In der Reihe »vor|zeichen« sprechen wir über die Texturen der Gegenwart mit ihren Protagonist:innen.

(In Arbeit: Texturen. Ein kuratierter Raum für texturale Serien.)

Gegenwärts. Ein Podcast auf der Suche nach anderen Gegenwarten.

Die Sentimenthek ist eine Bibliothek der sentimentalen Gefühle.

S1-E1 Politik der Hoffnung

S1-E1 Politik der Hoffnung

Die Lesarten sind Teil unseres Podcasts Gegenwärts. Anstoßend an ein textliches Fragment begeben wir uns darin auf die Suche nach einer anderen Gegenwart. Und bewegen uns gegenwärts, gegen diese Zeit. Dies ist eine der Lesarten.

© Alexia Fenchel, 2019

© Alexia Fenchel, 2019

Fragment

Man rettet sich in das Unbekannte. Man verbirgt sich in ihm vor dem Bekannten. Das Unbekannte ist die Hoffnung der Hoffnung. Im Unbestimmten hätte das Denken ein Ende. Die Hoffnung ist jener innerste Akt, der Ungewissheit schafft, die Mauer zur Wolke wandelt – und kein Skeptiker, kein Zweifler zerstört Urteil und Vernunft, Evidenz und Wahrscheinlichkeit, wie dieser rasende Dämon Hoffnung.

Paul Valéry, Windstriche (Frankfurt am Main: Suhrkamp 1991), S. 18.


Lesart

Die Hoffnung, heißt es im alltäglichen Gebrauch, stirbt zuletzt. Sie stirbt zuletzt, weil sie vornehmlich jenen gehört, die nichts mehr erwarten dürfen. So wird sie am intensivsten beansprucht und lebt am eindringlichsten, wo gleiche Ansprüche, Interessen und Teilhabe bereits verstorben sind oder gar nie erst belebt wurden. Deshalb bedarf, wer von Erfolg gekrönt ist, der Hoffnung nicht. Der von Hoffnung bestimmte Alltag ist ein Alltag für Arme und Ausgeschlossene. Mehr noch: Hoffnung ist nicht nur Alltag, sie ist bürgerliche Pflicht – die Pflicht der Gescheiterten.

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Hoffnung zuzugestehen, sie mit erleichtertem Wohlwollen anzuerkennen, wo wir Menschen leiden sehen, ist nicht schwer. Im Gegenteil. Sie entlastet von der politischen Aufgabe, für gleiche gerechte Teilhabe, Ansprüche und Interessen einzustehen. Denn wo wir die Ausgeschlossenen noch als Hoffende wissen, sehen wir uns berechtigt, ihr Ausgeschlossensein als selbstverschuldet zu deuten. Eine Verschuldung, die sich, so das Versprechen der Hoffnung, eines Tages göttlich oder zufällig, durch die mitleidende Wohltätigkeit anderer oder durch schieres Glück auflösen mag, nicht aber durch Politik. Bürgerliche Hoffnung depolitisiert. Sie gehört gerade nicht in ein politisches Register – hierin lag Obama mit seiner Hope-Kampagne kategorisch falsch –, sondern operiert entlang einer Ethik der Selbstverantwortung. Wenn wir Geflüchtete in Shirts sehen, auf denen »Just do it« steht, ließe sich leicht ergänzen: Gott sei Dank, sie hoffen noch. At least, they are full of hope. Zum Glück glauben sie noch an ihr Schicksal als Resultat ihres eigenen Handelns. Denn hoffend sind diejenigen, die ihrem Los die Form der eigenen Verschuldung geben und uns damit von der unsrigen entlasten. Ein Los, das sich, wenn auch nicht politisch, irgendwie anders doch noch auflösen oder mit dem eines besseren Lebens vertauschen ließe. Ganz in diesem Sinne gehört die Pflicht, im Fall der Fälle nicht aufzugeben und zumindest noch zu hoffen – eine Pflicht ohne korrespondierende Rechte –, zum festen Bestandteil unserer bürgerlichen Ökonomie der Gefühle. Eine Ökonomie mit klarer Verteilung: Wer erfolgreich ist, dem liegt die Hoffnung fern. Das Hoffen ist die bürgerliche Geste, die Ausschluss und Scheitern, Armut und Entrechtung, für Betroffene wie für Zuschauende, ins einzig ertragbare Licht vermeintlicher Eigenverantwortung rückt.

Eine solche Kritik bürgerlicher Hoffnung steht auf den ersten Blick im Kontrast zu Valérys im Kern affirmativer Beschreibung der Hoffnung, die mit Ausnahme der letzten Zeilen scheinbar reibungslos in den Kanon immergrüner Kalendersprüche aufgenommen werden könnte. Hoffnung, heißt es hier, ermöglicht Distanz zu Bestehendem und eröffnet Zugang zu einem inneren Ort der Zuflucht: »Man rettet sich ins Unbekannte.« Eine Beschreibung der Hoffnung also, die dem modus operandi der Flucht entspricht. Keine Flucht vor Gewalt und Unterdrückung, von dem einen in ein anderes Land. Nein, es ist die Flucht vor dem Bekannten, selbst vor dem eigenen Denken noch, die hier als Weg der Befreiung ins vermeintlich Innerste skizziert wird. Eine solche Flucht ist d’accord mit dem depolitisierenden Programm bürgerlicher Hoffnung. Denn wo Gescheiterte sich auf angeblich hoffnungsvollem Weg in ihr Innerstes begeben, um sich dort ihrer Selbstverschuldung zu kasteien, wenden sie sich endgültig von der äußeren Welt ab, in der Ausschlüsse noch in die Form kollektiver Interessen, Ansprüche und Teilhabe hätten überführt werden können.

Der Bruch mit der bürgerlichen Hoffnung, den Valéry vornimmt und dessen subversive Potenz ihn zu einem Autor hat werden lassen, dessen Rezeption für die kritische Gesellschaftstheorie des 20. Jahrhunderts wegweisend war, erschließt sich erst in seiner darauffolgenden, eindringlichen Beschreibung einer der Hoffnung eigentümlichen Zerstörungskraft. Die beschriebene Flucht vor Bestehendem, so Valéry, kann angemessen nur verstanden werden, wenn das Unbekannte, in dem sie operiert, eine scheinbar grenzenlose, radikale Macht der Zerstörung entfaltet. Während die Hoffnung als Flucht noch in die Selbstverantwortung weist, gewinnt die Rede vom »rasende[n] Dämon Hoffnung« eine politische Virulenz, die sich mit ersterem nicht mehr vereinen lässt. Wenn Valéry also schreibt, dass Hoffnung, richtig verstanden, in eine Zerstörung führt, wie sie sich außerhalb dieser Hoffnung nicht mehr findet, so bedeutet dies, dass der bürgerlichen Hoffnung eine andere Hoffnung zugrunde liegt, die sie immerzu gefährdet und potentiell zu überschreiten droht. Diese »Hoffnung der Hoffnung«, wie Valéry sie nennt, ist eine Art Meta-Hoffnung. Der bürgerlichen Hoffnung sitzt ein rasender Dämon im Nacken, der nach den zynischen Auswüchsen einer durch diese befriedeten Ungleichheit faucht und der deren vermeintliche Innerlichkeit als Strategie einer fortschreitenden Entrechtung der ohnehin schon Ausgeschlossenen demaskiert.

Es ist eine Hoffnung gegen die Hoffnung, die noch unbekannte Hoffnung also, dass es nichts als die alltägliche Praxis bürgerlicher Hoffnung selbst sein mag, gegen die sie sich in letzter Konsequenz wendet und die der selbstverursachten Zerstörung ihres eigenen Prinzips zum Opfer fällt. Ein unbekannter Akt der Hoffnung, der sich gegen ihre bürgerliche Gestalt wendet und gerade darin zu einer Politik der Hoffnung wird, weil er der bürgerlich-beschwichtigenden Praxis der Hoffnung ein Ende setzt.


Über die Autorin

Leonie Hunter hat in Zürich, Frankfurt und New York Politische Theorie studiert. Sie lebt und arbeitet zurzeit in Paris.

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