Publizieren

Die Freiheit von beengenden erzählerischen Formaten und die Freiheit zu einem Kritiker als Freund, ist der Ausgangspunkt des kollaborativen Schreibens auf Prä|Position. In den fünf Rubriken geben wir Räume für essayistische und fiktionale Texte, für beinah-journalistisch Konkretes, für klassische wie auch dissidente literarische Formen. Wichtig ist, dass der Text unabhängig von seiner Art der Leserin zugänglich gemacht wird und eine gewisse Dauerhaftigkeit behauptet. Das bedeutet dann nicht, dass er für die Leserin ohne Weiteres verständlich sein muss, sondern dass er sich mit etwas Aufwand erschließen lässt und auch über seinen unmittelbaren Entstehungskontext hinausstrahlt. Weiterhin sollten Sie nicht bedachtlos schreiben. Wir ermutigen nachdrücklich dazu, dass Sie sich der ganzen Schönheit Ihrer Sprache bedienen. Wir erhoffen uns Genauigkeit im Ausdruck des Texts wie auch in seinem Ansinnen.

Ein publizierbarer Text entsteht in Zusammenarbeit mit einer Lektorin. Besteht bereits ein erster Entwurf bildet dieser den Ausgangspunkt des Lektorats; besteht eine noch nicht bewortete Ahnung, beginnt die Arbeit dort. Die Aufgabe der Lektorin ist nicht waghalsige Einwände gegen gutgewordenen Sätze vorzubringen, sondern den Text besser zu machen. Ein solches kollaboratives Schreiben wird den wenigsten bekannt sein, doch es verspricht von Anfang an die Zuneigung der Leserin. Jeder »fertige« Text wird anschließend gesetzt, mit einer Kurzbiografie versehen und mitunter auch mit einem redaktionellem Vorwort. Anschließend wird er hier publiziert und insbesondere über die sozialen Medien beworben. 

Da das Schreiben ein mitunter ein bitter-ernster Zeitvertreib ist, kann jeder hier erschienene Text andernorts zweitveröffentlicht werden!


Die redaktionelle Vorgaben für Formatierung und Zitation finden Sie »hier« – und sollten auch beachtet werden.

 

Willemsens Dreizehn Regeln

1. Sitzen Sie gerade. Am besten, Sie suchen auch innerlich nach einer Haltung, die noch nicht war.
2. Gut schreiben ist etwas Anderes als flott schreiben. Entscheiden Sie sich.
3. Tun Sie nicht so unschuldig! Leisten Sie sich eine hohe Meinung vom Umgang mit Ideen. Alles wird besser, wenn es gut gedacht ist.
4. Schreiben ist eine Organisation von Informationen. Misstrauen Sie Ihrem Stoff, vertrauen Sie Ihrer Form, und lernen Sie erst einmal die Stimme kennen, die spricht.
5. Streichen Sie die Hälfte aller spontan kommenden Adjektive, nennen Sie Cognac niemals eine »scharfe, bernsteinfarbene Flüssigkeit«, lassen Sie die Parataxen nicht schnurren wie eine Angelschnur und schon gar nicht die Vergleiche.
6. Wo Sie unsicher werden, belassen Sie es bei einem Satz pro Gedanke.
7. Große Gefühle und gedehnte Beobachtungen machen einen Text nicht groß, sondern erstmal gedehnt.
8. Sie müssen Beides und Beides sogar zugleich können: kurz sein und genau sein. Wenn Ihnen Genauigkeit nichts bedeutet, taugen Sie nicht mal zum Unterhalter.
9. Hören Sie abends immer bei einer leicht zu schreibenden Passage auf, damit Sie am nächsten Morgen desto leichter wieder in ihr Manuskript finden.
10. Wenn Sie langweilen, tun Sie es mit Programm, wenn Sie kein Programm haben, tun Sie es mit Überzeugung.
11. Suchen Sie Wirkung, nicht Effekt. Kein Text taugt, der nicht an der Erfindung der Innenwelt seines Lesers teilnimmt.
12. Lassen Sie keinen möglichen Leser ein, weder als Wille noch als Vorstellung. Halten Sie Begutachter fern. Scheuen Sie nicht Tod noch Rezensenten. Und Ihr heroisches Selbstgefühl dabei können Sie sich auch abschminken.
13. Nur als werdender Text ist der Text fertig. Er wird erst, was er ist, indem er das Produktivwerden in der Lektüre stimuliert. Er ist nicht das Hervorgebrachte, sondern das Hervorbringende.

(Roger Willemsen, »Ankleben verboten!«, in: Neue Rundschau 3/2011)