Auf der Ebene ist jeder Schritt eine riskante Entscheidung. Unsere Essays und Gespräche geben Orientierung.

Die Gärten sind Räume der Phantasie und der Geschichten. Wo Seltenes sprießt, sind die Schreibenden Gärtner:innen und die Leser:innen jene, die sich gern verirren. Prosa und Lyrik sind hier an ihrem Platz.

In Passagen begegnen wir uns. In diesem Raum der Aphorismen sind kleine Stücke aus Literatur und Philosophie ausgestellt und kommentiert.

Die Sentimenthek ist eine Bibliothek der guten Bücher und unserer sentimentalen Gefühle für sie.

Kleine Philosophie der LEGO-Steine

Kleine Philosophie der LEGO-Steine

 LEGO I | © Alexia Fenchel 2018

LEGO I | © Alexia Fenchel 2018

Das Auf-den-Stein-treten

Tritt man auf einen LEGO-Stein, wird man sich schlagartig dessen bewusst, was schon vorher auf dem Fußboden lag. In seinem Erkenntnischarakter ist das Auf-den-Stein-treten verwandt mit dem platonischen Tritt aus der Höhle. Was vorher selbstverständlich war – der alltägliche Raum von dem das einzig Wichtige war, dass man ihn durchquert – wandelt sich. Plötz­lich wird es wichtig, wie man ihn durchquert. Somit verändert sich nach dem Tritt auf den LEGO-Stein die Art der Fortbewegung. Sie wird aufmerksa­mer. Die Kulturphilosophie ist hier ein professionelles Auf-den-Stein-treten. Im Verhältnis zur klassischen Philosophie ändert sich lediglich eine Präposition und doch die gesamte Methodik. Auf den Stein tritt man nicht, wenn man zu ihm hingezerrt wird oder gezielt nach ihm sucht. Auf den Stein tritt man unverhofft. Und auch nur, wenn jemand anderes ihn zuvor auf dem Boden vergessen hat.
Auf das Auf-den-Stein-treten lässt sich dann auf drei Arten reagieren: (1) Dass ein Stein auf dem Boden liegt, kann als falsch betrachtet werden. Der Spielenden wird dann Fehlverhalten unterstellt, denn LEGOs gehören weggeräumt. Berufen wird sich dabei auf eine höhe­re Instanz, beispielsweise die »Hausordnung«. (2) Der Tritt kann auch Anlass sein, der Spielenden ein klar deklariertes Spielzimmer zuzugestehen. Die »Bedrohung« wird so eingedämmt, wenn auch nicht vollständig unterbunden. (3) Der Auf-den-Stein-Getretene kann weiterhumpeln und sich über der Farbe des Steins freuend fragen, welches Spielzeug das nächste sein wird, auf das er treten wird.

Die Fuge

LEGO-Steine bilden ein perfektes System von Fügungen, vorausgesetzt sie wurden präzise hergestellt. In dem Moment, in dem sich die einzelnen Teile nicht mehr fügen, hört das Spiel auf zu sein. Fügen können sich nur zwei oder mehr Dinge, die an­einander ihren Platz gefunden haben. Diese Teile müssen sich in ihrer Oberfläche ähneln – müssen passen. Doch selbst wenn sie das tun, bleibt die Fuge als eine schmale Spalte, die das Ganze in seine Teile teilt – das »Mal« der Differenz – bestehen. Viele empfinden die Ästhetik von LEGO-Steinen als zufällig, da hier versucht wird farblich nicht zueinander Passendes zu verfügen. Entscheidend aber ist, dass sie passen.
Man sagt von gut begründeten Positionen, dass sie »mit Fug und Recht« bekleidet werden. In dem einmal Verfugten liegt eine pragmatische Konstanz. Das, was sich einmal gefügt hat, hat sich bewährt und darf seine Geltung behaupten. In der Ästhetik von LEGO wird allerdings mit Fug und Recht das Widersprüchliche verfügt. Hierin liegt die Identität der sich stark unterscheidenden Stein-bauten. Zusammengesetzt aus vielen bunten Teilen, inkonsequent, und in ihrer Disharmonie Harmonie bergend. Konstanz ist nicht in den Bauten selbst zu finden, sondern in ihrer Ästhetik. Entscheidend für ihre Identität ist ihr Zusammengesetztsein. Die Steine fügen sich in ihrer Beziehung zueinander und nicht im Blick auf das spätere Ganze.

 LEGO II | © Alexia Fenchel 2018

LEGO II | © Alexia Fenchel 2018

Bodenplatten

Hans Blumenberg hat in seinen Vorlesungen die Platte, auf der Spielzeugindianer stehen, als Beispiel für die Lebenswelt angeführt. Die Welt, die den subjektiven Ausgangspunkt für den Dialog mit der objektiven Welt bildet, die Welt, die man bei allem Sehen nicht sieht.
Mit den Bodenplatten von LEGO verhält es sich anders. Sie sind zentrale und bewusste Fundamente. Es gibt Straßenplat­ten, Platten mit Burggräben, schlichte Platten und so weiter. Sie kön­nen eben sein oder vertikale Variationen aufweisen. Es ist wich­tig, welche Platte unter dem Bau liegt. Die Platte prägt den Bau und stimmt den Bauenden auf sein Vorhaben ein. Steht der Indianer auf der Lebenswelt, stehen LEGO-Steine auf dem Paradigma.

Meisterbauer

In The LEGO Movie (2014) fällt dem Protagonist Emmet die Aufgabe zu, die Welt vor dem bösen Lord Business zu retten. Er muss hierfür seiner Besonderheit durch kreatives Bauen Ausdruck verleihen. Zunächst entwirft dieser jedoch nur eine unpraktische, zweistöckige Couch, deren Bau als Slapstick in­szeniert wird. Als Emmet dann im Endkampf einen Riesenroboter erschafft, bedienen sich die Regisseure der Bildsprache des Actionfilms. Erst jetzt, erst als die Zeit ihrem Ende entgegenläuft, wird er zum systematisch und ergebniso­rientiert arbeitenden Meisterbauer. Mit der absurden Idee der Doppeldecker-Couch hat das längst nichts mehr zu tun. Die Beson­derheit des Welten rettenden Meisterbauers zeigt sich in einer Problemlösungskapazität, die sich unter Zeitdruck bewährt.

 LEGO III | © Alexia Fenchel 2018

LEGO III | © Alexia Fenchel 2018

Bauen

Bei LEGO geht es ums Bauen. Erklärtes Ziel des Unternehmens ist schon immer »to inspire and develop the builders of tomorrow«. Es geht um die existenzielle Möglichkeit einzelne Steine frei kombinieren und Neues erschaffen zu können. Selbst Figuren besitzen auf ihrem Kopf eine Noppe. Auf ihren Köpfen lassen sich so Hüte und auch vollwertige Steine befestigen und, frei nach dem Ansinnen der Bauherrin, notfalls ganze Paläste. Der Bau hat einen stark systematischen Charakter: Ein Stein muss wie bei klassischen Bauklötzen auf den anderen gesetzt werden – im Verhältnis zu klassischem Baumaterial geschieht dies unter einer gewissen Freiheit von den Gesetzen der Statik. Aber auch im LEGO-Spiel lässt sich kein Bau wider der Natur errichten. Nichts kann einfach so in der Luft hängen. Allerdings können sich die Steine gegenseitig, da sie aufeinander gesteckt werden, Stabilität über die jenseits des Spiels bekannten Grenzen hinaus geben. Auf den Steinen ruht der Schein des Realen, doch bleiben sie nur dessen Nachbildung. Was schwer im Leben scheint, ist leicht im Spiel. Auf Grund der Noppen läuft der Bau dennoch diskret ab, ist einem gestuften Wertvorrat entnommen. Ein Stein lässt sich nur an den vorgesehenen Stellen befestigen. Das Bauen der zukünftigen Baumeisterin ist somit andersartig und doch (ebenso) gelenkt.
Da das Bauen das zentrale Element des LEGO-Spiels ist, sind im Auf-bau bereits Varianten des späteren Um-baus angelegt. Möglich ist sowohl die Expansion (der Weiter-bau) des Werkes, die Umorganisation gegebener Steine (der klassische Um-bau) oder die Dekonstruktion des Gegebenen, um Ressourcen für einen Neu-bau zu gewinnen (der Ab-bau). Ein mit bunten Steinen bestücktes Spielzimmer wird so zum Trainingslager der sich verändernden Moderne.

Bausätze

Es ist erstaunlich schwer LEGO-Steine zu erwer­ben, die nicht bereits in vorgegebenen Beziehungen stehen. Streift man durch Spielzeugabteilungen findet man in den Gängen zwar Sternenjäger, Riesenräder und den Big Ben, aber selten ein Set das ein Grundbestand aus 4x2- oder 2x2-Steinen enthält, sprich reines Baumaterial. In The LEGO Movie wird sich über die Fixierung von Otto Normalbürger auf Anleitungen amüsiert. Kauft man Spielzeug in der LEGO-Abteilung, kauft man jedoch eine Anweisung zum korrekten Aufbau gleich mit. Vor einigen Jahren kam die Kreativabteilung des Unternehmens dann auf das Konzept von Multifunktionsbausätzen. In die­sen sind einige Steine mehr enthalten (aber immer noch kaum 4x2- oder 2x2-Steine) und: eine Anleitung zum korrekten Umbau.

 LEGO IV | © Alexia Fenchel 2018

LEGO IV | © Alexia Fenchel 2018

Branding

Das Branding ruft Assoziatio­nen zum Brandmal hervor. Devianten Subjekten wurde es in früheren Zeiten zur Strafe in die Haut gebrannt. Ihre Untaten wurden so für alle Welt sichtbar; der Wert des Individuums im Auge der Gemeinschaft wurde herabgesetzt. Das moderne Branding von Gegen­ständen hingegen wirkt wertsteigend. Doch auch dieses verleiht seinem Träger Identität. Vorausgesetz, das brand-buil­ding ist wirkungsvoll – wie im Falle von LEGO. 

Unfug

Nachdem Emmet in The LEGO Movie eine unbeholfene Motivationsrede gehalten hat, wirft William Shakespeare ihm einen Schädel an den Kopf und ruft: »Unfug!«. Diese Szene spielt auf Hamlet an. Nachdem sein Vater ihm zu Ende der fünften Szene des ersten Aufzugs den Auftrag zur Rächung seiner Ermordung gegeben hat, beklagt er sich »The time is out of joint. O cursèd spite, / That ever I was born to set it right!« Hamlet verwünscht mit diesem Ausruf seine Mission, die Rache ausüben zu müssen, um die Gerechtigkeit wieder herzustellen, das Unverfugte wieder zu verfügen. Im dritten Akt von The LEGO Batman Movie (2017) ist das wortwörtlich die Mission der Helden. Die Welt bricht auseinander und die Guten und die Bösen müssen sie als Einheit wieder verfügen.
Der Unfug der Welt und seine Rolle für die Sache der Gerechtigkeit trieb auch Derrida in seiner Grundlegung des Postmarxismus in Marx' Gespenster um. Für Derrida gilt es allerdings nicht, den Unfug zu beenden, sondern ihn herbeizuführen und anschließend zum Vergangenen als Anderem und nicht länger Verfugten eine Beziehung aufrecht zu erhalten. In der vollständigen Negation und der gleichzeitigen Aufrechterhaltung von Treue, wird für Derrida eine Zukunft denkbar, die gut ist, die weder einen fatalen Totalitätsanspruch erhebt noch Ungerechtigkeit erduldet. LEGO-Batman hätte womöglich auch aus Hei­deggers Feder stammen können – Derrida wirft wie LEGO-Batman augenzwinkernd mit Schädeln.


Weiterlesen

Walter Benjamin, Berliner Kindheit um neunzehnhundert (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1987).

Jacques Derrida, Marx' Gespenster. Der verschuldete Staat, die Trauerarbeit und die neue Internationale (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2003).

Byung-Chul Han, Die Austreibung des Anderen. Gesellschaft, Wahrnehmung und Kommunikation heute (Frankfurt am Main: S. Fischer, 2016).

Martin Heidegger, Der Anfang der abendländischen Philosophie. Auslegung des Anaximander und Parmenides [insb. § 19] (Frankfurt am Main: Klostermann, 2012).

Hans Blumenberg, »Das Lebensweltmißverständnis«, in ders. Lebenszeit und Weltzeit (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1986).


Über den Autor

Norman S. Marquardt ist aufgewachsen, wo sie salzige Luft atmen und das Land flach ist – womöglich ist er deshalb mit LEGO auf den Geschmack gekommen. Seine Rolle als Regieassistent am Landestheater Schleswig-Holstein hat er hinter sich gelassen und steht heute auf der Schwelle zur Sozialwissenschaft. Wenn er auf den Kieler Deichen geht, sagt er Sätze wie: »Kosmopolitismus passiert im Kopf und nicht im Flugzeug«. Der Kapitalismus und der Weltraum sind ihm wichtig.


Dieser Beitrag wurde betreut von Holm-Uwe Burgemann.

Coming(-)out

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Die Grenze in uns: Spuren räumlicher Verhinderung

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