Auf der Ebene ist jeder Schritt eine riskante Entscheidung. Unsere Essays und Gespräche geben Orientierung.

Die Gärten sind Räume der Phantasie und der Geschichten. Wo Seltenes sprießt, sind die Schreibenden Gärtner:innen und die Leser:innen jene, die sich gern verirren. Prosa und Lyrik sind hier an ihrem Platz.

In Passagen begegnen wir uns. In diesem Raum der Aphorismen sind kleine Stücke aus Literatur und Philosophie ausgestellt und kommentiert.

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#1 Friedrich Nietzsche und die Freude am Wirklichen

#1 Friedrich Nietzsche und die Freude am Wirklichen

In den Passagen begegnen wir uns. In diesem Raum stellen wir philosophische und literarische Aphorismen vor und kommentieren sie. Ein Gedanke, vier Lesarten und das, was die Leser:innen deuten.

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Friedrich Nietzsche

»Freude am Wirklichen. – Unser jetziger Hang zur Freude am Wirklichen – wir haben ihn fast alle – ist nur daraus zu verstehen, daß wir so lange und bis zum Überdruß Freude am Unwirklichen gehabt haben. An sich ist es ein nicht unbedenklicher Hang, so wie er jetzt auftritt, ohne Wahl und Feinheit: – seine mindeste Gefahr ist die Geschmacklosigkeit.«

Morgenröte. Gedanken über die moralischen Vorurteile, § 244.

Johannes Röss

Die Rede vom »Wirklichen« tritt erst spät in Nietzsches Morgenröte auf. Die Frage nach der Differenz von Wirklichkeit und Unwirklichkeit ist jedoch von Beginn an virulent. Nietzsche verhandelt sie an Moral und Sittlichkeit . Unser vernunftgläubiges Vertrauen in diese Größen, darauf, dass Moral und Sittlichkeit einen rationalen Ursprung haben, will Nietzsche in Zweifel ziehen. Bereits der erste Aphorismus fragt in diesem Sinne danach, ob die Vernunft am Anfang der Dinge liege, oder ob sie nicht vielmehr als eine nachträgliche Zuschreibung einzuschätzen sei, mit der »[a]lle Dinge, die lange leben« allmählich »durchtränkt« werden (§1). Mit dieser In-Frage-Stellung des Zusammenhangs von Vernunft und Sittlichkeit hebe sein »Feldzug gegen die Moral« an, so Nietzsches spätere werkgeschichtliche Charakterisierung der Morgenröte.
Wie ist dieser Feldzug zu verstehen? Zunächst: Bei der im obigen Aphorismus in  Frage stehenden Wirklichkeit handelt es sich im Kontext der Morgenröte nicht so sehr um eine äußere, sondern primär um eine innere. Nietzsche untersucht hier die Wirkungen und die Wirklichkeit des Seelenlebens. Psychoanalytischen Überlegungen vorausgreifend fragt er, ob nicht »all unser sogenanntes Bewusstsein ein mehr oder weniger phantastischer Commentar über einen ungewussten, vielleicht unwissbaren, aber gefühlten Text ist?« (§119). Statt der Urteile und des kognitiv klar Erfassbaren sind es also die affektiven Regungen und Empfindungen, denen Nietzsches Aufmerksamkeit gilt. Doch dieser »gefühlte Text« gibt für Nietzsche kein letztes oder unverrückbares Fundament ab. Denn die Empfindungswelt ist weder statisch noch einfach gegeben, sie geht, aus Gewohnheit und „Übung, Übung, Übung“ (§ 22) hervor. Die Regungen und Affekte haben eine Geschichte, sie sind Teil einer sich verändernden Praxis. Nietzsche erkundet diese historische Praxis, ihre Schichten und Ablagerungen, ihre Verhärtungen und Verwerfungen; dabei weniger ein konservierender Archäologe, als vielmehr ein »Maulwurf«, wie er sich in der später hinzugefügten Vorrede zur Morgenröte nennt. Eine Figur also, die untergräbt  – die erhabenen Dinge auf wackligem Grund zurücklassend. Wohin aber führt dieses Graben? Eröffnen soll es, dies ist Nietzsches philosophischer Einsatz, einen Ausweg: weg von der leibfeindlichen Moral der christlichen Religion seiner Zeit und einem religiösen Nihilismus, dem das irdische Glück der Menschen nichts gilt. Dieser  nihilistischen Welthaltung gilt Nietzsches zersetzende Kritik.
Warum aber warnt Nietzsche im Aphorismus 244 vor einer »Freude am Wirklichen«? Einer Freude am Wirklichen, die sich von einer lange Zeit vorherrschenden »Freude am Unwirklichen« abheben soll? Dürfte es sich bei dieser Freude am Wirklichen nicht genau um jene Freude handeln, die aus der Überwindung eines als illusionär gefassten christlichen Weltbildes hervorgeht? Blickt man eine Weile auf den Aphorismus, so fällt auf, dass, genau genommen, Nietzsche nicht vor dieser Freude warnt, sondern vor einem »Hang zur Freude am Wirklichen«. Einen Hang, den Nietzsche einem Wir attestiert, das »fast alle« umfassen soll. Dieser Hang dürfte also ein Zug der damaligen Zeit sein, die durch die rasante Entwicklung der experimentell verfahrenden empirischen Naturwissenschaften und durch die Verfestigung eines physikalisch-materialistischen Weltbildes geprägt worden ist. Angenommen Nietzsche kritisiert an dieser Stelle ein solches Weltbild: Wieso warnt der unerbittliche Kritiker der christlichen Transzendenz vor einer solchen Entwicklung?  Sollte ein naturwissenschaftliches Weltbild ohne Metaphysik nicht genau in Nietzsches Sinne sein? Liegt in jenem Hang nicht eine progressive Tendenz?
Den Wink einer Antwort gibt die Charakterisierung dieses Hangs als »ohne Wahl und Feinheit«. Zwar dürfte für Nietzsche eine Welt ohne jenes »alte Entsagungslied, das Eiapopeia vom Himmel« (Heine) eine aufgeklärtere und eine freudvollere Welt sein, aber – und das markiert diese Charakterisierung – sie könnte auch einen zu hohen Preis haben. Denn die Verpflichtung auf die bare Wirklichkeit kann auch die Grundlage für ein neues Entsagungslied abgeben. Bleiben nur mehr der zufällige Wechsel von Körpersäften, die rohe Mechanik der Materie oder flirrende Hirnareale, dann bleibt auch keine Wahl mehr und damit auch keine Feinheit – so lässt sich Nietzsches Aphorismus auffächern.
Was hieße es aber, am Wirklichen festzuhalten, ohne sich mit dem stumpfsinnigen  Eiapopeia des unabänderlich Faktischen abzufinden – dem Ohrwurm der positivistisch abgeklärten Welt? Eine Antwort darauf gaben jene Materialisten, deren Kritik der Religion diese weder für bloßen Unfug erklärte, noch die Gläubigen in eine infantile Rolle verweisen wollte. Ihre Idee einer aufgeklärten Welt hat, wie Marx es auf wundervolle Weise benannte, »die imaginären Blumen an der Kette zerpflückt, nicht damit der Mensch die phantasielose, trostlose Kette trage, sondern damit er die Kette abwerfe und die lebendige Blume breche. Die Kritik der Religion enttäuscht den Menschen, damit er denke, handle, seine Wirklichkeit gestalte wie ein enttäuschter, zu Verstand gekommener Mensch.«  Um eine solche Praxis zu ermöglichen, müssen wir aber »Wahl und Feinheit« kultivieren – jedoch die Wahl und Feinheit aller und nicht nur einer auserwählten Kaste. Andernfalls blieben nur die altbekannten, trostlosen Lieder für die vielen und die bequemen goldenen Ketten für die wenigen. Vielleicht träumte gar Nietzsche, der rigorose Gegner der egalitären Idee, von Zeit zu Zeit von diesem zweiten Schritt. Es wäre eine helle Freude.

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Carl Corleis

Was unterscheidet das Wirkliche vom Unwirklichen? Bemerkenswerter Weise scheint Nietzsche es in seinem Aphorismus nicht für nötig zu halten, diese Differenz in irgendeiner Weise zu bestimmen. Dabei gestaltet sich nicht nur die genaue Grenzziehung zwischen Wirklichem und Unwirklichem schwierig; es lässt sich nicht einmal ohne Weiteres ein unproblematisches Beispiel für den einen oder den anderen Bereich geben. Wollte man beispielsweise sagen, zumindest ein materielles Ding sei doch unbezweifelbar auf die Seite des Wirklichen zu rechnen, eine Vorstellung auf die Seite des Unwirklichen, dann würde man vermutlich dafür plädieren, die Trennung zwischen »wirklicher« materieller Welt und »unwirklichen« geistigen Produkten anzusetzen.
Dagegen ließe sich jedoch einwenden, dass selbst ein materielles Ding von Unwirklichem kontaminiert ist: Egal, auf welche Weise wir uns auch auf ein Ding beziehen, stets bringen wir als Betrachtende wesentliche Teile dessen mit, was wir dem Ding zusprechen. Das soll nicht nur bedeuten, dass in jeder Wahrnehmung stets persönliche Assoziationen mitschwingen; vielmehr sind bereits die scheinbar grundlegenden und unpersönlichen Bestimmungen eines Dings, etwa als Materie oder einfach als Ding, nicht frei von der Vorstellung dessen, was Materie und was ein Ding ist – und damit nicht frei von »unwirklichen« geistigen Produkten. In letzter Konsequenz wird es schwierig, an dem Ding überhaupt noch etwas auszumachen, was nicht durch die menschliche Perspektive überformt ist und der eben vorgenommenen Bestimmung vom »Wirklichen« rein entspricht.
Die ganze philosophische Problematik, die an dieser Differenz hängt, wird von Nietzsche mit einer beeindruckenden Selbstverständlichkeit übergangen. Wie kommt es, dass Nietzsche diese schwierige Unterscheidung unbefragt lässt? Zudem macht er eine merkwürdige Feststellung, wenn er sich und dem Großteil seiner Zeitgenossen diagnostiziert, eine neue Freude am Wirklichen zu haben. Wie drückt sich diese Freude aus? Es wäre doch eine etwas abwegige These, die meisten Menschen hätten Überdruss an ihren Vorstellungen bekommen, dafür freuten sie sich nun über die materielle Welt.
Naheliegender scheint, dass Nietzsche, wenn er von »Freude« spricht, in erster Linie nicht philosophische Bestimmungen, sondern bestimmte künstlerische Strömungen im Blick hat und in der damaligen Hochkonjunktur realistischer Malerei und Literatur eine »Freude am Wirklichen« am Werk sieht. Der Realismus und dann auch der Naturalismus machten sich wirkliche gesellschaftliche Gegebenheiten ihrer Gegenwart zum Thema und waren bestrebt, diese weitestgehend detailgetreu abzubilden. Während der Poetische Realismus eines Fontanes die Wirklichkeit nicht nackt wiedergeben, sondern in einer Verklärung der Realität eine ideale Wahrheit zum Ausdruck bringen wollte, radikalisierten die Naturalisten die Thematisierung des Wirklichen. Erstmals brachten sie das soziale Elend des städtischen Prekariats literarisch zur Darstellung, wobei sie darum bemüht waren, so weit wie nur möglich die Verhältnisse mit wissenschaftlicher Objektivität zu kopieren.
Es kann also nicht verwundern, dass Nietzsche den Hang zum Wirklichen aus ästhetischen Gesichtspunkten nicht unbedenklich findet und einen Mangel an Wahl und Feinheit konstatiert. Wenn der Künstler sein Material lediglich aus den gesellschaftlichen Verhältnissen schöpft, dann limitiert er sich schließlich stark in seinen schöpferischen Möglichkeiten. Als Kopist der Realität ist die Beschaffenheit eines naturalistischen Werks weitestgehend von der Beschaffenheit der Wirklichkeit abhängig und ist diese Wirklichkeit profan, trist und leidvoll, dann soll es auch das Werk sein. Die mindeste Gefahr daraus ist Nietzsche zu folge die der Geschmacklosigkeit.
Die Frage danach, was genau das Wirkliche ausmacht, kann Nietzsche in seinem Aphorismus übergehen, da er sich auf das Selbstverständnis einer sich als realistisch oder naturalistisch verstehenden künstlerischen Strömung bezieht. Für ihn scheint die Legitimität der begrifflichen Unterscheidung an dieser Stelle weniger interessant zu sein als die ästhetischen Konsequenzen einer bestimmten künstlerischen Haltung.
Dass aus heutiger Sicht aber die Unterscheidung zwischen Wirklichem und Unwirklichem so überaus problematisch erscheint, liegt womöglich an dem verlorenen Zutrauen darauf, eine objektive Wirklichkeit abbilden zu können. Die Orientierung der Naturalisten an naturwissenschaftlichen Methoden und ihr Glaube an die Möglichkeit einer eindeutigen Erkennbarkeit der Wirklichkeit, erinnert an den historischen Moment des Aphorismus an der Schwelle zur literarischen Moderne. Wenige Jahrzehnte später wird die Hoffnung auf eine universell gültige Beschreibung der Wirklichkeit auf verschiedenen wissenschaftlichen und künstlerischen Feldern ins Wanken geraten. Mit der Relativitätstheorie und Quantenmechanik entstehen physikalische Theorien, die mit Teilen des bis dahin gültigen physikalischen Weltbilds nicht mehr in Einklang zu bringen sind und zudem bis heute nicht in einer allgemeinen Theorie zusammengeführt werden konnten. Sprachphilosophische Bemühungen, die Welt in eindeutigen und logischen Sätzen zu spiegeln, scheitern. Und in der Malerei werden sich Fauves und Kubisten von der Abbildung der Wirklichkeit genauso verabschieden, wie eine Literatur, in der Perspektivität und subjektive Wirklichkeitserfahrung von keiner objektiven Warte aus eingeordnet werden.
Als vor wenigen Jahren von einigen Philosophen ein Neuer Realismus ausgerufen wurde, waren sie offenbar von einer Sehnsucht getrieben, eine objektive Beschreibung der Wirklichkeit wieder zu gewinnen. Wie erfolgreich auch immer diese Bemühungen sein werden: Nietzsches Aphorismus markiert sicherlich einen der letzten Momente, an dem man, ohne in größere theoretische Schwierigkeiten zu geraten, Freude am Wirklichen bekunden konnte.

Maximilian Nagel

Dem verlorenen Paradies widmete sich Ende der 1990er Jahre der US-Amerikaner Peter Schrag in seinem Werk Paradise Lost. California’s Experience, America’s Future. Als Experiment der Zukunft kurz nach dem Zweiten Weltkrieg tituliert und von viel Optimismus begleitet, galt Kalifornien als ermutigendes Modell der ganzen Nation für die Post-Weltkriegszeit. Bewundert für sein Bildungssystem und seine gesellschaftlichen Perspektiven, schnell zum Goldenen Staat erkoren und erklärt, wurde der Bundesstaat zum Promised Land ausgerufen. Knapp 50 Jahre später findet sich Kalifornien am Ende von Rankings zur Lebensqualität. Vorbei der Traum vom Promised Land.  Schrag sieht in der Tax Cutting Proposition 13 von 1978 eine einschneidende Policy. Mit ihr kamen die Volksentscheide. Vorbei die Zeit einer gemeinwohlorientierten Politik, her mit Volksabstimmungen! Her mit unterfinanzierten Schulen, überfüllten Gefängnissen, Luftverschmutzung und kaputten Straßen, her mit den Gefahren einer ungezügelten direkten Demokratie. Gut organisierte Bürgergruppen können mit Hilfe von Bürgerentscheiden das Parlament leicht übergehen. 2016 wurden per Volksentscheid Pornodarsteller von der Pflicht befreit, Kondome am Filmset tragen zu müssen. Die Liste der weiteren Abstimmungen ist endlos. Schrag geht in seinem Buch noch weiter, er warnt vor Populisten und welche Macht diese aus dem Spiel mit der Angst ziehen können. Es eröffnen sich Regulierungsmöglichkeiten, im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.
Was aber hat Nietzsche mit Kalifornien zu tun? Und: Wo liegt die Verbindung zur Freude am Wirklichen?
Als Gegenentwurf zum Realismus und seinem genuinen platten Wirklichen, sieht Nietzsche das Wirkliche als von Personen abhängige Variable. Dabei ist der Mensch nicht in der Lage, Objektives auszudrücken. Das Wirkliche ist stets nur Illusion. Unbewusst ist jedes Wort eine Lüge, weil es den Anspruch des Wirklichen hat. Doch Sprache ist Meinung und nicht Wissen. Vereinfacht ausgedrückt, und hier hilft Astrid Lindgren, können wir uns dem Leitspruch Pippilottas annehmen: »Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt.«
Setzen wir den angeführten Hang zur Freude am Wirklichen in Bezug zum 21. Jahrhundert, ist die Gefahr des Geschmacklosen omnipräsent.
Letztes Jahr veröffentlichte der Kultursoziologe Andreas Reckwitz sein Buch über die Gesellschaft der Singularitäten. Als These führt er an, dass in der Spätmoderne die Politik des Allgemeinen mehr und mehr von einer Politik des Besonderen abgelöst wird. Das klingt vertraut: Kalifornien und das verlorene Paradies auch hier. Nach Reckwitz wird die Orientierung am Individuellen immer stärker, was mit einem Erodieren der Kriterien des Allgemeinem einhergeht.
Welche Treiber aber lassen sich beobachten? Zwei relevante Ströme möchte ich in diesem Kontext gerne aufzeigen: Erstens den strukturellen Kulturwandel und zweitens die soziale Segregation und Spaltung.
Wo Eigennutz-Denken und Individualisierung steigt, sinkt der Gemeinschaftssinn. Digitalisierte Kommunikations verstärkt das Narrow Casting. Immer mehr Gruppen von Gleichgesinnten bilden sich heraus, die mit der Gemeinschaft oder gar dem Mainstream immer weniger zu tun haben (wollen).
Bei der sozialen Segregation und Spaltung liegt die Betonung weniger auf den kulturellen Werten, sondern auf der sozio-ökonomischen Polarisierung und Spaltung der Gesellschaft. In dem Maße, wie die Mittelschicht wegbricht, gibt es auch weniger Mainstream oder Common Sense.
Im Ergebnis dieser Prozesse sehen wir Gruppen, die für sich beanspruchen, das Wirkliche zu wissen und zu sagen. Im Zentrum steht nicht mehr länger das Gemeinwohl, sondern das vereinzelte Interesse.. Akteure handeln nach der Prämisse, dass nur ihre Wirklichkeit Annahmen enthält, die zutreffen. Die Digitalisierung öffnet ebendiesen Menschen den Raum, Gleichgesinnte zu finden und ihr Ansinnen zu gewichten. Die Freude am Wirklichen wächst und gedeiht weiter, schließlich lassen sich Anhänger für nahezu jede Wirklichkeit finden! Gefährlich wird es dann, wenn den einfachen, undifferenzierten Worten von Populisten Glauben geschenkt wird und deren Wirklichkeit als maßgeblich erachtet wird. Geschmacklos ist der Glaube an eine einzige objektive Wirklichkeit, unter welchem Gewand oder welcher Maske er sich auch versteckt hält.
Was also bleibt uns zu tun? Was fangen wir an mit dieser inneren Unruhe, diesem Gedanken, dem so viel Unbehagen innewohnt?
Dieser Abriss – dieser Text hier – ist ein trojanisches Pferd. Nach Außen prangert er Individualisierung und die Abkehr vom Gemeinwohl an, verfällt aber im Inneren dem kritisierten Übel. Er steht im Widerspruch zu sich selbst, scheitert an sich selbst und muss dies vielleicht auch. Er ist nur eine Wirklichkeit und hängt von der ästhetischen Wahrnehmung seines Rezipienten ab.
Ganz und gar geschmacklos das Ganze.

Maximilian Runge

Der Mensch ist das Tier, das nach Wahrheit strebt. Beim Lesen oder Hören von Nietzsches Aphorismus drängt sich diese Intuition auf. Aber ist sie auch richtig? Dass der Mensch nach dem Wahren strebe, geistert immerhin schon seit Platons Zeiten durch die abendländische Geistesgeschichte und hat dem historischen Christentum ein nicht unerhebliches Maß an Macht und Legitimation beschert. Genau diese Geschichte aber, in der die christliche Religion der abendländischen Kultur ihren Stempel aufgedrückt hat, muss Nietzsche im Sinn gehabt haben, als er zu Anfang der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts diese zwei Sätze schreibt – und sie dadurch mit dem Unwirklichen, dem Unwahren in Verbindung bringt. Zahlreiche kluge Frauen und Männer zuvor haben an der Wahrheit der christlichen Offenbarung nicht gezweifelt, waren ihr ganzes intellektuelles Leben lang von der Wirklichkeit der göttlichen Schöpfung überzeugt. Wäre der Mensch aber tatsächlich jemals an der Wahrheit interessiert gewesen, so Nietzsche – dann wäre das Christentum niemals so einflussreich geworden, dann wäre die europäische Geschichte mithin ganz anders verlaufen.
Doch Moment: Nietzsche verwendet in seinem Aphorismus explizit den begrifflichen Gegensatz von wirklich und unwirklich, nicht aber den mitschwingenden Gegensatz von wahr und unwahr. Diese Beobachtung ist wichtig, denn sie weist darauf hin, dass der Aphorismus den angesprochenen Begriff der Wirklichkeit zum unausgesprochenen Begriff des Wahren ins Verhältnis setzt. Nimmt man den Text wörtlich, dann wäre die (europäische) Vergangenheit lediglich vom Unwirklichen durchdrungen, ohne dadurch zugleich unwahr zu werden – und die Jetztzeit hätte die Aufgabe, das Wirkliche von allen Verzerrungen zu befreien und es dadurch freizulegen. Weshalb genau das Bisherige, das den »Überdruss« verursacht, nicht das Wirkliche sein kann, erklärt der Aphorismus damit zwar nicht. Aber allein die Tatsache, dass sich Überdruss eingestellt hat, spricht dagegen, dass man bei den bisherigen Ansichten bleiben sollte.
Das Entscheidende in diesem Aphorismus ist nicht die Kritik des Unwirklichen – die hat Nietzsche an anderen Stellen ausführlicher erarbeitet – sondern die Kritik an einem universalen und allzu überschwänglichen Wirklichkeitsbegriff. Denn die Vorstellung vom Freilegen des Wirklichen setzt intuitiv voraus, dass es tatsächlich nur eine richtige Wirklichkeit gäbe, die für alle Menschen verbindlich ist. Dieser Wirklichkeitsbegriff aber ist derjenige der Offenbarung, den der Aphorismus lapidar als das historisch Unwirkliche abstempelt.
Wenn nun die Vorstellung einer universalen Wirklichkeit aufgegeben werden muss, dann bleiben als einzige Auswege entweder ihre radikale Leugnung oder aber ihre Pluralisierung übrig. Der Aphorismus geht den zweiten Weg, und formuliert damit eine neue evidente Wahrheit: Dass es keine für alle Menschen gültige und objektive Sphäre des Wirklichen gibt, sondern eine Vielzahl von Wirklichkeiten. Dieses Überangebot an gleichrangigen Wirklichkeiten schließlich lässt die eigene Wirklichkeit zu einer Frage der Wahl werden: Wir müssen uns – heutzutage noch mehr als zu Nietzsches Zeiten –zwischen mehreren Wirklichkeitsangeboten entscheiden und uns zu deren Normen und Werten bekennen. »Wirklich« ist damit nicht das, worin wir uns bewegen, sondern das, was wir daraus machen.
Jetzt wird klar, warum Nietzsche nicht das Wirkliche selbst, sondern die »Freude am Wirklichen« für nicht ganz ungefährlich erachtet: Weil sich das Euphorische der Einsicht verwehrt, nur einen Aspekt, nur eine Wirklichkeit unter vielen zu kennen. Wer im Freudentaumel seine eigene wahrnehmbare Wirklichkeit absolut und für alle setzt, der vergisst die Milliarden anderen Wirklichkeiten in den Köpfen der Menschen – und der vergisst, dass er und alle anderen die Wahl haben, dass sich das als wirklich Erlebte primär auf ein Geschmacksurteil und Präferenzen gründet. »Geschmacklos« ist, wer dieses Wahlrecht, dieses Werturteil anderen vorenthält – denn daran, dass er es tut, erkennt man, dass er selbst noch gar nicht gewählt, seinen Geschmack noch nicht bewiesen hat.
Unserem Erkenntnisvermögen sind Schranken aufgesetzt: Wir können zwar erkennen, was das jeweils Falsche oder Unwahre für uns ist – aber wir können nicht erkennen, was das Richtige oder Wahre für alle ist. Alles, was wir über die Welt wissen, ist, was wir über die Welt zu wissen meinen – kein Wissen ist je wirklich, sondern radikal abhängig von dem Standort, den wir in der Welt innehaben. Dieser absolute Relativismus kennt keine neutrale Objektivität, und zwar nicht einmal diejenige der Naturwissenschaft, da jeder empirische »Fakt« durch unsere Zugriffsweise immer schon perspektivisch bearbeitet ist. Ob sich unser Weltwissen also überhaupt als »zutreffend« erweist, kann niemals durch eine als objektiv geltende Instanz bestätigt werden, sondern hängt allein davon ab, wie gut und wie vorsichtig wir mit den anderen Wirklichkeiten umgehen, wie aufgeschlossen wir auf diese zugehen können. In Zeiten, in denen die wahnwitzige Interpretation eines Sachverhalts oftmals als objektives Faktum herhalten soll, sind Nietzsches Zeilen aktueller denn je. Sie vermengen die Vorwegnahme sozialkonstruktivistischer Theorien mit dem Hinweis auf eine zeitlose Verhaltensregel: Wer zu viel Freude an seinem eigenen Wirklichen hat, ist ein schlechter Gesprächspartner – und ein noch geschmackloserer Zeitgenosse.


Über die Autoren

Johannes Röß ist Doktorand am Frankfurter Institut für Sozialforschung und arbeitet zu einer Sozialphilosophie des Geldes.

Carl Corleis hat sich während seines Studiums in Kiel in der neueren französischen Philosophie verfangen, aus der er es bisher auch nicht mehr heraus geschafft hat.

Maximilian Nagel pendelt zwischen Bodensee und Ferne. Er studierte Politik- und Verwaltungswissenschaft in Deutschland, Mexiko, Italien und den USA, staunt über das Leben und fragt sich, wie das Neue als Nicht-Erwartbares erwartungsgemäß gestaltet werden kann. Er wird seine Dissertation bald abschließen.

Maximilian Runge sieht sich als kosmopolitischen Diskursmenschen, der der um sich greifenden Sprachlosigkeit nicht das letzte Wort lassen will. Nach einem Philosopie- und Literaturstudium in Kiel promoviert er über religiöse Rationalität in der Gegenwartsliteratur.


Die Kommentare wurden betreut von Moritz Junge und Konstantin Schönfelder. Illustrationen ©Alexia Fenchel.

Gelesen von Philipp Falser, Jule Hoelzgen und Steffen Hofmann.
Produktion: Eva Morlang und Thorben Röder 
Musik: Michael Plewinski