Publizieren

Textliche Freiheit – die Freiheit von beengenden erzählerischen Formaten und die Freiheit zu einer Kritikerin als Freundin – ist der Ausgangspunkt des kommunikativen Schreibens auf Prä|Position. Wir sind dankbar für Essays, beinah-journalistisch Konkretes (Reportagen und Porträts) und Fiktionen (Romanauszüge, Novellen, Prosa, Lyrik). Wichtig ist uns, dass der Text unabhängig von seiner Gattung zugänglich und zeitlich ungebunden ist. Das bedeutet, dass er für die Leserin zwar nicht ohne Weiteres verständlich sein muss, wohl aber mit geringem Aufwand verstehbar sein soll und dass er zudem außerhalb seiner Zeit lesbar ist.
Unsere Autorinnen und Autoren sind vollkommen frei, doch sollen sie nicht bedachtlos schreiben. Wir ermutigen mit Nachdruck dazu, dass sie sich der ganzen Schönheit ihrer Sprache bedienen. Wir erhoffen uns, dass sie genau sind in dem, was sie schreiben – also nicht Gedanken zerschreiben, sondern sich bewusst sind, wie die richtigen Worte zum Ausdruck beitragen.

Zwei Wege führen zum publizierten Text: beide Wege gehen Autorin wie Autor gemeinsam mit einer Lektorin, einem Lektor. Besteht bereits ein Textentwurf bildet dieser den Ausgangspunkt des Lektorats. Besteht eine noch nicht bewortete Ahnung, beginnt die gemeinsame Arbeit dort. Die Aufgabe der Lektorin, des Lektors, sind nicht waghalsige Einwände gegen gutgewordenen Sätze. Sondern: den Text besser machen. Deshalb lesen wir mit literarischer Empathie und hoffen auf einen Text, der die Ansinnen der Autorin, des Autors, ersichtlich macht. Eine solches kommunikatives Schreiben wird den meisten völlig unbekannt sein, doch verspricht es von Anfang an die Freundschaft der Leserin.
Jeder »fertige« Text wird in vereinbarter Form gesetzt, mit einer Kurzbiografie versehen und, manchmal, auch mit einem kurzen Vorwort. Anschließend wird er auf Prä|Position publiziert und bestmöglich beworben. Da das Schreiben mitunter ein bitter ernster Zeitvertreib ist, kann jeder hier erscheinende Text anderswo zweitveröffentlicht werden.

Die redaktionelle Vorgaben für Formatierung und Zitation »hier«.

Willemsens Dreizehn Regeln

1. Sitzen Sie gerade. Am besten, Sie suchen auch innerlich nach einer Haltung, die noch nicht war.
2. Gut schreiben ist etwas Anderes als flott schreiben. Entscheiden Sie sich.
3. Tun Sie nicht so unschuldig! Leisten Sie sich eine hohe Meinung vom Umgang mit Ideen. Alles wird besser, wenn es gut gedacht ist.
4. Schreiben ist eine Organisation von Informationen. Misstrauen Sie Ihrem Stoff, vertrauen Sie Ihrer Form, und lernen Sie erst einmal die Stimme kennen, die spricht.
5. Streichen Sie die Hälfte aller spontan kommenden Adjektive, nennen Sie Cognac niemals eine »scharfe, bernsteinfarbene Flüssigkeit«, lassen Sie die Parataxen nicht schnurren wie eine Angelschnur und schon gar nicht die Vergleiche.
6. Wo Sie unsicher werden, belassen Sie es bei einem Satz pro Gedanke.
7. Große Gefühle und gedehnte Beobachtungen machen einen Text nicht groß, sondern erstmal gedehnt.
8. Sie müssen Beides und Beides sogar zugleich können: kurz sein und genau sein. Wenn Ihnen Genauigkeit nichts bedeutet, taugen Sie nicht mal zum Unterhalter.
9. Hören Sie abends immer bei einer leicht zu schreibenden Passage auf, damit Sie am nächsten Morgen desto leichter wieder in ihr Manuskript finden.
10. Wenn Sie langweilen, tun Sie es mit Programm, wenn Sie kein Programm haben, tun Sie es mit Überzeugung.
11. Suchen Sie Wirkung, nicht Effekt. Kein Text taugt, der nicht an der Erfindung der Innenwelt seines Lesers teilnimmt.
12. Lassen Sie keinen möglichen Leser ein, weder als Wille noch als Vorstellung. Halten Sie Begutachter fern. Scheuen Sie nicht Tod noch Rezensenten. Und Ihr heroisches Selbstgefühl dabei können Sie sich auch abschminken.
13. Nur als werdender Text ist der Text fertig. Er wird erst, was er ist, indem er das Produktivwerden in der Lektüre stimuliert. Er ist nicht das Hervorgebrachte, sondern das Hervorbringende.

(Roger Willemsen, »Ankleben verboten!«, in: Neue Rundschau 3/2011)