Auf der Ebene ist jeder Schritt eine riskante Entscheidung. Unsere Essays und Gespräche geben Orientierung.

Die Gärten sind Räume der Phantasie und der Geschichten. Wo Seltenes sprießt, sind die Schreibenden Gärtner:innen und die Leser:innen jene, die sich gern verirren. Prosa und Lyrik sind hier an ihrem Platz.

In Passagen begegnen wir uns. In diesem Raum der Aphorismen sind kleine Stücke aus Literatur und Philosophie ausgestellt und kommentiert.

Die Sentimenthek ist eine Bibliothek der guten Bücher und unserer sentimentalen Gefühle für sie.

Coming(-)out

Coming(-)out

Dies ist ein Manifest. Denn nichts ist argumentiert und alles will überzeugen. Der Autor ist Musiklehrer in einer Thüringer Kleinstadt und hatte diesen Text als Post in seiner privaten Facebook-Timeline veröffentlicht. Er kam dadurch mit ehemaligen Schülern ins Gespräch. Dass ein Musiklehrer sich auf diese Weise exponiert, entblößt und angreifbar macht, hat einen großen Eindruck auf uns gemacht. Wir haben uns entschieden, sein Coming(-)out hier ohne Eingriffe erneut zu veröffentlichen. Nur dem Titel haben wir zwei Klammern beigefügt. Die Umklammerung des Bindestrichs hebt diesen Text sanft ab von den Formen des Begehrens, die in dieser Metapher üblicherweise einander assoziiert sind, ohne aber zu leugnen, dass sich hier, nicht anders als dort, ein universaler Anspruch artikuliert.

 


 

Es wird Zeit, dass ich mich nicht mehr verstecke und endlich zu mir und meinen Neigungen stehe! Mein Name ist Claudius Taubert. Ich bin 35 Jahre alt. Ich bin Deutscher. Ich bin Vater von zwei Söhnen. Und ich bin transkulturell. 

Ich fühle mich dem vietnamnesischen Buddhisten Thích Nhât Hanh ebenso nahe, wie dem Baptisten Martin Luther King und dem jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber und ich liebe den weiten Horizont meines älteren muslimischen Bruders Navid Kermani. Ich genieße es, wenn die kontrapunktischen Wellen einer Bachkantate über mir zusammen schlagen, ich tauche aber ebenso gern in den britischen Prog Rock der 70er Jahre ein, lasse mich von den Sheets of Sound eines John Coltrane umspülen oder von einigen brutalen Heavy-Metal-Wogen gegen die Klippen schleudern, um mir dann mit 2Pac oder Eko Fresh das Wasser wieder aus den Ohren zu schütteln. Außerdem mag ich es, meine Sätze in Wassermetaphorik zu ertränken.
Ich bewundere die komplexe Spracharchitektur des Iren (und Irren) James Joyce, ich bewohne die Texte des Europäers Hermann Hesse, als wären es meine eigenen, ich bestaune die satten Farben und kraftvollen verbalen Pinselstriche des Amerikaners Walt Whitman und ich wickele mich gern in die Satzgirlanden Thomas Manns ein. Im Haus der bildenden Kunst habe ich schon viele Gästezimmer, aber noch keine Heimaten und das Kulinarische ist mir nicht wichtig genug, um dem Leser jetzt meine internationalen Lieblingsgerichte aufzutischen.
Meine ausgelebte, moderne Transkulturalität ist leider nicht mit dem Kulturverständnis der AfD vereinbar. Diese Partei mit ihrem Glauben an die deutsche Leitkultur scheint immer noch dem alten Kugelmodell der Kulturen anzuhängen, wie es Herder im 18. Jahrhundert vertrat. Wolfgang Welsch fasst die Konsequenzen von Herders Denken so zusammen:  

Erstens soll jede Kultur im Inneren homogen sein. Man glaubt, dass alle Mitglieder einer Kultur die gleiche Lebensform haben – angefangen von […] Essen, Schlafen, Schwitzen bis hin zu […] Vorlieben und Überzeugungen, Naturauffassung und Weltbild. […] Zweitens dekretiert das Kugelmodell strikte Abgrenzung nach außen. […] Kulturen, die wie Kugeln aufgefasst sind, können nicht miteinander kommunizieren, so können einander nicht durchdringen, sondern können einander nur, wie Herder das treffend formuliert hat, »stoßen«.

Diese Vorstellung war schon im 18. Jahrhundert problematisch, heute ist sie schlichtweg anachronistisch. Nicht nur ich, wir alle sind inzwischen transkulturelle Wesen. Transkulturalität meint dabei, dass die kulturelle Prägung durch »Mischungen und Durchdringungen« gekennzeichnet ist. Selbst der basisintelligente Mann mit breitem Stiernacken und Kurzhaarfrisur, der regelmäßig zum Kickboxen (Ostasien) geht, um für die nächste Diskussion mit Andersdenkenden gewappnet zu sein, sich hauptsächlich von Döner (osmanisches Reich) und Bier (China, Ägypten ...) ernährt und Fußball (England) für die 6. Weltreligion hält, ist auf eine grobschlächtige Weise transkulturell. Unwissenheit schützt nicht vor Transkulturalität. Letztlich ist unser gesamter Kulturkreis (Radius ohnehin unbekannt) mit allen anderen Kulturkreisen auf vielfältige Weise transkulturell vernetzt. Wolfgang Welsch schreibt dazu: 

Die alte Homogenitätsthese gilt längst gesellschaftsintern nicht mehr. […] Zeitgenössische Gesellschaften sind vertikal differenziert: die Lebensformen in einer Arbeitersiedlung, einem Villenviertel und der Alternativszene weisen nur wenige kulturelle Nenner auf. Hinzu kommen horizontale Differenzierungen: Unterschiede von weiblicher und männlicher, heterosexueller, lesbischer oder schwuler Orientierung. […] Folglich gleichen die Kulturen schon intern nicht mehr homogenen Kugeln, sondern sind in sich vielfältig. Ferner ist die Homogenitätsbehauptung im Außenbezug überholt. […] Heutige Lebensformen sind eher berufstypisch als national geprägt. Die Lebensform eines Ökonomen, eines Wissenschaftlers oder eines Journalisten ist nicht mehr einfachhin deutsch oder französisch, sondern – wenn schon – von europäischem oder globalem Zuschnitt. […] Hybridisierung […] gilt ebenso auf der Ebene der Waren: immer mehr werden die gleichen Artikel (wie exotisch sie einst auch gewesen sein mögen) allerorten verfügbar. Schließlich gilt es auch auf der Ebene der Information: Im Zeitalter des Internet sind unzählige Informationen tendenziell von jedem Punkt aus identisch verfügbar.

Wie weltfremd der Versuch der AfD ist, die klar polierte deutsche Kugelkultur vor  verunreinigenden Fremdkörpern zu retten, erkennt man, wenn man ihre angebliche deutsche Leitkultur näher betrachtet. Diese fußt laut AfD u.a. »auf den Werten des Christentums, der Antike, des Humanismus und der Aufklärung.« Das Christentum nahm erstmals richtig Fahrt auf, als ein Rabbiner namens Paulus auf dem Weg nach Damaskus vom Kamel fiel. Damaskus liegt, glaube ich, irgendwo im Nahen Osten ... Und dass die Hauptschauplätze der Antike vor allem in Griechenland und Rom lagen, wird viele Germanioten überraschen. Der Humanismus der Renaissance wurzelt schon wieder eher in italienischen Gefilden. (Droht uns mit der AfD die Italisierung des Abendlandes?) Die Aufklärung war ebenfalls kein rein deutsches Produkt, wie bereits ein kurzer Blick auf den Schotten David Hume und den Franzosen Voltaire deutlich macht. Die deutsche Leitkultur ist also in Wirklichkeit ein bunter transkultureller Cocktail, dem ein paar Farbspritzer mehr auch nichts schaden.  

Liebe Verteidiger der Leitkultur: Ihr verteidigt eine Fata Morgana. Diese kommt vor allem in Wüsten vor. Deutschland hat keine Wüsten. Denkt da mal drüber nach. 
Liebe Transkulturellen: Outet euch endlich! Ihr seid nicht allein! Im Gegenteil: Ihr seid genau genommen ALLE!



Über den Autor

Claudius Taubert ist eigentlich ein Musik(lehr)er und in Wahrheit ein Philosoph. Irgendetwas hat ihn vor einigen Jahren aus dem Leben aufgeschreckt und treibt ihn seitdem durch die Geschichte der Philosophie. Er liest so berauscht – von den griechischen Klassikern an – wie es nur Autodidakten vermögen. Mittlerweile steht er aufgrund seiner beharrlichen Lektüre von auch zeitgenössischen Texten in brieffreundschaftlichem Kontakt zu Rüdiger Safranski, Navid Kermani, und auch zu dem emeritierten Philosophie-Professor Wolfgang Welsch, den er hier mehrfach zitiert. In seinem ersten unabhängig veröffentlichten Buch erzählt er von einem Aufenthalt in Südamerika.


Dieser Beitrag wurde betreut von Konstantin Schönfelder.

Kleine Philosophie der LEGO-Steine

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