Elektrische Fliegenfalle

Elektrische Fliegenfalle

 Die Fliegen | © Alexia Fenchel (2017)

Die Fliegen | © Alexia Fenchel (2017)

Jeden Moment vergeht,
ein Leben unbeweint.
Im Lärm ist’s schon verweht,
bleibt ewig ungereimt.

Wir essen und wir trinken,
ein Knacken ist ein Tod.
Wir stopfen fetten Schinken,
zur Not auch ohne Brot.

Zwei Worte bilden,
ein Mordinstrument.
Leuchtendes Vertilgen,
ein Leben niemand kennt.

Warum muss das Leben,
ein ewig Sterben sein. 

Lesart

Widmet sich ein großer Autor kleinen Dingen, weist diese Geste darauf hin: ihm liegt die Welt am Herzen. ›Die Welt‹ ist so komplex, dass wir sie günstigstenfalls im Detail verstehen. In seinem berühmten Stück Das Fliegenpapier schreibt Robert Musil über eine scheinbar unbedeutende Figur: die Fliege. Musil beschreibt, wie sie auf dem kanadischen Fliegenpapier ›Tangle-Foot‹ im vergifteten, gelben Leim verunglückt und schließlich mit ihren Artgenossen ersäuft, »wie gestürzte Aeroplane, die mit einem Flügel in die Luft ragen«. Wer das Banalste literaturfähig macht, ist kein banaler Autor — denkt sich auch unser Lyriker, als er sich selbst den Zweiflüglern widmet.
In Elektrische Fliegenfalle ist schon im Titel zu erahnen, dass es sich um eine Metapher handelt. Einmal bietet sich die Fliege an, weil das erwachsene Tier in der Zoologie als ›Imago‹ bezeichnet wird, was Bild und in diesem Zusammenhang bedeutet, ›Bild der Art‹. Aber die Metapher meint auch: Die moderne Fliege ersäuft nicht im Leim, sondern verbrennt in 3-Röhren-Hochleistungssystemen. Den technischen Fortschritt spüren selbst die Fliegen. Und wir?
Unser Leben — also das menschliche — setzt sich scheinbar unberührt davon fort. »Wir essen und wir trinken,/ ein Knacken ist ein Tod./ Wir stopfen fetten Schinken,/ zur Not auch ohne Brot.« Aber auch unser Leben — wie das der Fliege — ist ein »ewig Sterben«. Wir können das Leben nur intensivieren und etwa versuchen, schriftlich ein ›Bild der Art‹ zu erzeugen.
Die Fliege, der ungeliebte Zweiflügler — drängt sich dem auf, der sie wahrnimmt. (Konstantin Schönfelder)


ÜBER DEN AUTOR

Moritz Junge bezweifelt, dass er wirklich aus der Stadt kommen soll, die damit wirbt, ›supernormal‹ zu sein. Vielleicht verrät er seine Stadt ja, wenn er Gedichte schreibt. Oder er tut es, weil er Philosophie studiert, und als Nietzsche- und Foucaultleser — natürlich — immer alarmiert ist, wenn jemand das Normale idealisiert.


Dieser Beitrag wurde betreut von Konstantin Schönfelder.

Der Kuss

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