Reisenotizen aus Fernwest

Reisenotizen aus Fernwest

 »Grün« | Außerhalb von Manizales, Kolumbien | © Konstantin Schönfelder (2016)

»Grün« | Außerhalb von Manizales, Kolumbien | © Konstantin Schönfelder (2016)

Lange habe ich keinen Unterschied zwischen Reisen und Urlaub gemacht. Dem Reisen, bei dem ich alles in Bewegung verwandle, mich überfordere, jeden Eindruck wie meinen letzten zu inhalieren versuche, weil ich spüre, wie vergänglich er ist. Und dem Urlaub, mit dem ich nur fortkommen will, zu einem Ort, den ich nicht aushalten muss, weil er mich stillschweigend erträgt.
Ich mache keinen Urlaub; ich liebe das Reisen. Und viele meiner Reisen, zuletzt in Kolumbien, finden in Bussen statt. Auf der Busfahrt von Bogotá nach Manizales fahre ich in neun Stunden in den kolumbianischen Südwesten. 300 Kilometer, die Straßen entsprechen touristischen Standards. Doch es sind lange neun Stunden, weil der Weg in und über die Anden führt, die sich im Süden Kolumbiens zu erheben beginnen und auf deren Rücken man bis ins südliche Chile einen Kontinent abfahren kann. Die Straßen führen kurvig und zuweilen ungesichert in die Berge hinein und wieder hinaus. Die Abfahrten sind ein Kampf gegen die Mechanik: Die Bremsen sind hör- und spürbar unter Spannung.

In diesem Bus sitzen nur zwei ›monos‹, oder der Blonde, wie es wörtlich übersetzt hieße und wie man mich hier nennt. Anders gesagt: ich bin mit einem französischen Gast der einzige ›mono‹, der es sich antut auf diese Weise gen Westen zu reisen.
Die Kolumbianer scheinen die Wege zu kennen und die Abläufe auch. Wir halten nach vier Stunden, meine Mitfahrer steigen routiniert aus und ich folge ihnen zögerlich mit meinem französischen Freund, der mir irgendwie nah erscheint, weil wir beide doch Europäer sind. Beim Aussteigen laufe ich gegen eine heißfeuchte Wand, schwanke dem kleinen Restaurant entgegen, vor dem unser Bus hält. Wir essen bezweifelbares Schweinefleisch und ausgezeichnete Yuka. Wir sprechen kein Wort.

Nie in meinem Leben sah ich so eine lebendige Landschaft, die wie ein dschungelgrüner Teppich über der Erde ausgebreitet liegt. Ich meine zu spüren, wie fruchtbar dieses Land ist. Über manchen Baumfeldern steigt Rauch auf, der manchmal nur Dampf ist oder und meistens schwacher Nebel. Aber ich achte nur auf das Grün, überall Grün, wie beim Blick auf die Landkarte.
Wir kommen an in Manizales. Mir schmerzen die Beine. Auf meinen Knien zeichnen sich die Abdrücke des Vordersitzes ab, gegen den sie die meiste Zeit gedrängt waren. Ich bin orientierungslos — und müde. Niemand erwartet mich, dabei sollte ich abgeholt werden. Ich lehne meinen gespannten Rucksack an die lehmgelbe Wand des Busbahnhofgebäudes. Ich gebe meinen Knien nach, hocke mich hin, beobachte. Schweiß tropft auf Beton.

»Dies Land gibt keine Lehren. Es verspricht nichts und hält auch nicht mit Hoffnungen hin. Es begnügt sich zu geben, und zwar im Überfluss. Es ist ganz und gar für die Augen da, und sobald man es genießt, kennt man es auch. Seine Genüsse kennen kein Heilmittel, und seine Freuden keine Hoffnung. Es verlangt klare sehende Seelen, die keinen Trost brauchen. Es will, dass man sich zu seiner Klarheit wie zu einem Glauben bekennt. Seltsames Land, das dem Menschen, den es ernährt, beides zugleich gibt: Glanz und Elend! So ist es nicht weiter erstaunlich, dass die reiche Sinnlichkeit dieser Menschen mit dem äußersten Elend zusammentrifft. Jede Wahrheit hat ihre Bitterkeit.« (Albert Camus, Hochzeit des Lichts (Hamburg & Zürich: Arche, 2013), S. 29–30)

Fremdlesen

 Irgendwo/Überall | © Sophia Fenchel

Irgendwo/Überall | © Sophia Fenchel

Ich stelle mir vor, wie ich, wenn ich eines Tages an einem Ort bin, ihn zu gleicher Zeit auch literarisch entdecke, sich mir dadurch dieser Ort dialektisch erschließt: an den Grenzen zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen ›Realität‹ und ›Fiktion‹, zwischen dem Gesehenen und dem Erlebten. Werde ich in Santiago de Chile sein, lese ich Neruda und Zambra; bin ich in Bogotá, lese ich Vasquéz und Márquez; in New Orleans lese ich William Faulkner; in Paris lese ich Sartre oder Foucault; in Wien lese ich Zweig und Freud; in Mexiko-Stadt lese ich Octavio Paz und so weiter. Ich stelle es mir vor jeder Reise auf diese Weise vor. Es scheint ja nur natürlich, dass ich in meiner physischen Annäherung mich auch geistig — und das meint, in meinem Falle, vor allem, literarisch — auf den Ort zu bewege, und nicht von ihm weg. Doch nie überträgt sich das in meine Realität.

Auf meiner Busfahrt nach Manizales lese ich Didier Eribons Rückkehr nach Reims. Ein Buch über die französische Arbeiterklasse, Homosexualität, den Front National oder aber: kein Buch über die kolumbianische Landschaft, in der ich mich aufhalte, aber nicht eintauchen kann. Im Fremdlesen, das immer wie ein Betrug am Moment erscheint, reflektiert sich die Sehnsucht nach dem Anderen.

Und dann ist es möglich, mit Eribon und Bourdieu in einer Pariser Wohnung zu sitzen und zeitgleich kolumbianische Landschaften zu durchkreuzen. Niemals lässt sich das gänzlich rechtfertigen oder verhindern, immer bleibt darin die unendliche Aufgabe eines Lebens: den Zustand zu finden, in dem sich Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges richtig verbinden.

Notizbuch

 Auf den Straßen von Fernwest | © Sophia Fenchel

Auf den Straßen von Fernwest | © Sophia Fenchel

Ich erinnere mich, dass mir meine Schwester, als ich 14 war, ein Notizbuch schenkte. Die Oberfläche hatte eine metallene Optik, das Grau wurde von moosgrünen und violetten Sprenkelungen unterbrochen. Es machte auf mich einen bedeutenden Eindruck, damals.
Ich wartete lange, bis ich die erste Seite füllte und noch länger, bis ich zur zweiten gelangte — die dritte habe ich nie beschrieben. Ich hob es mir auf, wie ich mir damals noch Kaugummis oder Schokolade aufbewahrte, bis sie hart und geschmacklos und mit einem weißlichen Film überzogen war. Ich schrieb bis auf ein paar Zeilen auf den ersten beiden Seiten nie etwas hinein, stattdessen öffnete und schloss ich bloß, aber in bedeutender Geste, den Buchdeckel, genoss den sanften Windschlag, den das Öffnen auslöste, wenn ich es denn schnell genug tat und sog den Papiergeruch ein. Mein Notizbuch führte mich in eine Welt, über die ich wusste, dass ich in der ich leben wollte und dass sie sich mit meinem Notizbuch öffnete.

Die leere Seite ist die beste Gelegenheit.

Zu jener Zeit, oder kurz danach, sah ich mich bereits als Schreibenden. Mein Anspruch ging der Tat voraus, wie auch beim Lesen. 
Ich wollte belesen sein, las aber nicht gern; ich wollte verstehen, ließ mich aber selten auf die Anstrengungen ein, die dafür erforderlich sind, und ich wollte schreiben, schrieb aber nie. Ich versuchte es nicht einmal. Aber die Bewegung kam den Gedanken nach, irgendwann, mit 16 Jahren, begann ich dann leidenschaftlich zu lesen und mich bereitwillig zu konzentrieren. Später dann sogar zu schreiben: Notizen, manchmal nur Stichpunkte, viel Fragmentarisches. Mit Hilfe meines Möglichkeitssinnes schöpfte ich aus einer Wirklichkeit, die erst spät(er) eintrat. Doch ihr Eintreten hing davon ab, dass ich sie mir vorstellte.

Seit einem Jahr sind mehrere Notizbücher immer in meiner Nähe. Ich schreibe auf, was ich als vergänglich wahrnehme und daher besonders vom Verlust bedroht ist.

Bei einem bewaffneten Überfall in Bogotá kam mir dann doch mein Notizbuch abhanden, in welchem die Arbeit meiner letzten Tage abgefasst gewesen war, wie auch meine Notizen zu Eribons Rückkehr nach Reims. Mit diesem Buch kam mir auf der Calle 90 in Bogotá auch ein Stück meiner Erinnerung abhanden. Was ich vorausblickend aufgeschrieb, war nun unwiederbringlich verloren und mir drängt sich die Frage auf, was das mit meinem Verhältnis zu den Büchern (in meinem Buch) macht. Was, wenn ich sie erneut lese?
Natürlich ist etwas verloren gegangen, doch muss das, was im Notizbuch geschrieben steht, zugleich minimal in mein Bewusstsein eingeschrieben sein, sodass ich mich dann beim wiederholten Lesen erinnere, an meine verschollenen Notizen, oder sogar weiter und tiefer schaue, da alles schon einmal da war.

Jeder Leser liest sein eigenes Buch und er oder sie liest es niemals, auch beim wiederholten Lesen des gleichen Buches, auf dieselbe Art oder Weise.


Über den Autor

Konstantin Schönfelder ist einer der Gründer von Prä|Position und, wenn Nähe berufen macht, ein Gärtner der literarischen und südamerikanischen Landschaften. 


Dieser Beitrag wurde betreut von Holm-Uwe Burgemann.

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