Holunder

Holunder

 Up or down | © Alexander Olm

Up or down | © Alexander Olm

Es hört sich komisch an, wenn die Stimme versagt. Wenn aus dem aufgerissenen Mund nur noch ein Krächzen kriecht, unterbrochen von kurzem, heftigen Einatmen. Animalisch, auf banale Körperfunktionen beschränkt, Einatmen, Ausatmen und egal wie viel gerade raus muss, Luft kommt immer rein. Wie Usain Bolt, der gerade mit einem letzten Zweimeterschritt die Ziellinie überquert hat und nun abwechselnd atmet und jubelt, so atme und weine ich, und anstatt mir ein isotonisches Getränk übers Gesicht zu schütten, lecke ich mir eine Träne von der Oberlippe. So viel Zeit muss sein nach einem Heulmarathon.
Einmal habe ich versucht, meine Tränen zu sammeln. Ich habe die Bambi-Kassette in den Rekorder geschoben, mich ganz nah vor den Fernseher gestellt, sodass man das Knistern des Bildschirms hört, und diese Szene angeschaut, als Bambis Mutter stirbt, Schnee war da und Blut, auf jeden Fall sehr traurig. Den Zahnputzbecher als passendes Auffangutensil schon in der Hand, habe ich immer wieder zurückgespult, bestimmt hundert Mal, und meine Augen haben zwar irgendwann wehgetan, eine Träne kam aber keine. Es fehlte der Überraschungseffekt, klar. Also nochmal zum Videoregal und diesmal zieh' ich eine Kassette in handbeschrifteter Hülle heraus. Die Schrift war so eine typische Erwachsenenschrift, möglichst viele Buchstaben müssen gleich aussehen und ganz aerodynamisch, weil Erwachsene keine Zeit für große Kringel haben und sie außerdem gerne elegant ihre Hand übers Papier fliegen lassen. Ich versuche auch hin und wieder so zu schreiben, aber dann verkrampft mein Zeigefinger und die Wörter fließen nicht schwungvoll aus dem Kuli, sondern folgen einer unsichtbaren Börsenindex-Linie.
Den Titel konnte ich jedenfalls nicht entziffern. Irgendwas mit Holunder habe ich mir gedacht. Na und dann habe ich eben drei Stunden die volle Hollywood-Ladung »Highlander« angeschaut und mich ein bisschen in den Zombie-Wikinger verliebt und geweint habe ich nur, als plötzlich der Fernseher ausging. Ich weiß noch, wie der Aus-Knopf fast exakt den Rhythmus des wilden Queen-Soundtracks nachblinkte und ein Finger minutenlang stumm im roten Blinklicht danebenlag und sich nicht rührte. Der Finger gehörte zu meiner Mutter, die gar nicht stumm war, sondern von Hausaufgaben und »Mitten in der Nacht« und »Ab ins Bett« redete und dabei vollkommen vergaß, dass es hier nicht um mich ging, sondern um die Journalisten-Tante, die gerade dabei gewesen war von einer übertrieben hohen Werbetafel zu fallen, während sich unter ihr Ying und Yang einen funkensprühenden Fight lieferten. Ich konnte nicht anders als zu weinen. Im entscheidenden Moment hatte ich die gute Seite im Stich gelassen und sollte nun in meine unbedeutende Kinderzimmerwelt zurück, obwohl das Böse weiter wütete. Immerhin dachte ich daran, mir den Zahnputzbecher unters Auge zu halten und tatsächlich zwei, drei Tropfen aufzufangen. Meine Mutter nannte mich daraufhin eine pathetische Nudel und schickte mich ins Bad und während ich mich noch über ihre Ignoranz ärgerte und mich beim Zähneputzen wie ein toilettenschrubbendes Waisenkind fühlte, spülte ich meinen Mund mit einer tausendfach verdünnten Tränenlösung aus. Es war ein kleines bisschen salziger als sonst, aber das könnte auch nur ein Chipskrümel gewesen sein, der sich am Gaumen festgeklammert hatte.

Diese Träne dagegen, die von heute, schmeckt schmutzig, sie hat den Dreck eines ganzen Tages mitgenommen, der sich zwischen Augenwinkel und Oberlippe gesammelt hat. Tränen sind gut, wenn sie entgiften, wenn sich die Tränendrüse wie nach einer zu lustiggetrunkenen Hausparty über der Kloschüssel auskotzt, sie sind noch besser, wenn eine Freundin die Haare der besoffenen Tränendrüse hält. Aber wenn die Hausparty allein im Bett stattfindet und die Übelkeit von irgendeinem Virus kommt und man sich täglich übergibt – nicht so freudig spritzig, sondern langweilig und schnoddrig bis auf die Galle – dann sind Tränen nicht gut. Dann hat die Tränendrüse ein Problem. Und ich auch.
Die Schnappatmung ist inzwischen in eine wacklige Bauchatmung übergegangen, tief und langsam, unterbrochen von Schniefern und gelegentlichen Hicks. Ich liege auf der Seite, in meine Bettdecke eingerollt und schaue mir die weißen Berglandschaften an, die dank ungleichmäßig aufgetragener Farbe meine Wand zieren. Dann popel ich. Popeln hat etwas sehr meditatives, man besinnt sich nur auf den Körper, man fühlt ihn, erforscht ihn, während der Geist schon in anderen Sphären schwebt. Hab ihn. Ich rolle ihn kurz zwischen Daumen und Zeigefinger und schnipse ihn dann weg, aber mit geschlossenen Augen, damit ich ihn irgendwann ernsthaft überrascht finden und mich über meine Vormieter ärgern kann. Was ist wohl aus all den Körperflüssigkeiten, Haaren, Hautpartikeln geworden, die ich schon wild in der Welt verteilt habe? Mein Speichel muss gut rumgekommen sein, vielleicht küssen sich in Brasilien gerade zwei Münder und wissen gar nicht, dass ein winzig kleiner Anteil ihrer Spucke meiner ist. Und meine Schuppen erst. Sie ernähren Larven in tschechischen Backpackerhostels, ganze Larvengenerationen fressen sich daran satt, ein Festmahl in den abgeranzten Bettenlagern der Neuzeit-Nomaden. Ein schöner Gedanke. Sie leben davon, während ich meine Haut lieblos rumliegen lasse. Ich denke an all meine Eintagsfliegenleben, die ich verprasst habe und die Traurigkeit ist wieder da. Wie der Kaffee, den ich gestern auf dem Dielenlaminat vor meinem Bett verschüttet habe und der trotz aufgedrehter Heizung immer noch nicht vollständig verdunstet ist, genauso bleibt da eine Lache schwarzer Gedanken im Kopf, um die ich meistens einen großen Bogen mache. Oder reinspringe, ohne Gummistiefel. Pathetische Nudel. Ehe ich mich ganz in der Pfütze versenke, scrolle ich lieber meine Facebook-Timeline runter. Das entspannt, das gibt ein Gefühl von Kontinuität und Sicherheit. Egal wo, egal wann, es wird immer ein neues gleich-fettiges Foodvideo geben, eine voll inspirational speech und einen Vice-Artikel über Heroinsucht in Michigan oder Exorzisten in Neu-Delhi. Mein flow of consciousness wird zum flow of content.

Zwei Stunden später. Ich habe alle sechs mir bekannten Schlafpositionen durchgelegen – seitwärts links beide Beine angewinkelt, seitwärts links ein Bein angewinkelt, seitwärts rechts beide Beine angewinkelt, seitwärts rechts ein Bein angewinkelt, Bauchlage mit Kissenumarmung und Sarg – und mein Rücken tut weh. Ich sollte aufstehen, rausgehen. Facebook denkt das auch, schon die zweite Benachrichtigung, die mich auf dieses bekackte Meet-Up hinweist. Meet-Up, weil sich die Leute zu cool sind, um das monatliche Treffen in derselben Bar mit denselben Gesprächen und demselben überteuerten Heineken Stammtisch zu nennen. Bekackt, weil es laut und blind und anstrengend ist und ich das nicht brauchen will, es aber doch tue.
»Na, ich find das eigentlich auch nicht so gut, besonders McKinsey, das sind schon Burn-out-Menschen und auch moralisch, naja, aber ich will erstmal schnell was verdienen und dann mal schauen.« Ich habe keine Ohren gefunden, nur Münder, einer davon spricht vage in meine Richtung, vielleicht aber auch zur Bedienung, ich habe nicht zugehört. »Und bei dir?« Nein, er spricht zu mir. »Schlafen und essen« sag ich und nehme einen Schluck überteuertes Heineken. »Und trinken.« Der Mund öffnet sich, zieht Luft ein, die Zungenspitze bewegt sich schon zum vorderen harten Gaumen, aber denn pressen sich die Lippen aufeinander und es kommt nur ein »Mhh«. Also erzähl ich was von Gap-Year und Slow-Life und Opposition zur Leistungsgesellschaft und warum man aus ökologischen Gründen das Duschen auf einmal pro Woche reduzieren sollte. Ich erzähle nicht, dass ich in die Dusche pisse, obwohl es auch dazu einen Hashtag gibt. »Ja, ich hab mir jetzt letztens Haarseife gekauft, das wurde von Utopia empfohlen, so einem Magazin über Nachhaltigkeit und Ökozeugs, weil man Verpackung spart und da auch kein Mikroplastik drin ist, da hast du bestimmt schon mal von gehört, dass in voll vielen Kosmetikprodukten einfach Plastik drin ist. Und ich mein, das trinken wir ja auch, über Umwege kommt das irgendwann wieder in die Leitung und dann trinken wir das oder unsere Kinder, das ist schon verrückt.« Ich sage nicht, dass McKinsey-Leute sowieso nur Evian trinken oder Rheinquell oder sowas und dass sie für einen Flug Berlin-London auch tausend Liter stinkendes Coconut-Shampoo in die Ostsee kippen könnten. Ich nicke nur und schaue auf mein Handy. 22:36. Viel zu spät, ich muss abhauen, ja, war echt schön, bis zum nächsten Mal und noch viel Spaß euch!

Ich muss ein bisschen lachen am Alex. Eines dieser rollenden Werbebanner entrollt sich vor mir und ein Baby schaut mich an mit einem hässlichen Photoshop-Blick und es trägt einen viel zu großen lila Hosenanzug und Damenschmuck und vor seinen Füßen liegt eine Evian-Flasche, gerade aus der Babyhand gefallen. Eine geschrumpfte Business-Lady. Kurz überlege ich ein Foto zu machen, aber wem sollte ich es schicken und überhaupt, Momente nehmen sich immer so wichtig, wenn sie fotografiert werden, das mag ich nicht.
Also lasse ich mich weiter durch die türkis gekachelten Gänge treiben, bis zum Gleis, in die Ubahn, in den Wogen gewiegt und müde. Gestrandet auf einem Fensterplatz und viel zu müde, um zu weinen. Die Dreckschlieren auf der Scheibe ziehen sich über mein gespiegeltes Gesicht und ein einziger wackerer Tropfen hält dem Fahrtwind stand und klammert sich kurz unter meinem gespiegelten Augenwinkel ans Glas. Nichts da außer mir und der Spiegelung und dem durchsichtigen Bildschirm, der einen Stummfilm mit mir in der Hauptrolle zeigt. Ich im Fenster, ich in der Glastür, alle anderen nur Statisten.
Auf der Rolltreppe steht ein gebeugter beiger Herr mit braunkarierter Weste und Schiebermütze, der sich mit beiden Händen links und rechts an den Rollbändern festhält, während eine Umhängetasche hinter ihm baumelt. Und als die Rolltreppe hinaus in die Nacht fährt, kommt eine dieser heftigen Ubahnschacht-Böen und weht ihm die Schiebermütze vom Kopf, die paar weißen Haare flattern auf und der Mann betastet seinen entblößten Schädel, wendet sich mühsam um und findet mit seinen Blicken die Mütze ein paar Stufen weiter unten. Er runzelt die  Stirn, eins, zwei, drei Stufen zählt er, das ist zu viel, er lässt die Mütze liegen. Einfach da liegen lässt er sie. Natürlich heb ich sie auf und hole den Mann etwa zehn Meter nach Treppenende ein. Als ich sie ihm hinhalte, sagt er nichts, er schaut nur ungläubig im Dreieck von der Mütze zu seiner Hand auf mein Kinn und wieder zur Mütze. Ich sage auch nichts, versuche zu lächeln und als die Mütze ihren alten Platz eingenommen hat, drehe ich mich um und gehe und weine. Er hätte nur warten müssen, bis die Mütze hochgerollt kommt, aber er ist müde.
Eine kleine Träne hat sich der Schwerkraft widersetzt und sich an mein Brillenglas geschmiegt. Wenn ich das eine Auge zukneife und mit dem anderen direkt an der Nase vorbeischaue und wenn ich dann mein Gesicht den Straßenlaternen zuwende, schimmert die Welt wie ein Blendenfleck. Vielleicht wäre es gut, das Ende zu kennen.


ÜBER DIE AUTORIN

Nora Noll ist nicht der typische Fernweh-Mensch, doch ständig auf der Suche nach Neuem. So hat es sie aus der bayerisch-behüteten Heimat hinaus über Berlin nach Paris verschlagen, wo sie entlang der Verbindungslinien von französischer und deutscher Literatur studiert. 


Dieser Beitrag wurde betreut von Simon Böhm.

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