In der Reihe »vor|zeichen« sprechen wir über die Texturen der Gegenwart mit ihren Protagonist:innen.

(In Arbeit: Texturen. Ein kuratierter Raum für texturale Serien.)

Gegenwärts. Ein Podcast auf der Suche nach anderen Gegenwarten.

Die Sentimenthek ist eine Bibliothek der sentimentalen Gefühle.

S1-E1 Rettung ins Unbekannte

S1-E1 Rettung ins Unbekannte

Die Lesarten sind Teil unseres Podcasts Gegenwärts. Anstoßend an ein textliches Fragment begeben wir uns darin auf die Suche nach einer anderen Gegenwart. Und bewegen uns gegenwärts, gegen diese Zeit. Dies ist eine der Lesarten.

© Alexia Fenchel, 2019

© Alexia Fenchel, 2019

Fragment

Man rettet sich in das Unbekannte. Man verbirgt sich in ihm vor dem Bekannten. Das Unbekannte ist die Hoffnung der Hoffnung. Im Unbestimmten hätte das Denken ein Ende. Die Hoffnung ist jener innerste Akt, der Ungewissheit schafft, die Mauer zur Wolke wandelt – und kein Skeptiker, kein Zweifler zerstört Urteil und Vernunft, Evidenz und Wahrscheinlichkeit, wie dieser rasende Dämon Hoffnung.

Paul Valéry, Windstriche (Frankfurt am Main: Suhrkamp 1991), S. 18.


Lesart

Das Unbekannte ist die Stätte des Gedankens, es gibt den Gedanken statt. Dort hat das Denken seinen Anfang. Der kreative, schöpferische Geist, der die Realität nicht bloß widerspiegelt, bewegt sich tastend. Das Wort, wodurch alles wird, muss selbst erst geschaffen werden. Der menschliche Anfang ist kein göttlicher. »Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott«, schreibt Johannes. Die ewige Zeit war vor aller Zeit schon im Wort enthalten, und das Wort: war Gott. In ihm ist nichts unbekannt. Nicht so beim Menschen. Im Anfang ist bei ihm das Wort(-)lose. Und er ist das Wortlose. Die göttliche Schöpfung ist nichts anderes als die Entfaltung der Gottheit; der Mensch muss das Neue, das Unbekannte, das Wort schöpfen. Philosophen wie Hegel verkannten diesen Unterschied zwischen Mensch und Gott. Für Hegel war das Wort, der Logos, in der Philosophie zum Bewusstsein gekommen. Später hat man daran nicht mehr glauben können. Das menschliche Wort hat keine göttliche Kraft. Und wo der Mensch sprach: Es werde Licht! – wurde Finsternis.

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In der Finsternis findet ein Kind keine Ruhe. Mit offenen Augen vermag es nichts zu sehen. Diese Machtlosigkeit ist ihm unerträglich, es regt sich auf. Im Schlaf findet es aber das Licht wieder. Im Traum kennt seine Macht keine Grenzen. Das erwachsene Kind hat sein Sehvermögen an die Finsternis angepasst. Es kann sich nun mit Sicherheit in der Dunkelheit bewegen. Das Licht ist ihm unbekannt und doch hat er davon eine Ahnung, denn Finsternis als die Abwesenheit des Lichts enthält in ihrem Begriff bereits ihr Gegenteil. Das, wovon das Kleinkind träumte, ist nun Gegenstand des Gedankens. Nur so – durch den Gedanken des Lichts – kommt das Licht in die Welt.

Die Hoffnung ist die Ahnung des Lichts in der Finsternis. Aber in der Finsternis ist sich jede Hoffnung ihrer Ohnmacht bewusst. Nur im Licht könnte die Hoffnung auf ihre Verwirklichung hoffen. Würde aber die Hoffnung sich verwirklichen, so würde das Unbekannte bekannt, das Unbestimmte bestimmt. Das Denken hätte dort sein Ende. So wie Kunst und Philosophie danach gestrebt hatten, in ihrer Verwirklichung überflüssig zu werden, strebt die Hoffnung paradoxerweise nach einem Zustand der Hoffnungslosigkeit. Und damit verkehrt sie sich in ihr Gegenteil. Die Verwirklichung jeder Hoffnung wäre der Albtraum des Immergleichen; der Herrschaft des Lichts blinde Knechtschaft.
Das menschliche Wort ist kein absolutes; diese negative Dialektik lässt sich nicht auflösen. Glaubte der Mensch, durch Verzicht den Widerspruch vermeiden oder durch sein Tun ihn überwinden zu können, würde er sich täuschen. Jedoch verurteilt dies weder das Denken noch das Leben zum Scheitern. Ganz im Gegenteil: Der Widerspruch bezeichnet die innere Bewegung des Gedankens, er ist die eigentliche Kraft des Lebens. Diese Dialektik von Scheiternmüssen und Nicht-Scheiternkönnen ist von der Hoffnung getrieben, diesem »rasenden Dämon«, schöpferisch und zerstörerisch zugleich, der um der Wahrheit willen Ungewissheit schafft. Nur durch Ungewissheit gelangt der Gedanke zu einer höheren Wahrheit, die wiederum der Dämon in Zweifel ziehen wird.

Die Hoffnung rettet sich in das Unbekannte, in das, was anders, was noch nicht ist. Im Unbekannten findet die Hoffnung Ruhe, wie in einem Versteck, in dem man sich vor einem Feind verschanzt. Und da, wo die Hoffnung sich rettet, da wird der Mensch gerettet.


Über den autor

Gianluca Cavallo ist ein zufällig nach Deutschland ausgewanderter Italiener, der zu Fragen der Moral- und Sozialphilosophie an der Goethe-Universität Frankfurt promoviert.

S1-E1 Eine Handbreit Abstand

S1-E1 Eine Handbreit Abstand