#38 Maurice Blanchot: Warten Vergessen

Dieses Buch ist unerträglich. Es ist eine Geschichte unwirklicher Präsenz. Die eine Anwesenheit, eine Liebe, bedeuten kann, die immer möglich ist, die auszuhalten wir aber nicht imstande sein werden. So surren die Parataxen, sie ädern ins Unverständliche, haben die Stimme in ihrer alltäglichen Kenntlichkeit gebrochen.

#37 Carolin Emcke: Wie wir begehren

Wenige verbieten heute noch das Lesbischsein und doch gibt es ein Tabu, das von seiner einstigen Rechtsgestalt aus nach Innen gewandert ist. Emcke liebte Frauen anfangs nicht darum nicht, »weil ich es für falsch oder pervers hielt«. Das Tabu war ihr innerlich. Das Begehren wurde verschluckt und verschoben. Nichts war ausprobiert, nichts geschmeckt, nichts gespürt. Denn alles war von vornherein verworfen.

#36 Bruno Latour: Das terrestrische Manifest

Zu Beginn seiner Überlegungen entwirft Latour angesichts des Brexits, der Wahl Donald Trumps und des Erstarkens reaktionärer Bewegungen in Europa ein schematisches Grundtableau, das einen illustrativen Erklärungsansatz für diese Phänomene liefern soll. Die etablierte politische Unterscheidung von links und rechts verwerfend, konstatiert Latour, dass die tatsächliche politische Demarkationslinie der Moderne im Umgang mit dem Fortschritt vom Attraktor des »Lokalen« zum Attraktor des »Globalen« auszumachen sei.

#35 Senthuran Varatharajah: Vor der Zunahme der Zeichen

Dieses Buch ist das lyrische Phantasma trockener und hoch-komplizierter Theorie, ein Anerzählen der rätselhaften Verquickung von Sinn und Bedeutung. Senthil Vasuthevan (SV) und Valmira Surroi (VS) spiegeln einander in ihren Initialen. Sie spiegeln einander und heben einander auf, sehen sich selbst in dem anderen und den anderen als sich selbst, geflüchtet ins Reich der Zeichen.

#34 Albert Camus: Der Fremde

In seiner als »zärtlich« empfundenen Zuwendung zur Welt gelingt Meursault die Überbrückung des finsteren Abgrunds der Gleichgültigkeit, den zuzuschütten er und auch sonst niemand im Stande ist. Obwohl alle anderen Menschen diese Lage mit Meursault teilen, führen deren Wege anders über den Abgrund als der seine. Zu einem Schulterschluss kommt es daher nicht. Meursault bleibt den Menschen fremd.

#33 Mercè Rodoreda: Der Garten über dem Meer

Und während die Menschen mit den Jahreszeiten kommen und gehen, Lieben aufflammen und erlöschen, die Gesichter trübe werden und für immer verschwinden, sieht der gealterte Gärtner diese kleine Welt kniend von seinen Rosenbeten aus, ist der Immeranwesende, die einzige Konstante zu einer unwirklichen Zeit.

#32 Jörg Fauser: Rohstoff

Rohstoff ist eine Meta-Erzählung über das Schreiben Fausers. Sie erzählt von den Zwängen und Widersprüchen der Kulturindustrie, die Fauser so unromantisch und schonungslos persifliert, wie er selbst gerne sein Handwerk beschrieb: Schreiben war sein Business.

#30 Volker Weidermann: Lichtjahre

Die Leserinnen verbleiben am Ende von Lichtjahre somit nicht orientierungslos. Sie sind nun aufgefordert, sich selbst noch einmal oder zum ersten Mal auf die Reise durch die deutsche Literatur nach 1945 zu begeben, denn zur Orientierung reicht niemals nur eine Karte, ein Navigationsgerät – und auch nicht ein Buch.

#29 Paul Celan: Mohn und Gedächtnis

Celans »Todesfuge«, die längst Schulbuchlyrik ist, mag in der Tat beschreibend klingen – sie ist es nicht. Vielmehr durchzieht die einzelnen Worte eine Schwere, die sich wie eine abbremsende Last anbindet und so zwar ein Sprechen zulässt, aber nur eines im Modus des anklingenden Verstummens.

#26 Ernst Jünger: Am Sarazenenturm

Bei Wein und am Spieß über dem am offenen Feuer gebratenen Lamm treffen hier Männer nach den großen Kriegen in der Natur wieder aufeinander und wir dürfen dabei sein; und uns läuft mit ihnen das Wasser im Munde zusammen, wenn Jünger das Mahl beschreibt.

#25 Andrej Tarkowskij: Die versiegelte Zeit

Wer sich zum ersten Mal einen Film von Tarkowskij ansieht, wird wohl erstaunt sein: da ist viel Ruhe, wenig bis gar keine Dramaturgie. Momentaufnahmen von bestechender Schönheit – man nehme sich nur einmal der Schlussszene im Film »Nostalghia« an, in der man Zeuge der ungewöhnlichen, ergreifend andächtig inszenierten Handlung eines Mannes wird, der, eine brennende Kerze in Händen wiegend, ein stillgelegtes Thermalbecken durchschreiten möchte.

#24 Chantal Jaquet: Zwischen den Klassen

Jaquet lässt keinen Zweifel: Soziale Härten lassen sich auf politischem Wege reduzieren, aber nicht abschaffen. Solange man immer noch schreiben muss, dass das bessere weil sicherere Leben das des angepassten Normalos ist, […] kann nicht das bloße »Übergehen« von Klassengrenzen das Ziel sein, sondern ihr Ende. Dieses Buch will damit selbst nichts zu tun haben. Sein Anspruch ist nicht politische Theorie. Gezeigt wird die Möglichkeit von Politik selbst.

#21 Michail Bulgakow: Der Meister und Margarita

Den beiden Schriftstellern beim anfänglichen Spazieren lesend zuzusehen, bleibt die beruhigendste Sequenz des gesamten Buchs. Was danach kommt, gleicht einem wilden Ritt durch alle Möglich- und Unmöglichkeiten menschlichen Lebens, Liebens und Glaubens in der russischen Gesellschafts- und Lebenswelt der 1930er Jahre.

#20 Paul Valéry: Windstriche

Entweder, man nimmt den Autor beim Wort, was mühsam ist und ermüdend. Oder aber, man spaziert durch die Sätze, bleibt stehen, guckt kurz, so wie man im Park stehen bleibt, wenn ein lustiger Schnurrbart vorbeiläuft.

#19 Thomas Bernhard: Der Untergeher

Glück und Unglück beschreibt dieser Roman ganz ausführlich, beschreibt, wie das eine über das andere herfällt, wie ein augenblickliches Glück während eines Spaziergangs das Unglück der Lebenssituation überdecken kann, aber auch, wie umgedreht, sogar das Glück am Spaziergang erdrückt wird von einem existenziellen Unglück.