#21 Michail Bulgakow: Der Meister und Margarita

Den beiden Schriftstellern beim anfänglichen Spazieren lesend zuzusehen, bleibt die beruhigendste Sequenz des gesamten Buchs. Was danach kommt, gleicht einem wilden Ritt durch alle Möglich- und Unmöglichkeiten menschlichen Lebens, Liebens und Glaubens in der russischen Gesellschafts- und Lebenswelt der 1930er Jahre.

#20 Paul Valéry: Windstriche

Entweder, man nimmt den Autor beim Wort, was mühsam ist und ermüdend. Oder aber, man spaziert durch die Sätze, bleibt stehen, guckt kurz, so wie man im Park stehen bleibt, wenn ein lustiger Schnurrbart vorbeiläuft.

#19 Thomas Bernhard: Der Untergeher

Glück und Unglück beschreibt dieser Roman ganz ausführlich, beschreibt, wie das eine über das andere herfällt, wie ein augenblickliches Glück während eines Spaziergangs das Unglück der Lebenssituation überdecken kann, aber auch, wie umgedreht, sogar das Glück am Spaziergang erdrückt wird von einem existenziellen Unglück.

#18 Robert Seethaler: Ein ganzes Leben

Als Hilfsknecht verdient sich der schweigsame wie fleißige Egger ein Bleiberecht, das für ihn mit brutalen Prügeln verbunden ist. Bevor sein Onkel an ihm neuerliche Prügel an seinem 18. Geburtstag vollstreckt, verlässt er ihn schließlich, und beginnt sein Leben wie ein aus der Welt Gefallener selbst zu gestalten. Er arbeitet und baut, er liebt und verliert, er trauert und beginnt von neuem.

#16 Emanuele Coccia: Die Wurzeln der Welt

Dieses dünne Buch ist mehr als eine Philosophie der Pflanzen, wie es der Untertitel der deutschen Ausgabe zusammenfasst. Es ist der Versuch einen neuen, integralen Blick auf die Pflanzen, die Welt und unser Dasein mit ihnen und in ihr zu eröffnen. 

#15 Axel Hutter: Narrative Ontologie

Das ist kein gewöhnliches Sachbuch, das ich hier vor mir habe. Obwohl der Titel etwas anderes erwarten lassen mag, handelt es sich auch nicht wirklich um ein Buch über Philosophie. Das Buch ist eine Erzählung. Genauer: eine deutende Nacherzählung einer Erzählung über das Erzählen, eine Deutung von Thomas Manns epischer Tetralogie Joseph und seine Brüder, die Neues versucht.

#14 Maxim Biller: Hundert Zeilen Hass

Biller zu hassen ist ein Reflex auf Billers Hass. Billers Hass im Gegensatz ist, genau betrachtet, ein Strategem. Biller kann, was die meisten von uns nicht können: Biller hasst mit Plan – immer gründlicher und immer besser begründet, schöner und ansprechender sowieso.

#12 Victor Hugo: Die Arbeiter des Meeres

Sie klagen uns an, die Bücher, die wir nicht gelesen haben – weil sie auf das verweisen, was wir nicht kennen, sehen, verstehen – weil sie unsere persönliche Habenseite immer zu übertreffen scheinen. Victor Hugo steht in jedem Falle im Inneren jenes mythischen kanonischen Zirkels.

#11 Joshua Cohen: Moving Kings

Geniezuschreibungen kursieren bereits, wo noch keine Seite gewendet ist. Und doch ließe sich in diesem Fall nicht sagen, die Rezensionen seien sorglos und müssten daher fehlgehen, denn Joshua Cohen ist längst das helle Dur der amerikanischen Schriftstellerszene.

#10 Simon Strauss: Sieben Nächte

Es ist Nacht. Ein junger Mann namens S sitzt am Schreibtisch, leere Blätter Papier vor sich ausgebreitet und bereit zur Niederschrift. Das klingt nach einem Anfang. Doch einen solchen sucht man in Simon Strauss' knapp 140 Seiten umfassendem Buch vergebens.

#8 Kamel Daoud: Der Fall Mersault

Daoud hält jenen, die den von Albert Camus verfassten Klassiker des Existenzialismus, Der Fremde, gelesen und geliebt haben, und sich niemals die Frage nach dem Namen und der Geschichte des erschossenen »Arabers« stellten, einen Spiegel vor.

#7 Mathias Énard: Kompass

Aus Énards Dankesrede, die er zur Verleihung des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung hält, stammt die abgründige Metapher: »Es scheint so, als hätten die politischen Kommentatoren dieser Tage vergessen, wer Europa war.«