Auf der Ebene ist jeder Schritt eine riskante Entscheidung. Unsere Essays und Gespräche geben Orientierung.

Die Gärten sind Räume der Phantasie und der Geschichten. Wo Seltenes sprießt, sind die Schreibenden Gärtner:innen und die Leser:innen jene, die sich gern verirren. Prosa und Lyrik sind hier an ihrem Platz.

In Passagen begegnen wir uns. In diesem Raum der Aphorismen sind kleine Stücke aus Literatur und Philosophie ausgestellt und kommentiert.

Die Sentimenthek ist eine Bibliothek der guten Bücher und unserer sentimentalen Gefühle für sie.

An das Fußbad

An das Fußbad

 © Alexia Fenchel (2018)

© Alexia Fenchel (2018)


Oh Fußbad – /
Was ist bloß passiert zwischen uns und wann? /
Du warst mir stets eine verlässliche Konstante. /
Angenehm still. /
Jetzt schaue ich zu meinen Füßen hinunter und sehe eine Lügenpfütze. /
Du trojanischisches Pferd! /
Gaukelst mir Entspannung vor, während du doch eigentlich ein Pool bist – /
für sensorische Völlerei. /
Der pure Effizienzstrudel versteckt sich hinter deiner Unschuldsmiene. /

Dabei hatten wir doch eine gute Zeit. /
Ich wusste stets, was mich erwartet: /
Ein angenehm temperiertes Becken. /
Kein stürmischer Ozean, /
der zum Strampeln zwingt, /
die Lippen blau färbt, /
den Atem raubt. /
Wir wussten, dass unsere Zeit begrenzt ist. /
Und war das Wasser abgekühlt, /
verabschiedeten wir uns und jeder ging seiner Wege – /
du ins Bad und ich in den nächsten Sog, in dem ich meine Sinne ertränke. /

Ich dachte, wir wären etwas Besonderes. /
Ich glaubte, ich wünschte /
mich in dir der Strömung zu entziehen, /
gegen die man arbeitet, /
arbeiten will, arbeiten muss, /
um nicht abzudriften. /
Ein ständiger Kampf /
zum Paukenschlag des Zeigers. /
Andauerndes Abgleichen der Koordinaten, /
um im Sturm der Positionswechsel, /
den hektischen Windspielen, /
dem tiefen Meer an Möglichkeiten nicht zu versinken /
und vor Allem vorwärtszukommen. /
– oh Fußbad. /
Lügo Betrügo. /
Hausgemachte Illusion der Entspannung. /

Vorwurfsvoll schaue ich dich an und werde von meinen Blicken getroffen. /
Du unschuldiges, stilles Wasser, /
Ohnmächtig genug, um Sündenbock zu spielen, /
und doch schlägst du mich mit meinen eigenen Waffen. /
Als bloße Projektionsfläche – wie ausgefuchst. /

Physisch aneinander gebunden, verbunden, /
steht unsere Beziehung nun an einem anderem Punkt. /
Ich habe mich meiner selbst entfremdet /
und während du, so beständig, wie du bist, ein Fußbad bleibst, /
muss ich mit meiner Entmaskierung klarkommen. /

Ich dachte, wir wären etwas Besonderes. /
Ich glaubte, ich wünschte /
in dir ein Schlupfloch gefunden zu haben. /
Ein sicheres Versteck vor der digitalen Zeitanzeige. /
Wie verbleiben wir jetzt? /

Als Konstante möchte ich dich halten, /
auch wenn das Bild unserer Beziehung verschwommen ist /
und mein Konflikt dir tiefe Schlieren zugefügt hat. /
Aber hin und wieder muss man sich doch selbst illusionieren. /
Das hat man sich doch verdient! /
Und wenn wir ein abgekatertes Spiel daraus machen, /
bist du nicht mein Opfer /
sondern mein /
partner in crime. /

 

LESART

Wann haben Sie Ihr letztes Fußbad genommen? Und wie haben Sie sich dabei gefühlt? Schuldig, schwach? Zurückversetzt in Kindertage? Auf das lyrische Ich in der Fußbadhymne An das Fußbad von Miriam Steinmacher trifft Letzteres zu. Denn vor allem kursiert die Erzählung in diesen unregelmäßig auf sechs Strophen verteilten 60 Versen um die Situation einer heranwachsenden Person, die sich zurücksehnt nach der Unschuld ihrer Kindertage. Es ist ein Entwicklungsgedicht, worin dem konkreten Fußbad – der Wanne mit warmem Wasser – eine symbolische Dimension beigemischt ist: der wärmende Schutzraum von Kinder- und Jugendtagen, die besänftigenden Wände, die begrenzte Weite.
Gleich im ersten Vers wird deutlich, dass dieser Schutzraum abhanden gekommen ist. Das Fußbad ist im schmerzlich erlebten Verlust direkt angesprochen, doch im prompt folgenden Gedankenstrich hält die Rede inne – um sogleich die erste von nur zwei Fragen im gesamten Gedicht einzuleiten: »Was ist bloß passiert zwischen uns und wann?« Man kommt kaum umhin, die Dramatik, die sich in dieser Frage ausdrückt, im ersten Moment komisch zu finden. Es scheint übertrieben, einem Fußbad eine solche Frage zu stellen. Zumal die Chancen auf eine Antwort schlecht stehen. Freilich soll nicht das Fußbad antworten und dann dadurch Rechenschaft ablegen über den Verlust der »verlässlichen Konstante« (3), den das lyrische Ich bedauert. Stattdessen stellt dieses sich die Frage selbst. Das Fußbad ist im doppelten Sinne eine Spiegelfläche und eine Projektionsfläche: »Vorwurfsvoll schaue ich dich an und werde von meinen Blicken getroffen« (36, meine Hervorhebung). Der Blick zu den badenden Füßen ruft die Erinnerung wach an »angenehm stille« (4) Zeiten, zu denen die Wanne warmen Wassers alles war, was man zum Glück brauchte. Im ersten von wiederum zwei Ausrufen im gesamten Gedicht verdichtet sich der Selbstvorwurf zur Anklage des Täuschenden: »Du trojanisches Pferd!« (6)
Nachdem das lyrische Ich in der zweiten Strophe sehnsuchtsvoll die Kinderzeiten mit dem Fußbad erinnert, steht die dritte Strophe ganz im Zeichen des Übergangs, der Adoleszenz. Eingeleitet durch die besonnen-einsichtige Klage, »Ich dachte, wir wären etwas Besonderes. / Ich glaubte, ich wünschte / mich in dir der Strömung zu entziehen« (21–23), beschreibt das lyrische Ich die Lage, in die es hineingeraten ist, wie in einen Strudel auf offenem Meer, aus dem, einmal von ihm erfasst, es kein Entrinnen mehr gibt. Der Mensch sieht sich im Heranwachsen einer Fülle von Entscheidungssituationen ausgesetzt, in denen er sich orientieren oder verlieren kann, sich selbst bestimmt oder fremdbestimmt lebt und alles daran setzt, im »tiefen Meer an Möglichkeiten nicht zu versinken« (32). Unmittelbar nach dieser als unangenehm beschriebenen Unbestimmtheit der Lebenslage des lyrischen Ichs, wird das Fußbad zum zweiten und letzten Mal im Gedicht direkt angesprochen: »– oh Fußbad« (34).

Dieser zweite Anruf steht fast genau in der Mitte des Gedichts. Dies und die Tatsache, dass der Gedankenstrich im Unterschied zum ersten Anruf diesem nun vorausgeht und nicht nachfolgt, dienen als Indiz dafür, dass alles bislang Gesagte nun erneuert werden muss. Der Versuch, zu bewahren, was sich nicht bewahren lässt, wird eingestellt. Es ist dies der Moment des Entschlusses zum Fortschreiten in der Zeit, zur Fortentwicklung im eigenen Leben. Eine Abkehr vom Fußbad ist es nicht.
Die vierte Strophe wird nochmals mit einem Blick auf das Fußbad eröffnet, nur wird sich das lyrische Ich nun zum ersten Mal seiner selbst gewahr, indem es seinen vorwurfsvollen Blick an der Wasseroberfläche gespiegelt und sich daraufhin mit »eigenen Waffen« (40) geschlagen sieht. Dass es keinen Rückweg ins Fußbad geben kann, davon erzählt Strophe fünf, die – ebenso wie Strophe vier – fünf Verse hat. Beide Strophen werden dadurch als zwei formal gleichberechtigte Bestandteile einer Einheit ausgewiesen. Als solche handeln sie von der zweistufigen »Demaskierung« (46) des lyrischen Ichs und dessen Wunsch, im Schutzraum der Kindheit verbleiben zu dürfen. Einst war ein jeder von uns Kind – aber wir sind es nicht mehr, sind unserer Kindheit entstiegen und ihr zunehmend entfremdet: Wer ist das Kind, das wir waren? Dies ist der Zustand der Adoleszenz.
Die abschließende sechste Strophe ist von der Suche nach einer neuen Bezugsform zum verlorenen Fußbad bestimmt. Eingeleitet wird diese Bestimmung erneut mit der leicht modifizierten Klageformel aus der dritten Strophe: »Ich dachte, wir wären etwas Besonderes. / Ich glaubte, ich wünschte / in dir ein Schlupfloch gefunden zu haben« (47–49). Doch anstatt der Klage weiteren Raum zuzugestehen, zeigt sich der Fortschrittswille des lyrischen Ichs an dem sich sogleich anschließenden Versuch einer neuen Bestimmung, signalisiert durch die zweite Frage im Gedicht: »Wie verbleiben wir jetzt?« (51). Wie in Strophe eins folgt der Frage wenige Verse später ein Ausruf, der zum Ausdruck bringt, dass dem Fußbad und damit der Kindlichkeit mit dem Ende der Kindheit kein sofortiger und andauernder Abbruch auferlegt ist: »Das hat man sich doch verdient!« (56).
Der zu Beginn noch schmerzlich verloren geglaubte Schutzraum erfährt im letzten Vers seine Reintegration. Das lyrische Ich charakterisiert das Fußbad als «partner in crime« (60). Das Fußbad bleibt, unter neuem Namen – sogar in einer anderen Sprache! –, dem lyrischen Ich erhalten. Immer wieder dürfen des lyrischen Ichs Füße also im warmen Wasser baumeln, um darin zumindest für wenige Augenblicke Ruhe und Schutz zu finden. Die so bewahrte Kindlichkeit dient somit als Ausgangspunkt eines neuen Lebensabschnitts, fernab seliger Kindheitstage. Kein Kind mehr, aber kindlich. (Simon Böhm)

Über die Autorin

Miriam Steinmacher fasziniert sich für Entspannung und Illusion – und das Phänomen, wenn das eine zum anderen wird. Daraus entsteht nicht nur Geschriebenes, sondern auch Plastisches an der Hochschule für Gestaltung Offenbach, wo sie seit 2013 studiert. Persönlich ist sie eine Verfechterin des Fußbades und betrügt sich damit regelmäßig selbst.

 


 

Dieser Beitrag wurde betreut von Eva Morlang.

Die Wanderung

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