Konstantin Schönfelder)
 

 
  Michael Fehr,  Glanz und Schatten: Erzählungen  (Luzern: Der Gesunde Menschenversand, 2017).   Buch der Woche vom 01. Juli 2017

Michael Fehr, Glanz und Schatten: Erzählungen (Luzern: Der Gesunde Menschenversand, 2017).
Buch der Woche vom 01. Juli 2017

In Fehrs neuem Buch sind 18 Erzählungen versammelt und jede davon hat es in sich. Schon der erste Blick auf die Form verrät: dies ist keine gewöhnliche Prosa. Durch ständige Zeilenbrüche brechen Zeilen wortwörtlich weg, werden zu Versen. Satzzeichen sind Mangelware. Dafür werden die Texte von einer faszinierenden Rhythmik getragen, die bei jedem Mitlesen zum Mitsprechen verleitet. Ganz zufällig kommt diese Besonderheit nicht zustande. Der Schweizer Michael Fehr, Jahrgang 1982, ist seit seiner Geburt sehbehindert, weshalb er seine Schriftstücke nicht niederschreibt – sondern diktiert. Manchmal inszeniert er Texte singend auf der Bühne.
Die Längen der einzelnen Miniatur-Erzählungen variieren, manche nehmen nur eine Seite, andere dagegen knapp 20 ein. Bei allen Miniaturen aber entsteht der Eindruck, es handelt sich um Gedichte. Gedichte, in denen es nur so wimmelt von skurrilen, unheimlichen, märchenhaften Gestalten und nicht zuletzt von morbidem Witz. So etwa, wenn in einem der bekanntesten Stücke erklärt wird, wie man ein Rebhuhn sachgemäß auseinanderzunehmen hat. (Simon Böhm)